Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1878)
- Date
- 1878-07-23
- Page
- Seite 475 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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des Lord Beaconsfield bestimmt haben? Er hat immer seine Gründe gehabt, um an die Macht des Lebens und der Propaganda der semitischen Racv zu glauben. Der Artikel endigt: „Die Einbildungskraft ist eine schöne Eigenschaft, aber selbst die Dichter sehen sie übereinstimmend als gefährlich an. Wenn ein Land der Welt vor den Zufälligkeiten, welche sie verursachen kann, geschützt zu sein schien, so ist es das Land des gesunden Menschenverstandes, das kluge und weise England; man hatte — ohne die semitische Race gerechnet, deren Mittelpunkt im Orient, deren Peripherie überall ist." — Wenn so das gemäßigte und besonnene .Journal des Debats spricht, so kann man sich vorstellen, um wie viel weiter die leidenschaftlicheren französischen Zeitungen gehen. Rußland. Petersburg, s. Juli. Man schreibt von hier der „Independanee beige": „Die israelitische Presse des Auslandes imputirt Rußland noch immer die vorgeblich unglückliche Lage der polnischen Juden, indem sie uns vorwirft, ihnen die Rechte zu verweigern, deren die Christen und sogar die Mohamedaner genießen. Es ist dies ein schwerer Jrrthum. Die Israeliten in Rußland haben dieselben Rechte wie die Christen, und es giebt selbst schon eine große Anzahl Juden in der Verwaltung, von denen mehrere Hobe Posten einnehmen. Im letzten Kriege wurden mehrere israelitische Freiwillige zum Ofsiciergrade in der Armee erhoben." Ohne die letzteren Angaben zu verneinen, müsien wir doch den Artikel eines „schweren Jrrthums" zeihen. Gerade die beiden wichtigsten Rechte: die Freizügigkeit und der Erwerb ländlicher Grundstücke sind den Juden im russischen Reiche noch nicht zugestanden, und diese beiden machen die Lage der polnischen Juden so überaus traurig. Zusammengedrängt in ärmliche Städte beschränkter Provinzen und vom Betriebe des Landbaus abgehalten, zu dem eine große Menge von ihnen entschiedene Neigung hat. da sie als Tagelöhner, Lastträger, Kutscher, Handwerker, Steineklopfer u. s. w. an harte Arbeit gewöhnt sind, sind sie der Armuth und dem Elend überantwortet. Allerdings hat man hinsichtlich der Freizügigkeit einige Schritte gethan; jedoch nur solche, welche der eigentlichen Masie nicht zugute kommen. Es fehlt also das Fundament der Gleichberechtigung, und hiermit hängen die anderen gewährten Rechte in der Lust. Wenn übrigens der Artikel bei dem Rußland gemachten Vorwurf von der „israelitischen Presie" spricht, so ist dies das gewöhnliche Manöver. Wir könnten dem Petersburger Correspondenten der Independanee eine lange Reihe von Zeitungen nennen, in welchen jener Vorwurf erhoben wurde und in deren Redaction keine Spur von einem Juden ist, z. B. die „Kölnische Zeitung", die sich in mehreren ihrer Leitartikel in diesem Sinne hat vernehmen lassen. Rumänien. Bukarest, 5. Juli. (Privatmitth.) In einem Punkte treffen die Ansichten aller rumänischen Parteien und somit ihrer Preßorgane zusammen, nämlich in der Entrüstung über die vom Congresse beschlossene Gleichberechtigung der Juden. Es ist natürlich, daß die conservativc Partei, d. h. die der Bojaren, der liberalen Regierung den bittersten Vorwurf aus der Abtretung Beffarabiens macht und diese Regierung allein dafür verantwortlich erklärt. Aber sie geht weiter, und ihr Organ, der Timpul, greift die Regierung auch auf's Heftigste wegen der Gleichstellung der Juden an, und beschuldigt sie in heftigster Weise, daß sie die Emancipation der Juden herbeigesührt Habel Johann Bratiano, der eigentliche Urheber der Judenverfolgung in Rumänien, soll die Emancipation herbeigesührt haben! Er, der so oft das Volk gegen die Juden mit Donnerstimme aufgeregt und daraus einen Theil seiner Popularität gezogen hat, er soll die Gleichberechtigung derselben verursacht haben! Man sieht, wie die Parteileidenschaft kein Mittel scheut, um ihre Zwecke zu erreichen; man erkennt aber auch zugleich, was Parteiehrlichkeit ist. Denn bislang gaben sich die Bojaren den Anstrich, die Juden schützen zu wollen, und wiesen daraus hin, daß, so lange sie in der Herrschaft waren, die Juden wenigstens sicher lebten und nicht so argen gewerblichen Beschränkungen unterworfen waren, wie seit dem Rumänien eine fteisinnige Constitution und eine Regiertlng der ehemaligen Rothen hat. Jetzt zeigen dieselben Herren denselben Haß, denselben Widerstand gegen die Gerechtigkeit, weil sie nun ihrerseits sich hierdurch bei dem Volke insinuiren zu können glauben. Bukarest, n. Juli. (Privatmitth.) Man kann sich denken, wie sehr das gesammte Rumänien in Spannung ist über die Art, wie sich die Tinge nach den Beschlüssen des Congreffes weiter entwickeln werden. Hinsichtlich Beffarabiens kann man im Grunde nicht zweifelhaft sein. Man raffelt zwar mit dem Säbel, man kauft Waffen und will auch Pferde aufkaufen. Aber schließlich wird man sich hüten, Rußland, welchem Europa die Vollmacht gegeben. Widerstand leisten zu wollen. Alan wird sich in's Unvermeidliche fügen. Aber die Emancipation der Juden! Der Congreß bat sie beschlossen. Aber weder ein Beamter, noch ein Richter wird und darf sich nach dem Beschlüße auswärtiger Mächte richten. Diese Emancipation müßte erst durch alle gesetzgeberischen Factoren gehen, um eben Landesgesetz zu werden. Wird sich die rumänische Regierung veranlaßt sehen, auf den Beschluß des Congeesses hin ein solches Gesetz den Kammern vorzulegen? Werden die Kammern es ohne Weiteres annehmen? Und wenn dies nicht geschieht, was dann? Wird man von Seiten der Congreßmächte deshalb eine Erecution gegen Rumänien in's Werk setzen? Das steht kaum zu erwarten. Rumänien, das ohne