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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-07-23 · Heft 30 (23.7.1878) · p. Seite 467

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 30 (23.7.1878)
Date
1878-07-23
Page
Seite 467 (sequence 3)
Language
German
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467 wollte den Geist der Ausschließlichkeit, die dogmatische Verknöcherung, die pietistische Muckerei, den zelotischen Widerspruch gegen alle kritische und wissenschaftliche Forschung in der Christenheit bekämpfen und durch den reinen Deismus und das Humanitätsprincip ersetzen. Diese, das Zeitalter noch immer beherrschende Feindseligkeit aller Kirchen gegen jede Freiheit des Geistes, gegen jedes allgemeine Menschenrecht, diese Unduldsamkeit, welche in der katholischen Kirche noch vor nicht langer Zeit die gewaltsame Unterdrückung des Jansenismus und Quietismus, die Aufhebung des Edictes von Nantes, die Verfolgung der Protestanten in Frankreich und die blutigen Dragonaden hervorgebracht hatte und im Protestantismus den Hader der Kirchen und den Druck auf den Geist des Volkes und auf die Wissenschaft pflegte, stand vor Lesstng und hatte ihn selbst auf's Kränkendste und Bedrohlichste getroffen. Wie anders konnte er daher verfahren, als das nominelle Werkzeug seines Kampfes außerhalb der christlichen Kirchen zu suchend Andererseits waren die Juden und das Judenthum gerade die von der christlichen Ausschließungssucht am härtesten Verfolgten, in ihrer äußerlichen Ohnmacht und in ihrem heroischen Widerstande am schwersten Mißhandelten, an denen stch die christliche Unduldsamkeit durch anderthalb Jahrtausende hindurch am schwersten versündigt hatte; die Juden waren es zugleich, welche, wie Lessing stch persönlich überzeugt hatte, an stillen häuslichen Tugenden, an Wohlthätigkeitssinn, an geistiger Regsamkeit und Befähigung trotz ihrer langen Knechtschaft nichts eingebüßt hatten. Was war natürlicher, selbstverständlicher, als daß der vorurtheilslose Lesstng, der schon in seiner Jugend für diese verachtete und mißhandelte Menschenrasse seine Lanze eingelegt, in ihr den Träger seines Geistes echter Religiosttät und wahrhaften Humanismus wähltet Wer nur einen Blick auf die Lage der Tinge noch zu Lesstng's Zeit, und auf die Zwecke N a th a n. Doch nun kam die Vernunft allmälig wieder. Sie sprach mit sanfter Stimm': „Und doch ist Gott! Doch war auch Gottes Rathschluß das! Wohlan! Komm! übe, was du längst begriffen hast: Was sicherlich zu üben schwerer nicht. Als zu begreifen ist, wenn du nur willst. Steh auf!" — Ich stand; und rief zu Gott: ich will; Willst du nur, daß ich will! — Indem stiegt Ihr Vom Pferd, und überreichtet mir das Kind, In Euren Mantel eingehüllt. — Was Ihr Mir damals sagtet, was ich Euch: Hab' ich Vergeffen. So viel weiß ich nur: ich nahm Das Kind, trug's auf mein Lager, küßt' es, warf Mich auf die Knie', und schluchzte: Gott! auf sieben Doch nun schon Eines wieder!" Man erkennt hier das echt jüdische Colorit, wie es sich über eine ganze weite Geschichte des unglücklichen Volkes ausbreitet. Ist doch dieses jüdische Colorit im ganzen Nathan, in seinem Stande, in seinem Thun und Treiben, in seiner Bedeutung für den Welthandel jener mittelalterlichen Zeiten und die Verbindung der Länder, Nationen und selbst der Bekenner der streitenden Religionen, ja auch in seiner Redeweise klar und mit gesättigten Farben aufgetragen. Jndeß konnte es nicht ausbleiben, daß in der christlichen Welt diese Verherrlichung des Humanitätsprincips durch die Person eines Juden vielen Anstoß und Mißmuth erregte. Warum gerade einen Juden zum eigentlichen Träger der echlen Religiosttät, der wahrhaften Menschenliebe und Duldsamkeit machend Man glaubte darin eine Herabsetzung des Christenthums sehen zu müssen. Allerdings verrheidigte stch Lesstng selbst hiergegen und zwar mit historischen Gründen, nämlich! und Stellung Lesstng's selbst wirft, dem würden die Motive, „daß Juden und Muselmänner in den Zeiten der Kreuzzüge die ihn auf diesem Wege leiteten, völlig klar sein, und er die einzigen Gelehrten waren, daß der Nachtheil, welchen ge-! folglich jede Schmähung des Christenthums Lesstng völlig fern offenbarte Religionen dem menschlichen Geschlechte bringen, zu j erachten. Wie viel stch in der Stellung des Staates zur keiner Zeit einem vernünftigen Manne müsse auftallender ge- J Kirche, in der Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen ohne wesen sein, als damals, und daß es an Winken bei Gefchichts-! Berücksichtigung der Religion, im Verhältniß der Confesstonen schreibern nicht fehlt, ein solcher vernünftiger Mann habe sich I zu einander und selbst im geselligen Verkehr seit Lessing genun eben in einem Sultan gefunden." Jndeß bei unparteiischer! ändert hat, brauchen wir nur anzudeuten. Lesstng's „Nathan" Prüfung können wir diese Gründe nur als eine Art Ausflucht har seinen gewichtigen Antheil hieran gehabt; aber um ihn gelten lasten, da es dem Dichter fteistand, Zeit und Personen > richtig zu beurtheilen, muffen wir uns in die Zeitverhältnipe zu wählen und zu ersinden. Daß Lesstng ebenso wenig an j Lesstng's zurückversetzen. Jedoch dies vermögen eben nicht Viele eine Erniedrigung des Christenthums, wie an eine Gloristcation! zu thun, und darum dauert das Mißbehagen über die Rolle des Judenthums dachte, brauchen wir kaum zu sagen. Es j des Juden in Lesstng's Drama noch heute fort, nicht blos bei hätte dies seinem Zwecke, die drei positiven Religionen als! Theologen, sondern auch bei sonst freien Geistern. Wir müffen ebenbürtig hinzustellen, widersprochen. Allein was war der in einem Schlußartikel hierauf noch einen Blick werfen, eigentliche Zweck Lesstng's, der mitten im Kampfe gegen Goeze und seine Anhänger diese „seine alte Kanzel" bestieg, um „demj 'Feinde von einer andern Seite in die Flanke zu fallen"? Er! u<J!

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