Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1878)
- Date
- 1878-07-23
- Page
- Seite 466 (sequence 2)
- Language
- German
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466 zu dem theoretisch und practisch vollkommenen Repräsentanten derselben — einen Juden. Während die Vertreter des Islam noch schwanken, erst durch Nathan in dieser Ansicht aufgeklärt werden und sogar, als sie ihre Frage aufwarfen, eine Falle für Nathan zu einem nicht gerade edlen Zwecke bereiteten; während von den Christen die kirchlichen Parteigänger die furchtbaren Consequenzen der kirchlichen 'Ausschließlichkeit zu erschreckender Erscheinung bringen und selbst die aufgeklärteren sich in der Leidenschaft hierzu Hinreißen lasien, und in beiden Religionen die wahre Humanität nur durch die „Einfalt zum Vorschein kommt: tritt der Jude Nathan vom ersten Augenblick bis zur letzten Lösung des Knotens als ein vollkommener, völlig bewußter und thatkräftiger Träger der höchsten humanreligiösen Idee auf. Dabei stellt Lessing ihn nicht etwa wie eine Abstraction, wie eine völlig erfundene und willkürlich ausgestattete Figur dar. Er löst ihn nirgends vom Hintergründe der Wirklichkeit seines Volkes und Glaubens ab. Die Verachtung, welche Christen wie Mohamedaner gegen die Juden hegten, kommt wiederholt zum Ausdruck. „Seinem Volk ist reich und weise Vielleicht das nämliche", sagt der Tempelherr. „Da seht nun gleich den Juden wieder; Den ganz gemeinen Juden!" spricht Al-Hasi, wenn auch nur, um Saladin von Nathan abzuwenden. Nathan sagt zum Tempelherrn, der das jüdische Volk bezüchtigt, sich zuerst das auserwählte Volk genannt zu haben: „Verachtet Mein Volk, so sehr Ihr wollt. Wir haben Beide Uns unser Volk nicht auserlesen." Und endlich ruft der Tempelherr aus: „Daß mir Geträumt, ein Jude könn' auch wohl ein Jude Zu sein verlernen; daß mir wachend so Geträumt." Andererseits wird hervorgehoben, daß Nathan in seinen Tugenden durchaus nicht alleinstehe, nicht der einzige sei unter seinem Volke. Al-Hasi sagt: „Es ist Ein Jude fteilich übrigens, wie's nicht Viel Juden giebt." „Nicht viel!" Also doch etliche; viele solcher musterhaften Menschen giebt es fteilich überhaupt nicht. Aber Nathan will sich in Erscheinung und That von seinen Glaubensgenosien nicht unterscheiden. Der Tempelherr verräth uns dies, indem er voll Bewunderung des Nathan ausruft: „Welch' ein Jude! Und der so ganz nur Jude scheinen will!" Was uns aber am bedeutendsten dünkt, ist, daß Lessing auch psychologisch erklärt, wie dieser Jude zu diesem Nathan geworden, hierbei einen Blick in die Geschichte und den schweren Seelenkampf des jüdischen Stammes wirst und mit einer Freiheit des Geistes, wie sie höher nicht befunden wird, einem Vorurtheil entgegentritt, das sich in der christlichen Welt noch heute oft wiedersindet. Viele nämlich setzen voraus, daß durch die erdrückenden und blutigen Verfolgungen in die Herzen der Juden ein bitterer Haß gegen ihre Verfolger sich eingesenkt habe, eine unüberwindliche Feindschaft, die sich in Gesinnung und That auch ausprägen müffe. Für diese Voraussetzung weiß allerdings Niemand, weder aus der ganzen Geschichte, noch aus dem täglichen Leben irgend einen thatsächlichen Beweis anzuführen. Kein feindseliges oder verrätherisches Unternehmen gegen Christen oder Muselmänner kann den Juden geschichtlich nachgewiesen werden: höchstens im langen Laufe der letzten neunzehn Jahrhunderte schlugen sich die Juden ein oder zwei Male — mehr kann auch der ärgste Feind nicht aufsinden — auf die Seite derer, die ihnen Befteiung von unerträglichem Joche brachten; und schon längst, ja zu allen Zeiten wurde der jüdische Wohlthätigkeitssinn gerühmt, der sich auch auf Andersgläubige ausdehnt. Alles dies stellt nun Lessing in kurzen Zügen dar, als er Nathan dem Klosterbruder, durch die Umstände genöthigt, eine entscheidende Begebenheit seines Lebens erzählt. Wir müsien die Stelle hierhersetzen. N athan. Ihr traft mich mit dem Kinde zu Darun. Ihr wißt wohl aber nicht, daß, wenig Tage Zuvor, in Gath die Christen alle Juden Mit Weib und Kind ermordet hatten; wißt Wohl nicht, daß unter diesen meine Frau Mit sieben hoffnungsvollen Söhnen sich Befunden, die in meines Bruders Hause, Zu dem ich sie geflüchtet, insgesammt Verbrennen müsien. K losterbruder. Allgerechter! Nathan. Als Ihr kamt, hatt' ich drei Tag' und Nächt' in Asch' Und Staub vor Gott gelegen und geweint. — Geweint? Beiher mit Gott auch wohl gerechtet. Gezürnt, getobt, mich und die Welt verwünscht. Der Christenheit den unversöhnlichsten Haß zugeschworen — Klosterbrud er. Ach! Ich glaub's Euch wohl!