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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-08-06 · Heft 32 (6.8.1878) · p. Seite 502

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 32 (6.8.1878)
Date
1878-08-06
Page
Seite 502 (sequence 6)
Language
German
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502 gegeben wird, als wenn sich eine reale Veranlassung dazu ergeben habe, ungefähr so, wie die englische Constitution und Gesetzgebung entstanden ist und fortschreitet. Daß im Alterthume auch bei anderen Völkern zur Grundlage einer neuen Staatsgestaltung, wenn diese dem unorganisirten Volke nothwendig war, eine bestimmte und ausführliche Gesetzgebung veranstaltet und auch niedergeschrieben wurde, z. B. bei Spartanern, Athenern und Römern, scheint der Verfasser nicht zu wissen, und daß hierfür der Zusammenhang der einzelnen j Gesetze und besonders auch der Umstand spricht, daß manche j der Gesetze gar nicht zur Ausführung kamen, sondern Ideal j des Gesetzgebers blieben, davon hat er keine Ahnung. Der! Geist der Gesetze bleibt ihm verborgen, da sein eigener Geist j nur an der buchstäblichen Einzelheit haftet,; und er diese nun! in irgend einem geschichtlichen Winkel unterzubringen sucht. I So ist es ihm ein Kriterium, daß Saul, David und Salomon j irgend eine priesterliche Einrichtung gar nicht gekannt haben - sollen, eine solche vor ihnen daher nicht vorhanden gewesen, und die Gesetze, die diese betreffen, erst später entstanden seien. Daß eine Volksmasie, die aus Aegypten gekommen, keine Vorstellung von priesterlichen Einrichtungen und kein Bedürfnis für diese gehabt haben soll; daß eine solche sich überhaupt sortbewegt, ein Land eingenommen und viele Jahrhunderte existirt haben soll, ohne Gesetze zu haben, ist doch eine sehr abenteuerliche Voraussetzung. Ob die Geschichte der Könige in Juda und Israel, so weit sie vor uns liegt, mit ihren beständigen Kämpfen zwischen Gotteslehre und Heidenthum und der immer wiederholten Obherrschaft des letzteren einen geeigneteren Boden für die Schöpfung der Gesetze dargeboten habe, erscheint uns mehr als zweifelhaft. Ueberhaupt hat Herr Sharpe eine sonderbare Vorstellung von der Fabrikation der Gesetze. So läßt er z. B. das Gesetz über .die Errichtung der Stiftshütte unter dem Könige Joas abfasien, also 120 Jahre nachdem Salomon den Tempel gebaut, für welchen also erpreß ein kleines Vorbild und Muster erdichtet wird, ein hölzernes Bauwerk von dreißig Ellen Länge für den mächtigen Tempelbau, für welchen alle Verhältniffe auf einen geringen Maßstab zurückgeführt werden! Dies ist gewiß ganz unpsychologisch, da, wenn man einmal für die Gegenwart ein Ideal in der Vergangenheit erdenkt, das letztere gewiß in's Riesige und Wunderbare hinausgeführt wird. So war es denn unserem Autor möglich, den Pentateuch vom Kampf gegen die Amoriter über Esra und Nehemia hinaus bis auf die makkabäischen Kämpfe, denen 4 Mos. 24, 14—10, dann wieder V. 21 und 22 und endlich wieder V. 23 und 24 Zugeschrieben werden, zu vertheilen. Ebenso verfährt er mit allen anderen Büchern, namentlich Josua, Samuel, Jesaias, Ezechiel und selbst mit den Klageliedern Jeremias'. Daß hierdurch die Geschichte j selbst vielfach willkürlich unter einander geworfen, und für die; Literatur jedes Verständnis des Zusammenhanges und der j Entwicklung des Geistes unmöglich ist, leuchtet ein. Wir können und mögen dem Verfasier nicht weiter in's Detail folgen und stellen ihn nur als ein Beispiel hin, wie weit eine solche Kritik nach selbstgemachten Voraussetzungen und in realistischer Kleingeisterei bei sonstigem Scharfblick und Fleiß irre führen kann. 2£e4/ttuuj 6iMxc&U/dabeu/. Deutschland. 0. Berlin, im Juli. Privatmitth.) 14. Juli. Kürzlich! hat in einer hiesigen sog. „christlich-socialen" Wahlversammlung! ein Missionsprediger das erschreckliche Wort gesprochen, daß er! berussgemäß jüdische Zeitungen und Zeitschriften lesen muffe und aus dieser Lektüre sich überzeugt habe, daß die Juden schlechterdings nicht conservativ sein können. Es giebt wirklich schon keine Ungereimtheit mehr, die nicht gegen die Juden wäre vorgebracht worden. Die radikalen, rothen Minister von Rumänien sollten fußfällig Bismarck die Hand küffen, daß unter seiner Präsidentschaft und Begünstigung der Berliner Congreß die rumänische Gleichstellung solcher un conservativen Elemente wie die Juden angeordnet hat. Einem Volke, welches keine geringere Geschicklichkeit besitzt, als sich vier Jahrtausende lang zu conserviren, das Talent für den EonservatiSmus absprechen, ist eine logische Liebeswürdigkeit, die nur ein christlich-socialer Missionsprediger-Kops hat verüben können. Ich meinerseits wundere mich stets über das gerade Gegentheil, über den unverwüstlichen erhaltenden Trieb der Juden. Selbst in dem äußersten Reformsreund unter den Juden steckt, angeboren oder anerzogen, immer noch ein stark Theil von kaum bezwinglicher conservirender Neigung, die sich nicht allein aus die einsuführenden, sondern auch auf die schon eingeführten Reformen geltend macht. Haben reformistische Einrichtungen im Gottesdienste nur erst einige Jahrzehnte hinter sich, so erhalten sie innerhalb der Gemeinden bald den Stempel des Bleibenden, des Ehrwürdigen, woran man sich nicht entschließen möchte, wieder zu rütteln. Es hat dies sein Gutes, insofern daraus ein Schutz gegen die Reaction erwächst, wie es auch sein Schlimmes hat, insofern die Weiterentwickelung dadurch gehemmt, oder doch schwerfällig gemacht wird. Ich bin hier-; an neulich durch die tadelnde Bemerkung erinnert worden, die Sie, hochverehrter Herr Redacteur, unter den „literarischen Notizen" über die Liedertexte oder Choräle der Berliner Re-

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