Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1878)
- Date
- 1878-08-06
- Page
- Seite 498 (sequence 2)
- Language
- German
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498 Phantasie, sondern mitten im Leben stehend und die Erfahrungen des wirklichen Lebens sammelnd, ausspricht. So erinnern sich unsere Leser noch der eindringlichen Kundgebung unseres verehrten Glaubensgenossen, des Dr. Adolph Fischhof, vor einigen Jahren, der die Parlamente aller Staaten aufsorderte, in gemeinsamen Berathungen durch Delegirte die Abrüstung der europäischen Großmächte nach gemeinschaftlich getroffenen Maßregeln zu beschließen. Der Antrag machte im Kreise der österreichischen Reichsrathsmitglieder einigen Eindruck, wurde jedoch bald durch den Sturm der orientalischen Frage wieder übertönt. Im Augenblicke nun macht ein Schriftstück gerechtes Aussähen, das von einem Manne ausgeht, der dem kleinen Kreise der europäischen Regentenfamilien selbst angehört, und gerade dem russischen Kaiser sehr nahe steht. Der Prinz Peter von Oldenburg hat ein Memorandum mit eigener Hand niedergeschrieben und läßt es in der russischen Aristokratie von Hand zu Hand gehen, das offenbar an die Adreffe des Berliner Congreffes gerichtet ist. Wir theilen es hier wörtlich mit: „Es giebt feierliche Augenblicke im Leben der Individuen, es giebt solche nicht minder im Leben der Nationen. Besonders feierlich ist der gegenwärtige Augenblick, wo die Chefs der Cabinete und die Deligirten der Großmächte in Berlin zusammengetreten sind, um einem furchtbaren Kriege ein Ende zu machen und Europa einen soliden Frieden zu sichern, für welchen daffelbe ein gebieterisches Bedürfniß empfindet. Unter sehr schmerzlichen Umständen findet diese Vereinigung statt. Die ganze Welt, erschreckt durch die entsetzlichen Ereigniffe, die sich in Berlin vollzogen haben, fragt sich: Wohin gelangen wir? Sollen wir einer wilden Vereinigung zur Beute werden, die sich die Internationale nennt und welche durch die Solidarität des Verbrechens dahin zielt, die Grundlagen der Gesellschaft zu erschüttern, die Throne und die Regierungen zu stürzen und die Religion zu vernichten? Die Idee» des Socialismus verbreiten sich in erschreckende» Verhältnissen; und die Geschichte liefert uns den Beweis, daß man die Ideen nicht durch Bajonette bekämpfen kann, daß das Schwert der Justiz wohl die Schuldigen treffen, aber nicht die Keime verbrecherischer Ideen ausrotten kann, daß, um diesen Zweck zu erreichen, es einer übereinstimmenden und gleichzeitige» Action aller Souveräne und Regierungen bedarf, welche durch Gottes Gnade an die Spitze der Nationen gestellt sind. Unglücklicher Weise muß man gestehen, daß trotz der ganzen Verkehrtheit der Ideen des Socialismus die Regierungen demselben Vorwände zur Unzufriedenheit durch das Uebermaß ihrer Forderungen liefern, unter denen die Blutsteuer diejenige ist, welche am schwerste» ans de« Bevölkerungen lastet. Reden wir nicht von allen den Schrecke» deS Krieges, welcher den Frauen die Gatten, den Kindern die Väter, den Familien die Söhne raubt, der so viele kräftige Arme dem Ackerbau und der Industrie entzieht, und welcher in kurzer Zeit die fchönfte» Regimenter, die aus der Blüthe der Bevölkerung bestehen, in Haufen von Leichen und Verstümmelten umwandelt. Ist das Christenthum! Ist das Civilisation! Ist das das neunzehnte Jahrhundert! Man ruft Wohlthätigkeits-Anstalten und philanthropische Einrichtungen ins Leben, man gründet selbst Thierschutzvereine und man verurtheilt Menschen zur Schlachrbankl Es genügt also nicht, einen Frieden zu schließen, so ehrenvoll derselbe immer sein mag, wenn man den bewaffneten Frieden fortführt, welcher die Geißel aller Regierungen ist, weil er sie der Mittel beraubt, um dem Volke zu Hülfe zu kommen (soulager) und die in der inneren Verwaltung unerläßliche» Verbefferungen eintreten zu laffen. Jede Regierung muß über eine respectable, bewaffnete Macht disponiren, die ihren politischen und geographischen Positionen wie den Ueberlieferungen ihrer Geschichte entspricht; dieselbe abzuschaffen, wäre eine verbrecherische und sinnlose Idee, aber daS gegenwärtige System der Mafsen- Aushebung, welches von Robespierre erfunden ist, muß geändert werden. Die Wünsche und Gebete aller guten Menschen begleiten die großen Staatsmänner, welche sich in Berlin versammeln. Möchten ihre Bemühungen gelingen, um den Frieden, die Wohlfahrt Europas zu sichern, indem sie die Menschheit von der Geißel des Krieges befreien, dadurch werden sie sich in der Geschichte unsterblich machen und die Nachwelt wird sie segnen." — Es waren diese Worte offenbar an die Mitglieder des Congreffes in Berlin gerichtet. Jetzt ist der Congreß zu Ende und man weiß, daß auch diese eindringliche Ansprache ohne irgend welche Folgen geblieben ist. Der Friede ist zu Stande gekommen, der Friede zwischen den europäischen Großmächten. Für die Dauer deffelben ist keine Bürgschaft gegeben. Denn einerseits schließen die für die Donauländer und die Balkanhalbinsel getroffenen Anordnungen vielfache Streitelemente unter den dortigen Völkerschaften nicht aus, andererseits beruht die Hoffnung des Friedens vorzugsweise auf der Achtung der gegenseitigen Macht zwischen Rußland und England. Diese Achtung aber beruht wiederum nur auf der Stärke der Kriegsmacht beider Rivalen. An eine theilweise Abrüstung ist daher gar nicht zu denken. Die von dem Prinzen ausgesprochenen Wünsche und Hoffnungen sind also nicht im Entferntesten erfüllt. Oesterreich muß bei der Stellung, die es hinsichtlich Bosniens und der Herzegowina eingenommen und der Aufregung des italienischen Volkes gegenüber kriegsgerüstet bleiben.