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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-08-06 · Heft 32 (6.8.1878) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 32 (6.8.1878)
Date
1878-08-06
Page
Seite 503 (sequence 7)
Language
German
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503 formgemeinde geäußert haben. Sie vermißen nämlich in den Gesangtexten schöpferischen, dichtenden Geist. Nun trifft der Vorwurf freilich nicht bloß die Berliner Reformgemeinde allein, da ja die Lieder derselben zum großen Theil dem „Hamburger Tempel" entnommen und auch Gemeingut der verschiedenen anderen Reform-Tempel geworden ist. Aber Recht haben Sie, den Vorwurf gegen die Berliner Reformgemeinde schärfer zu betonen, insoweit diese, sich den übrigen voraus bewegend, „freieren Spielraum" hat, und allerdings zu erwarten war, daß bei der neuen Bearbeitung des Gebetbuchs dieser Gemeinde auch der gesangliche Theil eine Erneuerung erfahren werde. Soll der Schluß zu ziehen sein, daß die moderne Synagoge die Kraft der schaffenden Poesie ermangle? Ich möchte die Frage als eine offene betrachten; indem es mir vielmehr -aus dem konservativen Naturell der Juden herzurühren scheint, daß man das altgewordene Neue nicht abermals erneuern mag. „Wir sind", sagt man sich in den Reformgemeinden, „an die seit Jahr und Tag gebräuchlichsten Texte und Melodien nunmehr gewohnt, sie haben sich einmal bei Alt und Jung eingelebt, und so mögen sie, weil sie lange da sind, noch länger - da bleiben." Dieses Argument des Verharrungsvermögens hat auch in der hiesigen Reformgemeinde bestimmend gewirkt. Die bei der Entstehung der Gemeinde angenommenen Sangesweisen sollten als gemeindliche Traditionen unangetastet beibehalten werden. Nur drei Choräle — Seite 67, 82 und 125 — von Rabbiner Dr. Chronik, nach dessen Vorlage, wie die „Allgem. Ztg. d. Judenthums" bereits berichtet hat, die Umgestaltung des Gebetbuchs erfolgt ist, sind in die Festgebete neu eingefügt worden. Es bleibt also der Zukunft anheimgegeben, die reformatorischen Ideen auch in poetischer Sangbarkeil auszugestalten und einzuführen, von denen die messianische wohl eine der herrlichsten und fruchtbarsten erscheint. Im Uebrigen hat der alte Liederschatz denn doch auch manche Weise aufbewahrt, wie z. B- „Seele, was betrübst du dich", vom sel. Dr. Sa lomon, der eine ursprüngliche Ader religiöser Poesie füglich nicht darf aberkannt werden. Nachschrift. Der gerügte Ausdruck: „und durchdringst mit deinem Blick die innersten Tiefen der Erde" — Seite 22 neue und 20 alte Ausgabe — ist ein Druckfehler für Seele. Berlin, 22. Juli. (Privatmitth.) Nichts ist einfacher, als die Reihe der Mittelchen, durch welche sich eine Partei oder ein Parteichen ins Leben einzuführen versucht. Man bildet einen Verein, man hält öffentliche oder Parteiversammlungen, Man gründet ein Blatt, sei es auch nur ein Blättchen. In einer großen Stadt, wie Berlin, sindet man leicht einige Leute, welche aus den verschiedensten Motiven einen Verein bilden, oder einen solchen vorstellen. Hat man einen oder mehrere Redner oder Schwätzer, so sind Versammlungen schnell arrangirt. Seitdem die Caution für die Zeitschriften und der Zeitungsstempel aufgehoben sind, gehört nur ein geringer Speculationsmuth dazu, ein Blättchen zu gründen. Eine Hauptsache dabei ist, so recht aufreizende Aeußerungen, Schlagwörter heftiger Art in den Versammlungen und in dem Blatte loszulaffen, um in der gegnerischen Preffe eine lebhafte Besprechung hervorzurufen, was zu einer unbezahlten Reclame dient. Viele Erscheinungen würden einen Tag nach ihrer Geburt vergeffen werden, wenn die allgemeine Presse nicht immer wieder davon gesprochen hätte. Seitdem z. B. der sogenante Culturkampf und die Germania nicht mehr täglich in den Zeitungen erscheinen, da man sich nicht mehr für sie interessirt, wenigstens die Blätter andere wichtige Gegenstände zu besprechen haben, wie viel haben jene da an Bedeutung verloren, wie viel ist von ihrem Feuer erloschen? Hat nun das neu erstandene Parteichen diese Mittel erschöpft, ohne sich einen bleibenden Platz errungen zu haben, so geht es schnell mit ihm zu Ende. Dies ist das Schicksal der seit einigen Monaten erstandenen „christlich-sozialen Partei." Als Verein hat sie nur geringes Terrain erobert, da sie selbst unter den Muckern nur die äußersten Enden sich anzueignen befähigt war. Die Versuche des Hofpredigers Stöcker, auch außerhalb Berlins Freunde zu gewinnen, ist ihm selbst im Wupperthale mißlungen. Die „Conservativen" laßen sich alle Fractiönchen gefallen, die ihre Masse, welche bekanntlich nur schwach ist, vermehren zu können scheinen, und haben daher die Existenz auch dieses conservativ verschrobenen Vereines gelten laßen, ohne ihn wesentlich zu unterstützen. Sie räumten dem Herrn Stöcker auch einen verlorenen Posten als Reichstagscandidat in einem Berliner Wahlbezirk ein. Noch schneller verliefen sich die Versammlungen dieser Partei im Sande. Jüngst schrieb sie eine Wählerversammlung aus, zu der sich wirklich einige zwanzig Personen einfanden, und unter diesen hatten sich auch einige Sozialdemokraten eingestellt. Einer der letzteren nahm nach der Rede des Vorsitzenden das Wort, und da ihm der Vorsitzende dies nicht zu entziehen vermochte, weil es eine Wählerversammlung war, so sah er sich bewogen, die Versammlung zu schließen. So blieb denn auch nichts übrig, als auch ein Blättchen zu gründen, und dies erscheint seit dem 1. Juli unter dem prunkenden Namen: „Deutsche Volkswacht", welchem der bescheidene folgt: „Organ der christlich-sozialen Partei." So wie in ihren Vereinsreden, hatte auch dieses Blatt nichts Eiligeres zu thun, als zu erklären, daß es den Kampf gegen die Juden führe, gegen „das Ueberwuchern des Judenthums und die durch daßelbe gemachte öffentliche Meinung." Die „D. Volkswacht" wird sehen, daß ihr selbst dieses bei den Conservativen so beliebte Kampfmittel nichts helfen wird: es ist bereits zu sehr abgenutzt, und bei dem geringfügigen Vorrath an Geist, der dem Blatte, wie es selbst beweist, zu Gebote steht, weiß es demselben auch nicht die geringste neue Seite abzugewmnen. Die ganze Preße, die nicht zu der neuen kleinen Partei gehört, als von jüdischen Redakteuren und Mitarbeitern beherrscht

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