Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1878)
- Date
- 1878-07-30
- Page
- Seite 488 (sequence 8)
- Language
- German
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483 Grunde, daß der Gottesdienst unsere andächtige Stimmung erhöbe, wenigstens ste nicht durch deprinrirende Unordnung und schreiende Zerfahrenheit entweihe und verletze, was leider unter den gegenwärtigen Verhältnissen der Fall ist. Unser Gottesdienst, wie unser Gotteshaus, muß umgestaltet und gehoben werden. Auch wir dürsten nach dem Worte Gottes, oder sollten es jedenfalls, und so muß doch Jemand da sein, der nicht blos diesen Durst löscht, sondern auch ihn in uns weckt. Nun ist aber unser Geschmack verfeinert. Spitzfindige, haarspaltende Kasuistik des wie das wildbunte homiletische Arabesken-Geschnörkel des tmi, will unferm wissenschaftlich gebildeten und systematisch cultivirten Geiste nicht mehr munden, eben so wenig kann uns die Lehre von trockenen Satzungen und leblosen Formen der rc^n befriedigen. Wir wollen den Geist jener Gesetze und den lebendigen Inhalt jener Formen kennen. Wir find einer Predigt bedürftig, die in einer unserer Bildung würdigen Sprache zu unserer Seele redet, fie ihrer Pflichten erinnert und mit edler, aber unwiderstehlicher Gewalt sie zu Gott führt. Wir kennen das Heil, das die Religion ihren Bekennern bietet, und möchten unfern Kindern eine religiöse Erziehung angedeihen lasten, aber wie fangen wir es an? H222 und jrctr nN'Hjr, meist das Einzige, was unsere gegenwärtigen Mütter von der Religion noch vielleicht wisten, reicht doch wahrlich nicht aus für die Erziehung der neu.n Generation. Es giebt Stunden im Leben, sei es in Freud und Leid, sei es, wo der Wurm des Zweifels an unserer Seele nagt, wo unsere Seele lechzt und schmachtet nach dem seligen und beseeligendeu Trost des Glaubens, und wir möchten dann umAlles in der Welt uns an einen Mann wenden, der auf der Höhe des ethisch-religiösen Lebens steht, um vor ihm offen und rückhaltslos unsere Seele auszuschütten und unsere Herzensangelegenheit zu besprechen. Wir Juden sind E'2i2rn '22 E'22m, wir thun sehr viel, oft noch mehr, als unsere Verhältnisse uns gestatten. Nur wisten wir nicht immer die rechte Art, Mildthätigkeit zu spenden, und bedürfen daher einer Person, die den Gang unserer Wohlthätigkeit leitet und überwacht. Nun paßt auch nicht Alles, was wir im religiösen Leben unserer Väter vorgefunden haben, für unsere Verhältniste. Manches läuft so gar schnurstracks unserem jetzigen Denken und Empfinden zuwider und läßt sich unmöglich mit der gegenwärtigen Stellung der Juden in Staat und Gesellschaft harmonisch vereinigen. Eine milde Reform ist geradezu unumgänglich nöthig. Wäre es nicht thöricht, dies Alles von unseren alten Rabbinern zu beanspruchen d So ist bei uns die Rabbinerftage, wenigstens bei einem beträchtlichen Bruchtheil der jüdischen Bevölkerung Rußlands, eine brennende, das Bedürfniß nach einer geeigneten Geistlichkeit ein mächtiges. Wohl wird dies Bedürfniß im wüsten Chaos, im bunten Durcheinander des Uebergangsstadiums, in welchem wir uns jetzt befinden, wo die Extreme sich berühren , wo Aberglaube und Unglaube oft an einer Stelle zu finden sind, noch wenig gefühlt. Desto schlimmer! Eine Krankheit ist dann erst recht gefährlich, wenn der Kranke selbst sie nicht empfindet. Daß es bei uns so weit kommen werde, mögen wohl die Gründer der Rabbinerschulen vorausgesehen haben, und gingen sofort ans Werk. Aber das war nicht wohlgethan. Es war noch nicht an der Zeit, Rabbinerschulen zu eröffnen. Man hat das Gebäude vom Dach zu bauen angefangen. Soll eine Gemeinde einen gebildeten Rabbiner haben, so muß sie vor Allem selbst etwas gebildet sein oder wenigstens die Bildung zu würdigen wisten. Der Rabbiner einzig und allein vermag nie seine Gemeinde zu bilden. Wohl ist er im Stande, im Einzelnen durch Aufklärung Licht zu verbreiten, allein ohne eine gediegene Bildung ist auch keine gesunde Auftlärung möglich. Das Krankhafte in der Bildung der Juden hierzulande, woran wie noch heute laboriren, ist, daß sie, die Bildung der Juden, ein Kind rücksichtsloser Gewalt ist, ein Product einer wohlgemeinten, aber unreifen und unklaren Idee. Dies Schicksal theilt sie mit der vaterländischen Bildung überhaupt, von welcher I. Scherr behauptet, Peter der Große habe die Rüsten in die europäische Cultur hineingeknutet. Was Peter der I. für die Rüsten, das war Kaiser Nicolaus für die Juden. Letzterer war, meiner unmaßgeblichen Meinung nach, in der neueren Geschichte nächst Napoleon dem I. derjenige Monarch, welcher sich eingehend und, in der ersten Zeit seiner Regierung, auch mit redlicher Gesinnung mit der Judenftage beschäftigte. Nur trat er in die Fußtapfen seines großen kaiserlichen Ahnen, und verfiel in besten Jrrthümer. Ohne eine allmühlige organische Entwicklung abzuwarten und nur der Natur nachhelfend, jene Entwicklung zu fördern, hat man mit fieberhafter Ungeduld, barbarische Halbasiaten im Nu in vollendete civilisirte Europäer neuester Fa^on verwandeln wollen, und als dieses nicht gut von Statten ging, hat man Gewalt geübt. Wie Peter den Rüsten, so hat Nikolaus den Juden Bärte und Röcke verschneiden und den Frauen ihre altmodische Tracht vom Kopfe reißen lasten. In ähnlicher Weise hat man uns auch gebildete Rabbiner aufgezwungen. Das alles hat nun einerseits dazu beigetragen, das Volk gegen Bildung und Gebildete einzunehmen und es so in zwei Lager zu spalten, andrerseits Halbbildung und krankhafte Auftlärung zu verbreiten. Wie gesagt, man ist zu früh zur Gründung der Rabbinerschulen geschritten, und dies hat manches andere Uebel nach sich gezogen, was sich später grausam gerächt hat. Unsere hiesigen Glaubensgenosten, zu jener Zeit fanatischem Aberglauben und tiefer Unwistenheit verfallen, sahen in der Bildung den Todfeind des Glaubens, und Aufklärung war ihnen synonym mit Ketzerei. Diese Abneigung gegen Bildung wird noch bestärkt und gekräftigt durch das rücksichtslose, das religiöse Gefühl der damaligen jüdischen Maste verletzende Gebühren unserer aufgeklärten Pioniere. Anstatt, im Jntereffe der