Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1878)
- Date
- 1878-07-16
- Page
- Seite 458 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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458 Englands, Deutschlands und Oesterreichs io viele ausgezeichnete Männer hervorgegangen sind, die in allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft, in allen Berufszweigen Rühmliches geleistet haben, indeß die weit größere jüdische Einwohnerschaft Galiziens eine nur beschränkte Zahl solcher Männer aufzuweisen hat. Es heißt: Kenntniß ist Macht. Nicht nach letzterer streben wir, wohl aber wollen wir für die Kenntnisse und deren Verbreitung thätig sein, um unsere in den Banden des Aberglaubens ünd der Unwissenheit befindlichen Glaubensbrüder zur Menschenwürde, zur Bürgertugend, zu geachteten Mitgliedern der Gesellschaft zu erziehen. Möge der versammelte Gemeindetag, der zu solch edlen Aufgaben vereinigt ist, dieser besonderen und wichtigen Aufgabe fich nicht entziehen, mögen die versammelten Vertreter der Gemeinden, die voll warmen Herzens und klaren Verständnifies für das Wohl ihrer Glaubensbrüder thätig sind, unseren Aufruf nicht ungehört an sich vorübergehen lassen, und wir find gern bereit, den Schritten, die in Aussicht genommen werden sollten, und den Vereinen, die zu diesem Zwecke sich bilden sollten, nach Maßgabe unserer Kräfte unsere eifrige Unterstützung zu Theil werden zu lasten." Man sieht, an Klarheit im Bewußtsein der Ziele fehlt es nicht. Möge der eingeschlagene Weg consequent verfolgt werden und zu gedeihlichen Resultaten führen! — Bemerken will ich noch, daß von vielen, persönlich nicht vertretenen Cultusgemeinden schriftliche Zustimmungen einliesen, so von Brodv, Stanislaus, Belz, Kamionka, Ulanöw, SZczerzec, Ehorostköw, Kalusz, Mielec :c. Frankreich. Paris, 1. Juli. Trotz der Abstimmung der Akademie zu Gunsten des Herrn Moritz Löwp hat die Regierung sich doch nicht entschlosien, diesen zum Director der Sternwarte zu wäblen, sondern übertrug ihm nur das Amt eines Unterdirectors. — In Constantien und Satif (Algerien) haben sich wiederholt eingeborene Soldaten zusammengerottet, um dortige Israeliten zu mißhandeln und auszuplündern. Man erwartet strenge Maßregeln der Regierung gegen solche Ausschreitungen, welche die französische Uniform beflecken. Die Eingeborenen können es den Juden nicht verzeihen, daß sie sich der französischen Eultur immer mehr amalgamiren, besonders seit dem Naturalisationspatent vom October 1870. Rußland. Kalisch, 2. Juli. Die Untersuchung und Feststellung der Thatsachen erweist immer mehr, daß die Juden durchaus keine Veranlassung zu dem empörenden Aufstande am 23. Juni gegeben haben; es sei denn, daß man einen gewisien Unwillen über die Wiedererrichtung der « an sich so harmlosen Erewstangen, welche der Rabbiner bewirkt hatte, dazu stempeln wolle. Dahingegen muß in dem ganzen Vorgänge eine Vorbereitung und gewisse Organisation stattgefunden haben, da das Gerücht schon einige Tage vorher verbreitet war, ohne fteilich Glauben zu finden, gegen 11 Uhr das Signal durch Pfeifen gegeben wurde und unmittelbar der ländliche und städtische Pöbel sich auf die Häuser stürzte, in denen Juden wohnten. Gegen 4 Uhr Nachmittags strömten aberin als gegen 3<)0 Bauern in die Stadt und singen die Plünderung der Läden, natürlich die der Christen ausgenommen, von Neuem an. Gegen 9 Uhr Abends kam das Militär an und stellte rasch die Ruhe wieder her. Die Synagoge, das jüdische Badehaus, das Haus des Rabbiners find sämmtlich demolirt, das jüdische Hospital zum Theil. Ein Augenzeuge schreibt der Köln. Zeitung: „Verwundungen sind in Menge vorgekommen. Von Todesfällen weiß man bis heute (24. Juni) bestimmt nur drei nachzuweisen, und zwar sind es drei Kinder, welche bestialischer Wuth zum Opfer gefallen sind. Ein Kind hat ein Bauer zertreten (!), so daß es sofort todt war, die zwei anderen sind erlittenen Verwundungen erlegen. Kinder, welche auf dem Arm der Wärterin getragen wurden, find mißhandelt, und Christen, die den Juden zu Hülfe kamen, hatten nur deren Loos zu theilen. Die Regierung erweist sich nunmehr energisch. Alle Schäden sollen ersetzt werden; zu diesem Zweck und auch um die Soldaten zu erhalten, sind der Stadt Kalisch 80,00*) Rubel Geldbuße auferlegt, einem Dorfe 4o,n00 Rubel, die übrigen betheiligten Dörfer haben nach Verhältniß Strafe zu tragen. Von der Geldstrafe werden nur die ausgenommen, welche dazu beitragen, den Urheber der Schreckenssecne ausfindig zu machen. Man muß die Ursache des empörenden Ereignisses hauptsächlich in der Rohheit, Unwissenheit und Verkommenheit des hiesigen Volkes suchen; einen großen Theil der Schuld trägt aber auch der hiesige Rabbiner, ein aus Kleinpolen kommender, sanatischer und dem größten Dünkel ergebener Mann. Der gestrige Vorfall hat endlich die hiesigen Juden zu einem Schritte getrieben, der schon längst hätte geschehen sollen. Sie versammelten sich zu einer Sitzung, welcher der Bürgermeister der Stadt beiwohnte. Man verfaßte eine Petition an die höchste Behörde Rußlands, welche, mit den Unterschriften der angesehensten Juden versehen, in kurzen Worten folgendermaßen lautet: „Wir endesunterschriebenen Bürger der Stadt Kalisch erbitten die Erlaubniß, die Erews gründlich vernichten zu dürfen und ersuchen zugleich, daß der Wiederhersteller derselben, der hiesige Rabbiner Ehaim Wachs, Gerühmter (den Beinamen hat sich der Rabbiner selbst beigelegt), der keiner europäischen Sprache mächtig, fanatisch und ein durchaus ungebildeter Mann ist, seines Amtes entsetzt und uns die Erlaubniß gewährt werde, ein gebildetes, aufgeklärtes, unseren Ansichten geneigtes Oberhaupt wählen zu dürfen."