Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1878)
- Date
- 1878-07-30
- Page
- Seite 482 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227177-3227209--36429-3306475- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
482 Christenthum, sondern nur gegen den christlichen Zelotismus austrat, daß er im Nathan die dogmatischen Lehren keiner der drei Religionen auch nur berührt hat. Aber schon die Gleichstellung der drei Religionen verwundete einen Theil, und zwar nicht den minderzähligen des damaligen Publicums, vor Allem aber, daß er einen Juden zum Hauptträger des religiösen Humanitätsprincipes gemacht hatte. Dies Letztere wollte man ihm nicht verzeihen und bis auf den heutigen Tag suchen die Literarhistoriker und Biographen Lessing gegen den Vorwurf, als ob er hiermit das Christenthum hintenangesetzt habe, zu vertheidigen. Es wird wahrlich Niemandem einfallen, zu behaupten, daß innerhalb des Christenthums nicht ein Charakter wie Nathan existiren könne — würde doch Lessing selbst, der diesen „Nathan" schuf, die nächste Widerlegung geben. Rief doch Mendelssohn in einem spätern Aufsatze aus, dieses Drama gereiche der Christenheit und dem deutschen Volke zur höchsten Ehre! Aber merkwürdig ist, welche sophistische Methode jene vorgeblichen Vertheidiger Lessing's anwenden, welche Dialectik, um schließlich selbst das Gegentheil herauszubringen, was Lesstng gemeint hat, nämlich daß Lessing einen Juden hierzu erwählt, um zu zeigen, daß das Judenthum weniger Sittlichkeit enthalte, als das Christenthum! Man wird dies ettvas stark sinden, die Sache so geradezu umzudrehen. Wir wollen deshalb zwei Beispiele aus der neueren Zeit herausheben. Im Jahre 1854 gab der Professor der Theologie Carl Schwarz eine Schrift, „Lessing als Theologe", heraus. Er erweist sich in derselben als ein aufgeklärter und möglichst parteiloser Theologe. Aber dies hält ihn nicht ab, S. 217 zu sagen: „Es liegt gerade dieser paradoxen Gegenüberstellung von Christ und Jude oder Christ und Muselmann die stillschweigende Voraussetzung zum Grunde, das Christenthum als solches müsse auch eine reinere Sittlichkeit herausgestalten und bleibe nur dann hinter Islam und Judenthum zurück, wenn es nicht zu seinem Rechte komme, wenn es nicht ein lebendiges und practisches, sondern ein dogmatisches Christenthum sei. So ruht gerade dies Preisgeben des Christenthums auf einer höheren Werthschätzung desielben, der Angriff ist gerade auf den Glaubens-Fanatismus des Christenthums gerichtet, weil er hier am wenigsten Statt finden sollte, weil er sich beim orthovoxen Juden und Moslem von selbst versteht." Ist dies nicht eine möglichste Leistung! Weil Lessing einen toleranten und wahrhaft humanen Juden und Moslem zeichnet, soll Judenthum und Islam intolerant und fanatisch sein, und weil er intolerante und fanatische Christen darstellt, soll das Christenthum tolerant und human sein! Bei dem orthodoxen Juden und Moslem soll sich der Zelotismus von selbst verstehen, bei dem orthodoxen Christen aber nur, weil er ein dogmatisches Christenthum hat und dadurch das Christenthum nicht zu seinem Rechte komme! Muß dies nicht ebenso von dem orthodoxen Juden und Moslem gelten? Muß das Judenthum mit seinen Vorschriften, Gott zu lieben mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, nicht ebenfalls sagen: ein Jude, der diesen Vorschriften aus irgend einem verkehrten Dogma heraus nicht Folge leistet, läßt mich nicht zu meinem Rechte kommen? Ja, es ftägt sich hier, was vom Christenthum als solchem ohne jene Dogmen übrig bliebe, während vom Judenthume ohne derartige Dogmen immer noch sein eigentlicher Inhalt, der Monotheismus und die Nächstenliebe unberührt bleibt? Doch diese Frage geht uns hier nichts an. Es handelt sich nur darum, zu zeigen, wie man Lessing mißbraucht, um seine An- und Absichten in's Gegentheil zu verdrehen. Schwarz, der den Grundsätzen Lessing's über Toleranz und Humanität huldigt, verleugnet diese, sobald Lessing sie am Judenthume und Moslem verwirklichen will. Dies kommt ihm unwillkürlich aus der Seele, indem er die „Gegenüberstellung von Christ und Jude oder Christ und Muselmann", die doch den ganzen Schwer- und Kernpunkt des Drama ausmacht, eine „paradoxe" nennt, also den ganzen Nathan für paradox erklärt, während er ihm im Weiteren die höchsten Lobsprüche spendet. Weiter geht noch Stahr in seinem Leben Lessing's. Er verdreht zunächst Mendelssohn das. Wort im Munde, indem er ihn „in dieser Dichtung die Verherrlichung des Christ ent hu ms" erkennen läßt, während Mendelssohn doch nur sagt, daß sie „der Christenheit zur Ehre gereiche". Jedermann versteht den Unterschied; auch spricht Mendelssohn nicht vom „christlichen Volke", in welchem allein eine solche Geisteshöhe erreicht werden könne, sondern vom deutschen Volke. Aber weiter. Stahr sagt (5. Aufl. Th. II. S. oÜ2): „Der Sieg eines Princips ist um so glänzender und vollständiger, wenn es sich aus seinem schärfsten Gegensätze zur Ueberwindung desielben erhebt. In diesem Verhältnisie steht Nathan und das Princip, welches er vertritt, zum Judenthum. Das Judenthum ist die exclusivste aller Religionen; es schließt alle übrigen aus, hält ihre Bekenner, sich, dem erwählten Volke Gottes, gegenüber, für unrein. Der Fanatismus der Bekehrung ist darum dieser hochmüthigen Ausschließlichkeit ebenso ftemd, wie die Universalität des Christenthums!" Ist dies nicht merkwürdig? Hat Lessing allein den Juden tolerant und human gezeichnet? nicht auch Saladin und Sittah und Al-Hafi? Müßte daher Stahr nicht daffelbe vom Islam russagen? Und warum thut er es nicht? Weil der Islam im Proselvtismus und in der Universalität vollständig die gleichen Wege wie das Christenthum gegangen und geht. Darum begnügt man sich, das Judenthum zu schmähen. Wenn aber Lessing den Nathan nur durch einen ungeheuren Kampf mit seiner Religion zu seinem Standpunkte gelangt zeigen wollte, warum hat er dies nicht mit einem einzigen Worte verrathen? Warum läßt er weder Nathan noch Saladin bekunden, daß sie nur im schweren Ringen mit ihrer überlieferten Religion sich zu ihren Ansichten erhoben hätten? So gut, wie