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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-07-30 · Heft 31 (30.7.1878) · p. Seite 483

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 31 (30.7.1878)
Date
1878-07-30
Page
Seite 483 (sequence 3)
Language
German
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483 Lesfing den Nathan erzählen läßt, auf welchem Wege er den Schmerz über die Ermordung seines Weibes und seiner fieben Söhne überwunden, also die rein menschliche Seite des Herzens zeichnet, hätte er ihn doch, und das wäre der Tendenz seiner Dichtung gar nicht zuwider gelaufen, auch seinen Kampf mit jüdischreligiösen Vorurtheilen darlegen können, wenn er auch nur im Geringsten die ihm untergeschobene Ansicht getheilt hätte. Nein! Lessing sah eben um sich nur die Ausschließlichkeit, die Verfolgungssucht, die Jnquisitionslust der Christen; von den Juden und Moslemen sah er dergleichen nicht; gegen die Ersteren also war sein Kampf gerichtet. Diese Ausschließlichkeit der Christen wurde in schmachvoller Weise gegen die Juden geübt, und darum wählte er gerade einen Juden zum Hauptträger seiner Lehre, und zwar in der Ueberzeugung, die er schon in seinen „Juden" und in der „Rettung des Cardanus" ausgesprochen, daß auf dem Boden des Judenthums und des Islam gerade ebenso Bildung und Humanität aufzusprießen vernrögen, als auf dem des Christenthums. Es gleicht wahrlich einem Schlag in's Gesicht für Lessing, ihm zu insinuiren, daß er insgeheim doch nur die Erhebung des Christenthums über Judenthum und Islam geplant habe, indem er alle drei Religionen aus die gleiche Linie stellte. In der Sache selbst ist es durchaus falsch, daß die Ausschließlichkeit des Judenthums größer sei als die des Christenthums. Das Gesetz des Judenthums schreibt vor: „Ein Recht für Alle", kennt also bürgerliche Ausschließung nicht. Es spricht ferner aus: „Die Gerechten aller Völker sind des ewigen Lebens theilhaftig", also es schließt Niemanden vom Bürgerrecht des Himmels aus. So weit wir das Christenthum historisch kennen, schließt es Andersgläubige von beiden aus, und noch jetzt, da eine liberalere Anschaunng die Herrschaft gewonnen hat, wird diese von den christlich-kirchlichen Anhängern auf's Heftigste bekämpft, und sowohl die Ausschließlichkeit des Seelenheils durch den christlichen Glauben, als auch die bürgerliche Ausschließung der Juden für unantastbare Grundsätze erklärt. Alles Andere ist Nebensache. Was den Proselytismus betrifft, so haben die Juden Proselhten niemals abgewiesen, sobald sie sich von der wirklichen Ueberzeugung und der lauteren Absicht des Proselyten unterrichtet hatten. Sie wollten eben keinen Uebertritt nach der Zahl, sondern in der Wahrheit haben. Wir lasen in diesen Tagen erst in Schücking's Lebenserinnerungen, daß seine Landsleute in Westphalen noch heute auf dem religiösen Standpunkt ihrer heidnischen Vorfahren ständen und die Bekehrung durch das Schwert Karl des Großen bester weggeblieben wäre. Wir sagen nicht, daß dies unsere Ansicht sei, es ist jedoch bezeichnend für den Proselytismus. Ebenso falsch ist es, daß Lessing selbst dem Judenthume eine größere Ausschließlichkeit zugeschrieben habe, sondern er läßt in den bekannten Versen die Juden zuerst sich das auserwählte Volk Gottes genannt und diesen Stolz auf die Christen und Moslem vererbt haben. Dies ist doch ein großer Unterschied, denn es kann Jemand etwas Ererbtes bedeutend vergrößern. Auch bedachte wohl Lessing hierbei nicht, daß diese Ansicht allen ' Völkern des Altcrthums eigen war, daß die Griechen alle Nicht-Hellenen für Barbaren hielten und sogar, was den Juden nie einsiel, alle anderen Völker von der Natur selbst zu Sclaven der Hellenen bestimmt, wie Aristoteles in seiner „Politik" auseinandersetzt. Dabei ist doch nicht zu übersehen, daß der Monotheismus der Israeliten einen wirklichen und schroffen Gegensatz zu der ganzen antiken Welt bildete. Ueberhaupt ist man auf diesem Felde seit Lessing weiter gekommen. Man hat in der geschichtlichen Forschung über den Ursprung des Christenthums und des Islam aus dem Judenthume gründliche Untersuchungen angestellt. Man hat sich nachdrücklicher klar gemacht, daß das Judenthum unter den drei Religionen die ursprüngliche ist, die anderthalb, resp. zwei Jahrtausende vor den beiden anderen existirte, daß es ihnen ihr Fundament gegeben und von beiden als die zu Grunde liegende Wahrheit anerkannt wird. Man erkennt auch an, daß das Judenthum noch bis heute den reinen Monotheismus mit seiner ganzen Consequcnz enthält. Hiermit stehen wir durch die geschichtliche Erkenntniß nicht mehr auf dem Boden der Fabel von den drei Ringen, mit der ja Lessing selbst Nathan den Saladin nur abffnden und die vermeintliche Falle, die ihm gelegt sei, vermeiden lasten wollte. In unserer Zeit wird es Niemandem mehr auffallen, wenn bei Betrachtung der religiösen Erscheinungen das Judenthum ebenso wie Christenthum und Islam in Erwägung gezogen wird. Ob parteiisch oder unparteiisch, hängt von der betreffenden Persönlichkeit ab. Aus allem Dem wird aber nur um so mehr einleuchten, welche Bedeutung „Nathan der Weise" für seine Zeit, für die Gegenwart, für alle Zukunft hat, welcher Heroismus des Geistes wie der Willenskraft dazu gehörte, ihn zu schaffen und der Welt zu übergeben. Er war und bleibt ein Leuchtthurm im wogenden Gewäster der religiösen Kämpfe, der Friedensruf im lauten Sturm der streitenden Parteien, eine Verkündigung göttlichen Geistes der Wahrheit und der Liebe! Darum, je entschiedener gegenwärtig die Gleichstellung aller Staatsangehörigen zum allgemeinen Grundsatz des Rechtsstaates erhoben worden, je mehr aber noch an diesem Palladium des Rechtsstaates alle reactionären Parteien mit wahrhafter Wuth zu rütteln suchen, je verworrener hingegen der Streit der religiösen Parteien, der Hader der Extreme vom finstersten Aberglauben bis zu dem weithin ausgebreiteten Unglauben in den schroffsten Gegensätzen ist: desto angemestener, ja dringlicher erscheint es uns, das hundertj übrige Jubiläum des „Nathan der W eise" nachdrücklich zu begehen. Ueber das Wie, ist noch zu verhandeln *). l ) Die Versisikation des Natban begann Leasing am 14. November 177k, den zweiten 2Ur;iuj am ». Deceiiiber, den dritten Auszug am 31*

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