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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-07-16 · Heft 29 (16.7.1878) · p. Seite 457

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 29 (16.7.1878)
Date
1878-07-16
Page
Seite 457 (sequence 9)
Language
German
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457 stein gipfelt, konnte es sich nicht versagen, nebenbei noch ein wenig in Proselytismus zu machen. Wahrlich, die jetzige Zeit ist wohl zu ernst und bewegt, als daß in dem Parieigetriebe noch die Frage der Religionsunterschiede auf das Tapet gebracht und somit Unruhe in die Gemüther der Mitglieder einer Religionsgesellschaft gepflanzt wird, die in Frieden ihre Wege wandelt. Unglücklicher konnte wohl die Zeit für das Project der Proselytenmacherei nicht gewählt sein, als gerade jetzt, und deshalb dürfte der Wunsch des Herrn Anonymus wohl noch in anderer Beziehung ein frommer zu nennen sein. Fester als je schaart sich jetzt jede Gemeinschaft um das Banner ihrer Religion, in ihr sucht Jeder Trost und Hülfe zu einer Zeit, wo wir alle Gottes Beistand so sehr bedürftig; und jetzt sollte der Zeitpunkt für die Israeliten gekommen sein, den Gott, zu dem sie Jahrtausende lang gebetet, zu verlassen'< O sancta siinplicitas! So lange die Bibel ein unumstößliches Gotteswort ist, resp. den Büchern des alten Testaments die volle Autorität belasten wird, so lange wir die Stellen im 5. Buch Moses Capitel 4, Vers 35—39 und Capitel 6, Vers 4 nicht leugnen, so lange werden andere Anschauungen bei uns keinen Eingang finden. Darum fühlen wir wahrhafte Herzbesriedigung, Bekenner einer beinahe 4000 jährigen Lehre zu sein, von deren Banner wir nie weichen werden. Wir aber glauben, daß der Israelit wohl auch berufen ist, mitzuarbeiten an der Wandelung jener, jedem Deutschen so tief betrübenden Verhältniste, an einer Besterung zum Heile unseres deutschen Vaterlandes. Und weil wir treue und ergebene Patrioten sind und für das Wohl des Vaterlandes Gut und Blut, wie es unsere Religion uns zur Pflicht macht, einsetzen, beten wir auch zu Gott, er möge die Blicke Aller bei der bevorstehenden Reichstagswahl auf Männer lenken, die begeisterte Patrioten find und vorurtheilsftei für die Rechte der gesellschaftlichen Ordnung eintreten, aus daß unter ihrer weisen Mitwirkung an der Gesetzgebung das Vaterland blühe und erstarke für alle Zeit. M. Tin In er, Lehrer. Oesterreich-Ungarn. Lemberg, 4. Juli. Privatmitth.) Gestatten Sie mir, noch einmal aus den jüngst abgehaltenen ersten jüdisch-galizischen Gemeindetag zurückzukommen. Ich will nicht davon sprechen, daß sich in demselben eine Beredtsamkeit und ein parlamentarischer Takt erwiesen haben, welche von einem hohen Bildungsgrade zeugen, sowie versichern, daß von den besten Männern des Landes hier welche getagt haben. Auch läßt es sich hervorheben, daß wir es durchaus nicht mit einer Versammlung von Ja-Männern zu thun gehabt haben; vielmehr waren die Debatten sehr lebhaft und ging der vierte Gegenstand der Tagesordnung nur mit einer schwachen Mehrheit durch; jedoch beruht nunmehr der eigentliche Schwerpunkt in dem ständigen Ausschuste, der, was das Wort ausgesprochen, zur That zu machen hat. eine Aufgabe, die an sich schwierig, noch durch die Machinationen der Gegner, welche zu bekämpfen sein werden, die größte Energie und Thatkraft erfordern wird. Ohne die Anstrengung dieses Ausschustes würde der Gemeindetag nichts als eine Demonstration bleiben, über welche die Zeit schnell himveggehen würde. Jndeß die Männer, die in denselben gewählt worden, geben uns die Bürgschaft, daß dem nicht so sein wird. Es sind dies nämlich: M. R. Mises, Dr. H. Gottlieb, De. Filip Mansch, Dr. Emil Byk, Emanuel Fränkel, H. Lechner, Rabbiner Löwen - stein, Samuel Klärman, O. Z. Menkes (sämmtliche aus Lemberg); ferner: Salomon Wieselberg (Kolonien 1, Joses Kuttin (Zloczöw), Landes (Bolechow), Aler. Schorr (Drohobicz), Dr. Raff (Jaroslau), Dr. Drobner (Rzeszöw), Dr. Ringelheim (Tarnow). Als charakteristisch für die Zustände und die Bestrebungen unserer Zeit will ich hier Stellen aus den Zuschriften des hiesigen pädagogischen Vereins (christlich-polnisch) und der Wiener Allianz geben. Der Erstere sagt u. A.: „Der pädagogische Verein ist nämlich von der Vorauslg geleitet, daß die im Sinne der Gesetze für die Kinder aller Religionsbekenntniste zugängliche Volksschule nur dann von jüdischen Kindern besucht sein wird, wann die Eltern die Gewißheit erlangen werden, daß ihre Kinder auch den Unterricht der eigenen Religion erhalten. Bis nunzu sind keine jüdischen Religionslehrer in unseren Volksschulen vorhanden, weil wir keine derart qualificirten Candidaten haben, welche jene allgemeine Bildung besitzen würden, die sie den Lehrern gleichstellen ließe, welche die Oualification im Sinne der heutigen gesetzlichen Erforderniste besitzen." Die Allianz sagt in ihrem Memorandum: „Es gilt," so sagt man uns, „für die betreffenden Kreise „zunächst echtjüdisches Wisten, richtiges grammatikalisches und „logisches Verständniß der hebräischen Bibel, gefördert durch „das Vehikel einer menschlich gebildeten Sprache anstatt des „Jargons anzubahnen". Wir gehen jedoch hierin weiter. Wir wollen einen Religionsunterricht nach Art desten, wie er in den anderen Ländern und Staaten sich bewährt hat, 'der der jüdischen Jugend die Wärme für die erhabenen Satzungen der Religion bewahren, sie aber dabei zu gebildeten, gesitteten und dem Gemeinwohl nützlichen Staatsbürgern machen soll. Wir wollen aber auch ein gutes allgemeines, elementares Wisten in den Volksschulen Galiziens gefördert sehen, ohne Rücksicht ob dieselben polnische oder deutsche, wohl aber mit der Tistinction, daß sie gute, zweckdienliche seien. Wo dies nicht der Fall ist, wird es erforderlich sein, besondere jüdische Volksschulen zu begründen. — Die Mittel dazu werden — müssen sich finden, pnd nur erst die leitenden organisatorischen Kräfte vorhanden. Ist es ja eben die Schulbildung, welche es bewirkt hat, daß aus den nrinder zahlreichen jüdischen Bevölkerungen Italiens, Frankreichs,

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