Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1878)
- Date
- 1878-07-30
- Page
- Seite 487 (sequence 7)
- Language
- German
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Das Wichtigste war, daß es den liefen Bedürfnissen der Religionslehre und den ihrer Bekenner nach einer entsprechenden Geistlichkeit volle Befriedigung gewährte. Dies Bedürfnist war zu allen Zeiten und ist auch heute vorhanden, wenn es auch jetzt bei uns vielleicht weniger zum Bewußtsein dringt, nur gebricht es uns an den geeigneten Rabbinern dies Bedürfniß zu befriedigen. Denn, „unsere alten Rabbiner stnd veraltet, und unsere neuen stnd keine Rabbiner." Unsere alten Rabbiner bei aller Achtung, die wir ihnen wegen ihrer sittlichen Reinheit und unzweideutigen Frömmigkeit zollen, entsprechen nicht mehr unseren Bedürfnissen. Ohne das Vermögen, die Zeit und deren Ansprüche begreifen und würdigen zu können, ohne die geringste allgemeine Bildung, ohne selbst die Religionslehre, die talmudisch-rabbinische Literatur, welche sie lehren, in deren reinen wistenschaftlichen Gestalt zu kennen, und dabei krampfhaft an Alles von den Vätern Ueberlieferte, ohne Unterschied, sich festklammernd, wie sollen sie selbst unseren bescheidensten Ansprüchen Genüge leisten? Wie sollen sie die Reinheit der Grundprincipien unseres Glaubens ungetrübt erhalten können, wenn sie selbst jene Principien in deren Reinheit noch nicht erkannt haben? wenn sie Alles streng buchstäblich dogmatisch auffassen? Wie sollen sie ferner einzelne Religionssatzungen zeitgemäß und entsprechend den örtlichen Verhältnisien abänderen, wenn bei ihnen selbst die unbedeutendste Vorschrift als eines j*nnx gleich heilig und unantastbar gilt. Wie sollen sie schließlich uns lehren und was? Die Sprache, welche wir sprechen, verstehen sie nicht, und was wir von der Religion wisien möchten, den Geist, die Idee, die kennen sie selbst nicht. Wohl hat es Zeilen gegeben, wo ihr Wisien vollständig ausreichte, wo sie die Bedürfnisie ihrer Gemeinden reichlich befriedigten. Aber das waren ganz andere Zeiten'. Unsere Väter, besonders in den letzten Jahrhunderten, grausam verfolgt und unterdrückt und zu Tode gehetzt, vom Staat und Gesellschaft ausgestoßen und verbannt, und ins enge dumpfe Ghetto zurückgedrängt, den Künsten und Wissenschaften, welche sie einst so rühmlich cultivirt, entrisien und entfremdet, versenkten sich, mit aller Macht und Schärfe des durch Jahrhunderte gepflegten und gebildeten Geistes, in die Religion. Was ihnen die Welt versagte, suchten sie in ihr zu finden, wozu ihnen auch ihre glühende orientalische Phantasie, ihr fantastischer Idealismus verhalf. Die Religion spendete ihnen nicht blos balsamischen Trost im Elend und gab ihnen guten Rath in tiefer Verzweiflung, sie bot ihnen auch Ersatz für Kunst und Wisienschaft, die Nahrung des Geistes, die man ihnen so herzlos entzogen hatte. Ihr ganzes Leben war umsponnen von einem Netze von Religions-Gesetzen und Satzungen, und sie fühlten sich darin frei und sittlich gehoben. Auf Schritt und Tritt begegneten sie bald einem Gebot, bald einem Verbot, und mit dankerfülltem Gemüth riefen sie KS71 nwai min nnb n:nn “p^ rw rrctf» rrapn. Die 4 meiste Zeit ihres Lebens verbrachten sie in rm2*n mir. und das ließ sie alle Noth und Plage vergeflen. Das srrcn JT2 war ihr Bethaus und ihre einzige Bildungsstätte, es war ihr Auditorium und Kunstmuseum-. Es gehörte freilich sehr viel dazu, um selbst den gewöhnlichen Juden damaliger Zeit in der Ausübung der Frömmigkeit und der Beobachtung aller ritueller Ceremonien und Gebräuche gleichzukommen; dennoch pflegten die Rabbiner sie hierin noch weit zu übertreffen. Allerdings haben die Rabbiner bei all ihrem umfaffenden talmudisch-rabbinischen Wisien im Ganzen und Großen ihre Gemeinden nicht überragt und redlich mit ihnen alle Wahrheiten und Jrrthümer getheilt, aber was that es! Was die Gemeinden von ihnen verlangten, besaßen sie in reichem Maße. Die Gemeinde forderte Cpa’S’i n"D2 nsrpn mS'nn, der Rabbiner war darin groß. Die Gemeinde wünschte Frömmigkeit in ihrer Art, nur in einem erhöhten Grade, der Rabbiner stand hierin als Muster da. Die Gemeinde sehnte sich nach geistiger Nahrung in ihrem Geschmack, nach ^12^2' Snvr, der Rabbiner war darin Meister. Was konnte die Gemeinde noch mehr von ihrem Rabbiner beanspruchen? Daher die tiefe Verehrung und das unerschütterliche Vertrauen, das sie dem Rabbiner entgegentrug und daher auch der gewaltige Einfluß des Letzteren auf seine Gemeinde und dessen segensreiche Wirkung. Es konnte aber nicht immer so bleiben. Mit den großen Veränderungen des neunzehnten Jahrhunderts in unserm politischen und socialen Leben mußten auch nicht geringe Veränderungen in unserm religiösen Leben eintreten. Unsere religiösen Bedürfnisie sind ganz andere als die unserer Väter, und daher sind auch die Anforderungen, die wir an unsere Rabbiner stellen müssen, ganz andere. Das moderne Leben, welches auch innerhalb der Judenheit Rußlands täglich an Terrain gewinnt, macht auch große Ansprüche. Schon davon abgesehen, daß wir viel mehr Bedürfnisie haben als unsere Väter, daß der Erwerb an sich jetzt beschwerlicher und complicirter geworden, müssen wir auch unserer Bildung Rechnung tragen. Wir müssen den Tagesinteressen, je nachdem, aus politischem und socialem Gebiete folgen. Kunstgenüsse sind uns allmählich zum Bedürfniß, gebildeter Verkehr zur Nothwendigkeit geworden. So werden wir von allen Seiten in Anspruch genommen, während uns die Zeit spärlich zugemessen ist. Wir sind daher beim besten Willen nicht mehr im Stande, uns so, wie unsere Väter, der Religion zu widmen und nur wenigen wird es vergönnt, sich theologisches Wissen zu eigen zu machen. Religiöse Regungen und Empfindungen, vom geräuschvollen Mühen und Treiben des Lebens immer mehr verdrängt, werden seltener , und noch seltener sind wir im Stande, ihnen gerecht zu werden. Wenn wir uns daher zur Andacht gestimmt fühlen und in's Gotteshaus eilen, um unsere übervolle Seele in Gemeinschaft mit unseren Glaubensbrüdern in inbrünstigen Gebeten und Gesängen sich ergießen zu lassen, so wollen wir, mit gerechtem