Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1878)
- Date
- 1878-08-06
- Page
- Seite 501 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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501 Verfasser bringt für die Veränderungen, die im und am Judenthume vor sich gegangen, au» der Geschichte von Esra an, beweiskräftige Beispiele herbei. Allerdings hätten wir gewünscht, daß hierbei der gesammte Entwicklungsgang des Judenthums in übersichtlichen Zügen gezeichnet worden wäre, weil dieses eine noch überwindendere Ueberzeugungskraft geübt hätte, und die einzelnen Erscheinungen am und im Ganzen noch mehr erkennbar hervorgetreten wären. Wir hätten dafür manche Abschweifung auf Gebiete, die doch hier nicht erschöpft werden konnten, hinweggewünscht, um so auch dem Ganzen mehr logische Einheit und Durchsichtigkeit gegeben zu sehen. Doch ist des Guten zur Genüge geschehen, und fÄ viele Geister hat das einzelne geschichtliche Factum mehr Frappantes und schlägt bei ihnen mehr durch, als Ausführung ins Allgemeine. Schlagend weist der Verfasser den Anhängern der Stabilität nach, daß sie selbst gar nicht stabil sind, ja daß sie die gesetzlichen Zustände, wie sie vor etwa vierzig Jahren noch waren, nicht wieder annehmen würden, wenn es ihnen selbst angeboten würde. Der Verfasier geht auch um die Reform selbst nicht herum, sondern beleuchtet sie nach ihren einzelnen Momenten, um zu zeigen, welche erhaltende Kraft in ihnen liege und welche zerstörende im Gegentheil, in der unverrückbaren Stabilität. In einem Anhänge fügt er noch weitere Ausführungen zu einzelnen in der Schrift berührten Punkten hinzu. Daß der Verfasier von echt conservativem Geiste beseelt ist, ersieht man auch daraus, daß er sich überall auf Autoritäten längst vergangener Zeiten stützt und sich wohl hütet, Erzeugnisien der neueren Literatur eine Beweiskraft zu insinuiren und sie deshalb zu seiner Unterstützung anzuführen. Nur fürchten wir, daß die Gegner in nicht wenigen dieser älteren Autoren auch etwas Ketzerei riechen werden. Möge der Verfasser in der Verbreitung seines Buches einen befriedigenden Lohn für seine redlichen Anstrengungen empsinden — überzeugen lassen sich fteilich nur Diejenigen, welche überzeugt zu werden die Befähigung und den Willen haben. Tie Widersacher werden, wie sie es mit Allem zu thun pflegen, was ihnen ihre Unvernunft und den Widerspruch mit der Geschichte des Judenthums erweist, erklären: das sind Phrasen, wir wollen und üben die That. Und was verstehen sie unter Thal* Taschlich-machen, dem Mond, um ihn zu begrüßen, entgegenzuhüpfen, Peßach mit der Komödie des Schlüsielverkaufens und des Chomezbattelns einzuleiten, die fromme Täuschung der Erubim üben u. s. w. Dies sind ihnen Thaten des echten Judenthums; dieses bildet für sie den Beweis der „Gesetzestreue"! Doch wir wisien ja, das Judenthum umfaßte zu allen Zeiten, selbst zu denen der strengsten Uniformität, eine Masie mit sehr verschiedenen Elementen, verschieden an Begriffsvermögen und Herzensbedürfniß, an Auffassung und Kenntniß, an Bildung und Brauch, und Maimonides hatte sicherlich eine andere Anschauung als viele Rabbiner seiner Zeit, die seine Werke verbrannten, und als die Amrazim seiner Zeit. Dies schadet der Gesammtheit und ihrem Entwicklungsgänge nichts. Streben wir nur gewisienhaft und immer mit dem Blick auf den Frieden, wie es unser Verfasier thut. — Erst in diesen Tagen . ist uns, durch die Freundlichkeit des Autors, folgende Schrift zugekommen: „The History of the Heb re w Nation and iu Litorature; third Edition, by Samuel Sharpe. London, John Rüssel Smith, 1876. ' Herr SHarpe hat eine Reihe von Schriften über Alt- und Reutestamentliches und Aegyptisches, z. B. eine Geschichte von Aegypten bis zum Jahre 640, herausgegeben, welche zum Theil bereits in mehreren Auflagen erschienen. In der vorliegenden Schrift befolgt der Verfasier die Methode, Geschichte und Literatur nicht gesondert, sondern unter einander zu behandeln, und zwar nach den Zeitpunkten, in welchen ihm die Schriften verfaßt erscheinen. Und wie erscheint ihm dies? In England kennt man nur zwei Extreme auf dem biblischen Gebiete: entweder man weist jeden kritischen Anflug mit Entsetzen zurück, oder man wirft sich in eine bodenlose Kritik hinein. Run bemerkten wir jüngst, daß die Engländer in Kritik und Geschichte nur dem nüchternsten Realismus folgen; für poetische Auffasiung, für geistigen Zusammenhang, für im Laufe der Zeit vorgenommene Veränderungen an der ursprünglichen Gestalt haben sie auf diesem Felde wenigstens keinen Maßstab; nichts als die buchstäbliche Thatsache wird in Betracht gezogen. Z. B. Herr Sharpe sagt: das Buch Hiob ist von Jemandem geschrieben, der in der Wüste von Uz gelebt hat und nach Judäa zurückkehrte nach einem Aufenthalte in Aegypten und Nubien. Letzteres vermuthet er aus der Beschreibung des Strauß, Nilpferdes und Krokodils. Nun sind diese Beschreibungen im Hiob poetisch und mit so übertreibenden und fabulirenden Zügen versehen, z. B. daß das Krokodil Feuer und Dampf ausathmet, daß man gerade die persönliche Bekanntschaft daraus leugnen möchte, da im Gegentheil der Dichter bei den Thieren des Landes durchaus der Natur treu bleibt. Die Geschichte des Paradieses ist ihm in Hebron, das Buch Josua in Sichern u. s. w. geschrieben. Daß ein Autor, auch ein alter, einige Kenntnisie über sein Dorf hinaus gehabt haben könne, oder daß Jemand im Alterthum auch an einem anderen Orte sich umgeseben haben könne und in der Heimath darüber berichtet, scheint ihm unglaublich. So müsien daher z. B. die Kapitel 26 und 27 des Buches Ezechiel in Torus geschrieben sein u. s. w. Herr Sharpe vermochte daher nach solchen Kriterien die biblischen Schriften nicht in Stücke, sondern in Stückchen zu zerreißen und diese zerrisienen Papiersetzen über die ganze Geschichte des alten Israel mit willkürlicher Hand zu zerstreuen. Darin leistet er mehr als irgend einer seiner Vorgänger, und dies erklärt uns auch die Gunst eines gewiffen Theils des Publicums, durch welche das Buch bereits in der dritten Auflage vor uns liegt. Er hat auch noch andere Maßgaben. So begreift er nicht, daß ein Gesetz anders