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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-07-23 · Heft 30 (23.7.1878) · p. Seite 468

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 30 (23.7.1878)
Date
1878-07-23
Page
Seite 468 (sequence 4)
Language
German
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w 468 Die Convention zwischen England und der Türkei! vom 4. Zvni. 1 In diesen Tagen wurde die ganze politische Welt von! einer überaus folgenreichen Thatsache überrascht, welche der! gegenwärtigen und zukünftigen (Konstellation im Oriente eine: völlig andere Wendung gicbt. In dem Augenblicke, wo zwischen! England und Rußland eine vorläufige Verständigung schriftlich abgefaßt, und dadurch der Zusammentritt des europäischen, Eongrefses zu Berlin bewirkt ward, schlossen England und die Türkei einen Tcfensivvertrag ab, durch welchen England zur: Lertheidigung der türkisch-asiatischen Besitzungen verpflichtet,: hierzu in den Besitz der Insel Cypern gesetzt und zur Schutzherrlichkeit über diese reichen und ausgedehnten Provinzen vom schwarzen Meere bis zum persischen Golf berechtigt ward. Alsbald knüpft sich hieran englischer Seits der Plan, ein Eisenbahnnetz durch diese Landschaften, besonders durch das Euphratthal zu führen, wodurch Indien mit dem Mittelmeere auf eine Zeitentfernung von sechs Tagen gebracht wird; es versteht sich, daß England alsdann auf die Sicherung dieser Bahnen denken und halten und unter seinem Einfluß die Verwaltung dieser Gebiete eine ganz andere, civilisirte werden muß. Dies ist ein so großes Ereigniß von so unübersehbarer Tragweite und berührt nicht blos die allgemeinen, sondern, wie wir zeigen werden, auch so specielle Interessen, daß wir einer kurzen Betrachtung schon heute uns nicht entziehen können. In jeder Eulturentwicklung liegt naturgemäß ein drängender Expansionstrieb: die civilisirte Welt muß alle Kräfte anwenden, um die nicht- oder halbcivilisirten Theile der Erde zu überwinden. Nicht sowohl die brutale Eroberungslust, wie sie die Menschenstämme auch auf einer untern Stufe und noch weit darüber hinaus beherrscht, als das Bedürsniß, der Civilisation und ihrem Leben auch die ihr noch fremden Völker und Länder zu gewinnen, ist es, welche die Culturvölker zur Ausdehnung ihrer Herrschaft treibt. Ebenso wenig dürfen wir! der abstracten Idee, eine Culturmission zu üben, einen großen Antheil an diesem Resultate zuschreiben. Vielmehr ist es unter anderen Factoren das industrielle und Handelsinteresie und die für diese bedingte politische Macht, welche zu den größten Anstrengungen und Opfern bewegen. So wird auf dem weiten und mühevollen Wege, die gesammte Menschheit zu einer innig verbundenen Völkerfamilie zu vereinigen, Schritt nach Schritt zurückgelegt. Hier sind es denn zu allen Zeiten bestimmte Völker, die durch Oertlichkeit und Geschick zu den hauptsächlichsten Werkzeugen dieser Culturausdehnung hervorragende Stellung einnehmen. Für unsere Epoche kann es nicht zweifelhaft sein, daß die Engländer, nachdem sie die-Erbschaft der Portugiesen, Spanier und Holländer übernommen, einerseits, und die Rusien, nachdem sie sich den Osten Europas und den Norden Asiens unterthan gemacht, andererseits die Träger der Eultur innerhalb der halb- und nicht civilisirten Völker Asiens geworden. Daher in diesen beiden Nationen die Nothwendigkeit, ihre Herrschaft immer weiter auszudehnen, möge nun bei den Einen mehr die Herrschbegier, bei den Anderen mehr die sich aus dem Erworbenen entwickelnde Nothwendigkeit, ihre Grenzen immer weiter hinauszuschicben, obwalten. So haben die Rusien ihre Waffen bis über den Balkan und bis zum Plateau von Pamir getragen, tvährend die Engländer von Ostindien aus immer weiter nach Norden vorschreiten: Rußland wie England sind für unsere Zeit die Völker und Länder verbindenden Nationen, die Träger der Culturmission nach Landschaften, die der Civilisation ihre Grenzen gesetzt hatten, i Selbstverständlich jede der beiden Mächte nach ihrer innei wohnenden Tendenz. Von den Engländern können wir sagen, i daß sie in allen ihren Colonien den unterworfenen Nationali-! täten und Religionen die Freiheit ihrer Sitte und ihres Cultus, i die Gleichheit vor dem Gesetze, die freie Bewegung der In-; dustrie und des Handels gewährt haben; sie haben die unge- ’ heuren Landstriche Indiens mit Eisenbahnen und Straßen! bedeckt und sorgen für Errichtung von Schulen und Förderung der Wisienschaft. Sie sind es daher, welche vorzugsweise in den Ländern zu interveniren haben, welche in vergangenen! Zeiten einer damals hohen und reichen Eultur sich erfteut hatten, und deren Bewohner immerhin der Civilisation schon näher stehen. Die Rusien hingegen, die von Norden in Mittelasien eindringen, haben es hauptsächlich mit rohen Völkerstämmen in weiten, zum Theil wüsten Landstrichen oder doch Steppen zu thun, und diese deshalb durch die Gewalt der Waffen zu den ersten Fundamenten der civilisirten Gesellschaft, zur Sicherung des Lebens und des Eigenthums zu zwingen. Ter jüngste russisch-türkische Krieg hat, selbst durch den Congreß bestätigt, die Suprematie Rußlands bis zu den Höhen des Balkans und in das Herz Armeniens ausgedehnt, von wo aus dieselbe zweifellos immer weiter dringen, sich auch Constantinopel, den Bosporus und das ägäische Meer, dann aber auch Kleinasien und Persien unterwerfen könnte. Hier ist es nun, wo England durch die eben abgeschlosiene Convention einen j festen Tamm aufgeführt hat. Von jetzt ab kann Rußland in! Europa und Westasien keinen Schritt weiter gehen, ohne auf England zu stoßen, und dieses ist nicht mehr blos auf die i See beschränkt, um den Rusien entgegenzukämpfen, sondern hat | festen Fuß auch auf dem Lande gefaßt. Die beiden Rivalen I sind sich hierdurch allerdings völlig nahe gerückt. Auch in l Mittelasien trennt beide nur noch das etwa fünfzig Meilen breite Plateau von Pamir; aber die ungeheuren wüsten Landj striche und Gebirgszüge, welche die russischen Heere in einem! Kriege zu überwinden hätten, bis sie dahin gelangten, spannen , doch einen weiten Raum zwischen den beiden Gegnern. Anders ' jetzt, wo bei eintretenden Verwicklungen die russischen und die i englischen Vedetten sich gegenüberstehen. Dennoch sind wir i- \; \\ tiiadfäst*'.-

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