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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-07-30 · Heft 31 (30.7.1878) · p. Seite 486

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 31 (30.7.1878)
Date
1878-07-30
Page
Seite 486 (sequence 6)
Language
German
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486 jede weitere Auseinandersetzung völlig überflüssig. Dem ist aber nicht so. Wenn wir wissen wollen, ob wir eine Geistlichkeit gehabt haben oder nicht, dürfen wir nicht darnach urtheilen, ob und inwiefern unsere Rabbiner den Geistlichen anderer Confessionen gleichen oder nicht, sondern müssen darauf sehen, ob und wie weit sie dem reinen Begriffe des Geistlichen entsprechen. Dieser Begriff aber ist vom Wesen der Religion bedingt und so sehe ich mich genöthigt, auf letztern etwas näher einzugehen. So lange es Menschen auf Erden geben wird, werden sie der Religion bedürfen, und zwar einer Religion, die kein bloß nüchternes Theorem ist, mit richtigen oder falschen Prämisien, mit fein oder unfein combinirten Logismen und Postulaten, ein Spiel der Speculation und der Sophistik; einer Religion, die keine uralte historische oder unhistorische Tradition ist, ausgerüstet mit stabilen und verknöcherten Normen und Formen, sondern einer Religion voll Leben und Kraft, voll Tiefe und Gehalt, die im Stande sein soll, das ganze Dasein des Menschen, all sein Denken und Fühlen, Streben und Schaffen mit unvergänglichen ethischen Banden zu umfassen. Nur in einer solchen Religion können sich die ethischen Anlagen der Seele entwickeln und entfalten, die menschlichen Gefühle und Handlungen sich veredeln und verfeinern. Zwar können einzelne ethische Ziele auch außerhalb der Religion verfolgt und erlangt werden, allein erst in der Religion finden alle ethischen Bestrebungen Einheit und System, Halt und Richtung. Soll nun die Religion ihre Aufgabe lösen, so muß sie ein Organ haben, welches sie als das Ewigseiende im entstehenden und vergehenden Menschenthum darstellen soll. Allerdings sollen und müffen einzelne Religionsvorschriften dem Geiste der Zeit und den örtlichen Verhältnissen accommodirt werden. Denn soll das Leben von der Lehre getragen werden, so muß auch die Lehre nach Möglichkeit auf das Leben Rücksicht nehmen, allein nie und nimmer dürfen die Grundprincipien der Religion angetastet werden. Heil daher derjenigen Religion, deren Wesen fest und unerschütterlich in aller Ewigkeit dastehen kann, allen Stürmen und Strömungen der Zeit trotzend. Das besagte Organ soll also dafür sorgen, daß einerseits die Principien der Religion echt und rein erhalten, anderseits die Erscheinungsformen dieser Principien den Anforderungen der Zeit und des Ortes angepaßt werden; es soll aber auch sich bestreben und bemühen, die Religionslehre in's Leben ihrer Bekenner übergehen und es von ihr durchdringen zu lassen. Dieses Organ ist die Geistlichkeit, welche aus Personen bestehen muß, die nicht bloß gehörig befähigt und vorbereitet, sondern vor Allem vom Geist der Religion erfüllt und durchdrungen, sich berufen fühlen, die Reinheit der Religion zu überwachen, in ihr erforderliche und ihrem Wesen nach gestattete Veränderungen vorzunehmen, und schließlich ihre Glaubensgenossen durch das lebendige Wort, durch gutes Beispiel, wie durch persönlichen Umgang und Verkehr zu belehren und zu leiten. Wohl ist von diesen Rechten und Pflichten auch kein Laie ausgeschlossen, allein es wäre mit der Religion schlimm bestellt, wenn sie keine eigens dazu gewählte Männer hätte, welche berufen und verpflichtet und in Stand gesetzt wären, unbekümmert um die Mühen und Sorgen der sie umgebenden Welt, ausschließlich der Religion und deren Anforderungen zu leben. Die Function des Geistlichen ist also eine zwiefache; im Verhältniß zur Religionslehre, als der Hort und Hüter ihrer ewigen Wahrheiten, und hinsichtlich der Religionsgenossenschaft, als derer Lehrer und Leiter. Diese zwiefache Function des Geistlichen bedingt aber keineswegs, daß die Geistlichkeit einen geschloffenen geistlichen Stand mit ganz besonderen Rechten und Pflichten bilden soll. Die Function des Geistlichen ist rein ethischer Natur und nur ethisch dürfen sie wirken, ohne allen Druck und Zwang. Das Gebiet der Ethik ist zwar zum Theil das des Rechts, insoweit es nämlich die collidirenden Handlungen des Menschen betrifft, doch darf sie nie, wie das Recht, sondern nur wie die Kunst, ftei und präventiv auf die Seele ihre Wirkung äußern. Nimmer darf die Ethik in Jurisprudenz, die Kirche in ein Tribunal und die Geistlichkeit in eine Hierarchie ausarten. Wenn dem nun so ist, so können wir mit vollem Recht behaupten, daß es zu allen Zeiten in Israel eine Geistlichkeit gegeben hat, und zwar oft eine Geistlichkeit im eminenten Sinne des Wortes, wie sie irgend eine andere Confession schwerlich aufzuweisen hat. Wie schon oben erwähnt, „der Rabbiner war nie Stellvertreter Gottes auf Erden, noch hat er je den Vermittler zwischen Menschen und Gott gespielt. „Es giebt auch keine Amtshandlung, welche ein ausschließliches Recht des Rabbiners oder dessen ausschließliche Pflicht bilden sollte rc. rc." Nichtsdestoweniger versäumten selbst kleine und arme Gemeinden nicht. Alles aufzubieten, um einen Rabbiner zu engagiren. Ja selten wurde einem Geistlichen eine so hohe Achtung zu Theil, wie eben dem Rabbiner in seiner Gemeinde. Und dies wahrlich nicht umsonst! Denn wie viel Schönes und Gutes pflegen manche Rabbiner zu schaffen, und dies ganz still und bescheiden, ohne jede gewaltsame Maßregel; auch nicht einmal kraft ihres Amtes, sondern Dank derjenigen Vorzüge und Tugenden, welche sie in ihr Amt einsetzten. So war das Rabbinat eine reine ethische Function. Durch sein Leben und Streben pflegte der Rabbiner auf seine Gemeinde zu wirken. Wohl vertrat der Rabbiner nicht selten seine Gemeinde nach Außen, diese Vertretung aber war kein integrirender Bestandtheil des Rabbinats, vielmehr geschah es der besseren Ordnung wegen, und zufolge des großen Vertrauens, welches die Gemeinden zu ihnen, den Rabbinern, hegten. Die Auslegung der Gesetze, wie die Beantwortung religionsgesetzlicher und ritueller Fragen, wozu oft etwa, außer dem Rabbiner, ein i-lJS-nn ernannt zu werden pflegte, war wohl ein wichtiges Moment des Rabbinats, aber bei Weitem nicht das Wichtigste.

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