Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1878)
- Date
- 1878-07-23
- Page
- Seite 472 (sequence 8)
- Language
- German
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472 mußte, daß in dem republikanischen Rom die Plebejer lange gegen die Patricier um ihre bürgerliche Freiheit kämpften, und daß sogar die neueste Zeit von der noch ungezähmten Naturmacht auch im Culturstaate traurige Beweise liefert. Dennoch aber gewährt uns ein Blick aus den Entwicklungsgang des Menschengeschlechtes die Ueberzeugung, daß die Herrschaft des Geistes über die bewußtlose Natur mit jedem Jahrhundert ein größeres Gebiet sich erobert. — Der Bildungstrieb des Geistes stirbt nicht in der Menschheit, und so wie er in einzelnen Staaten bereits die Despotie und den Kastengeist überwunden hat, so wird er auch einst in dem gegenseitigen Verhältnisse der verschiedenen Staaten den Nationalitätenhaß und den Racenkampf aus der Menschheit zu entfernen wissen. Nationalitätenhaß und Racenkampf ') betrachtete die antike Welt als einen dem Menschen angebornen Lebenstrieb, dem er unbedingt genügen müsse, ohne zu ahnen, daß dieser wohl ein Jnstinct des unbewußten Naturgeschöpfes, aber niemals die Lebensäußerung des denkenden Geistes ist. Das Naturgeschöpf, in seinem Kampfe um das Dasein, tritt dem, ihm feindlich gegenüber stehenden Geschöpfe kämpfend entgegen; es muß gegen dasselbe sein Leben und seine Nabrung vertheidigen. Jbm ist ferner zum Aufenthalte ein bestimmtes Klima angewiesen, er ist meistens, wie die Pflanze, an die begrenzte Scholle gebunden. In der unbewußten Natur besteht, ein Krieg Aller gegen Alle. — Auch das Volk, welches in seinem Culturentwicklungsgange noch auf der Stufe des Naturlebens sich befindet, betrachtet den Krieg gegen ein ihm ftemdes Volk als eine heilige Aufgabe seines Daseins, besingt seine Helden, welche die Heere des Feindes besiegten, als Halbgötter, denen es seine Triumpfbogen und Tempel baute. Auch das Volk des Naturlebens klebt an der Scholle, betrachtet sein Vaterland als die Heimatbstätte seines Schutzgottes, fühlt sich als Autochthone und empsindet in der Ferne, wie das Tbier, ein krankhaftes Heimweh. In dem Racenkamvr barbarischer Völker zeigt die bewußtlose Natur ihren Kampf um das Dafein, den Gegensatz zum Kampfe um die Cultur. Das Gift für das (Kulturleben ist der Nationalitätenkrieg, er zertritt unbarmherzig in Jahrzehnten die Gebilde des Geistes, an welchen die Menschheit Jahrhunderte lang gearbeitet hat; je seltener deshalb der Eroberungskrieg wird, desto häusiger wird der Culturkampf seine Siege feiern, -) Zur Verteidigung gegen die Angriffe der Barbarei wird allerdings auch der Eulturstaat zur Waffe greifen müffen, und dem Fürsten, welcher das Vaterland 1) Auch Viesen Menschen- und culturfeindtichcn Leidenschaften trat das mosaische Gesetz durch sein Fremdenrecht (vgl. dessen Darstellung in unserem Bibelwerke zu 2 Mos. 22, 20.) und durch die Ausnahme in die Gemeinde (die 5 Mos. 23. 2 ss. ausgeführten, der Zeit angehörenden Ausnahmen erweisen die Regel) nachdrücklich entgegen Redact. 2) Die mosaische Verfassung, welche die allgemeine Wehrpflicht einführte, verhinderte jeden Eroberungskrieg, und wollte die Waffen nur zur Verteidigung des Vaterlandes ergreifen laffen. Dies bewährte sich auch in der Geschichte des israelitischen Volkes. R ed. bei dem beutegierigen Eindringen eines hochmüthigen Nachbarvolkes schützt, wird der Staatsbürger dankbar seinen Lorbeer winden; niemals aber wird die gereifte Cultur den despotischen Sieger, welcher ohne Veranlassung friedliche Nachbaren bekämpfte, als einen großen Helden besingen. Nicht einen Alexander von Macedonien, sondern einen Alexander von Humboldt nennt die moderne Cultur einen großen Geist. Die Ansichten eines Volkes über Heldenthum und Eroberungskrieg bilden die Grade an der Scala des Barometers für die Cultur. Je tiefer dieses seine Säule zeigt, desto tiefer steht seine Humanität, desto mächtiger zeigt noch die bewußtlose Natur, das Animalische im Menschen, seine Herrschaft, desto größer ist noch die Aufgabe des Culturkampfes. Natur und Geist heißen die zwei bewegenden Kräfte im Leben der Menschheit; die Natur mit ihrem instinctiv thätigen Zwange, der Geist mit seiner freien und sich selbst wissenden Vernunft. Die Natur offenbart den Kampf um das Dasein, Stabilität; der Geist zeigt den Kampf um die Cultur, Progression. Beide Bewegungen greifen ineinander, wie etwa in einem Uhrwerke Feder und Perpendikel. Die Feder treibt vorwärts, der Perpendikel greift hemmend und regelnd ein. Ist die Hemmung zu stark gegen eine schwache Feder, dann bleibt das Uhrwerk stehen. So wird der Geist in seinem Entwicklungsgänge gehemmt, wenn das animalische Naturleben zu kräftig ihm entgegenkämpft. Sparta kannte keinen Culturkampf; unter der Herrschaft der Lvkurg'fchen Gesetze sollte es zu einem ewigen Stillstand verurthcilt werden, deßbalb schritt der bewegliche Menfchengeist über diese Gesetze hinweg und entfernte ste aus dem Völkerleben.— Je länger die Menschheit durch ihre Weltanschauung die Naturkräfte kennen und sie zu bemeistern lernt, desto zahlreicher werden die Siege sein, welche der Geist in seinem Culturkampfe erringt. Allein das Menschengeschlecht schreitet bei diesem Kampfe nicht in geschloffener Reihe vorwärts, vielmehr werden erleuchtete Geister schon in entfernter Zukunft weilen, während Andere, mit beschränktem Blicke, noch in längst entschwundener Vergangenheit i rasten. Während ein Marquis Posa ausruft: „Ich lebe! ein Bürger derer, welche kommen werden!" kann ein Philipp ' der Zweite in ihm nur einen „sonderbaren Schwärmet erkennen. Philipp, der inquisitorische Despot, kann sich eine Zeit der Glaubensfreiheit nicht vorstellen, er steht in der Vergangenheit und kämpft den Kampf um das Dasein, während; Posa mit seinem Ideale in der Zukunft weilt und jenen Sieg ahnt, welchen der Culturkamps einst erringen wird. *) j 3) Den Gegensatz hierzu bildet das mosaische Gesetz, dessen Grundgesetze (z. B. der S.rbbath. die Lehnwortes noch heute in allen Culrursiaalen anerkannt sind und dessen Principien sich mit denen des modernen Rechtsstaates decken. Redact. 4) Wir brauchen wohl kaum hier auf die höchsten Verkündigungen der israelitischen Propheten binzuweisen, welche der niensch- . beitlichen Cultur ihre letzten Ziele vörzeichneten. Redact.