Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1878)
- Date
- 1878-07-30
- Page
- Seite 489 (sequence 9)
- Language
- German
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489 guten Sache, sich manche unbequeme, rituelle Ceremonie gefallen zu lassen, um keinen Anstoß zu erregen, in und mit dem Volke zu leben und es allmählich zu überzeugen, daß Religion und Civilisation ganz friedlich Hand in Hand gehen können, daß die wissenschaftliche Beschäftigung unsere Seele veredelt und für die Wahrheiten des Glaubens empfänglich macht und daß im Lichte der Wissenschaft der Glaube geläutert und verklärt wird; anstatt auf diese Weise das Vorurtheil gegen Bildung und den finstern Aberglauben zu bekämpfen, der vor der Erkenntniß, wie Finsterniß vor Licht, von selbst verschwindet, haben die damaligen jüdischen Repräsentanten der neuen Aera durch Wort und That zum öffentlichen Aerger gereicht. Vieles, was beim Volke als hoch und heilig galt, haben fie mit Füßen getreten. Sie haben religiöse Gebräuche, die zu beobachten nicht schwer fallen konnten, öffentlich verletzt, ja durch schonungslosen und frivolen Aberwitz in den Staub gezogen. Run wird eine Schule eröffnet, wo künftige Rabbiner sich eingehend mit dieser höchst verdächtigen und daher tiefverhaßten Bildung beschäftigen sollten. An der Spitze dieser Schule steht ein Christ als Direktor. Ihr Lehrpersonal, meist aus jenen gebildeten Audodidacten bestehend, die sich beim Volke wegen ihres irreligiösen Wandels unerträglich gemacht haben, hatte auch Renegaten aufzuweisen. Es ist ganz begreiflich, daß das Volk zu solchen Schulen kein Vertrauen faffen konnte. Die natürliche Folge davon war, daß nur sehr wenige Eltern sich entschließen konnten , ihre Söhne einer solchen Anstalt anzuvertrauen. Die Schule war somit genöthigt, ihre Zöglinge aus den verwahrlosten armen Waisenkindern und entlaufenen Jeschiva-bachurim zu recrutiren, denen jegliche häusliche Erziehung abging. Es lag daher in der Natur der Dinge, daß man den Rabbiner-Zöglingen von vorherein mit großem Voruriheil begegnete. Manche fanatische Frommen und Frömmler ließen sich sogar von ihrem blinden religiösen Eifer Hinreißen, diese armen Zöglinge zu verfolgen. Dies ist nicht ohne schädliche Folge auf die Letzteren geblieben. Früh gewöhnten die Rabbinerzöglinge sich, in ihren Glaubensbrüdern heftige Feinde und Gegner zu sehen, und unterließen nicht, zuweilen durch Trotz und pietätlosen Spott sich zu rächen. So wurde das gegenseitige Verhalten zwischen Rabbinerschule und Publicum immer feindlicher. Das mag auch wohl dazu beigetragen haben, daß Lehrer wie Schüler das Hauptziel der Rabbinerschule aus dem Auge verloren, allen Nachdruck auf allgemeine Bildung legten, während sie die theologischen Fächer immer mehr in Schatten treten ließen. Zudem waren die Lehrer der letztgenannten Fächer, wie schon erwähnt, meist autodidactische Vielwiffer, die aber nichts systematisch und gründlich wußten, und ihr Unterricht entbehrte alles pädagogischen Planes und jeder Methode. Daß solche rationalistische Aufgeklärte, wie diese Lehrer meistens waren, nicht gerade dazu angethan waren, ihren Jüngern Interesse und Pietät für ihren künftigen Beruf einzuflößen, liegt auf der Hand. Mit sehr minimem theologischen Wissen, mit wenig Pietät und noch weniger Liebe zu ihrem Berufe verließen nun die neuen Rabbinercandidaten die Schule und traten ihr Amt an, nicht auf Verlangen der Gemeinde, sondern gegen deren Willen, gestützt auf den Regierungsbefehl, welcher die Gemeinden nöthigte, Zöglinge aus der Rabbinerschule zum Rabbiner zu wählen und dieselbe zu unterhalten, und vertraute ihr zu gleicher Zeit die Controls über den religiösen Wandel dieser Rabbiner, wodurch eben den Letzteren Hände und Füße gebunden waren und jedes energische Eingreifen in's Leben der Juden ihnen unmöglich gemacht worden war. Mit einem fanatischen Vorurtheil und erbittertem Haß sind ihnen die Gemeinden, entgegengekommen und wo sollte sich bei ihnen Liebe zu ihrem Fache, die sie schon ohnehin nicht gar zu viel besaßen, finden? Die Gemeinde wollte fie nicht als Rabbiner anerkennen, und sie wiederum gaben fich auch keine Mühe, sich diese Anerkennung zu verschaffen. Viele von den neuen Rabbinern schienen sogar auf diese Anerkennung vollständig verzichten zu wollen, wenigstens haben sie ganz darnach gelebt. Von einem eines Rabbiners würdigen Anstand schon gar nicht zu sprechen, schreckten manche von ihnen auch vor nsnc und &TDm22 TEXT ‘rftn nicht zurück. Ja sogar es fehlte nicht an solchen Rabbinerzöglingen und, wie behauptet wird, auch Rabbinern, die fahnenflüchtig wurden, oder uns in den judenfeindlichen russischen Organen verleumdeten und beschimpften. Genug. Unter solchen Umständen ist ganz einleuchtend, daß man von unseren neuen Rabbinern in keiner Beziehung eine geistliche Thätigkeit erwarten konnte. Sie haben vollständig ihren Beruf verfehlt und ist es auch kein Wunder, wenn einerseits die Gemeinden bemüht sind, so weit es geht, ihrer los zu werden, andererseits die mehr befähigten und bemittelten aus der Mitte der neuen Rabbiner dem Rabbinat den Rücken kehren und nach etwas Anderem greifen. Wir haben somit auch nicht viel verloren, daß die Rabbinerschulen eingegangen und an deren Stelle Lehrerseminare getreten sind. Der Geist, welcher in den Rabbinerschulen herrschte, und das Vorurtheil des Publicums gegen letztere, machten jede Modification und Restauration derselben zur Illusion. Ich bin weit entfernt, den Stab über die Rabbinerschulen zu brechen und ihnen alle Verdienste abzusprechen. Ich gebe gern zu, daß sie sehr bedeutend die Bildung unserer hiesigen Glaubensgenossen befördert haben. Sie haben ein nicht zu unterschätzendes Contingent von tüchtigen, gebildeten, mitunter gelehrten Männern geschaffen. Ich wollte nur constatrren, daß sie ihre Hauptaufgabe, tüchtige Rabbiner heranzubilden, nicht gelöst haben, und daß man zum großen Theil ihnen das Vorurtheil und Mißtrauen, welches sowohl in den Kreisen der gebildeten und liberalen, als auch der ungebildeten und orthodoxen Juden, gegen wissenschaftlich gebildete Rabbiner herrscht, zuschreiben kann. Dieses Vorurtheil und Mißtrauen 3t