Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-07-16 · Heft 29 (16.7.1878) · p. Seite 456

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 29 (16.7.1878)
Date
1878-07-16
Page
Seite 456 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227177-3227207--36401-3306445
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

des höchsten preußischen Gerichtshofes, durch den „Reichsanzeiger" vom 4. Juli veröffentlicht, kann bei allen ähnlichen Vexationen, die aus früheren Judengesetzen gezogen werden, zur Abhülfe dienen. München, 29. Juni. (Privatmitth.) Nachdem Sie das Feuilleton der „Süddeutschen Preffe" über die Wiederherstellung des jüdischen Staates so vollständig demaskirt haben, bringt dieses Blatt, das den Scheinliberalismus vor sich herträgt, seinen halboffenen, halbverschleierten Judenhaß in die Region der Leitartikel hinaus, wie seine Nummer vom 28. Juni zeigt. Freilich giebt es die Hoffnung .auf, die Juden, sei es freiwillig, sei es gezwungen, nach Palästina zurückkehren zu sehen, und erklärt jenen Feuilletonartikel nur als humoristisch und durchaus nicht malitiös gemeint. Aber es instnuirt doch mit vielen Worten, daß es eine „Jsraelitenfrage" in Deutschland gebe. Wir unsererseits können eine solche nicht erblicken. Nachdem die Gesetzgebung vollständig gesprochen hat und seit Jahr und Tag ausgeführt worden, giebt es keine Judenfrage mehr, sondern nur noch eine Judenhaßfrage, die mit Gottes Hülfe ebenso wie die erstere verschwinden wird, gegenwärtig aber noch von der „Süddeutschen Presse" ventilirt wird. Darum stößt diese schwere Seufzer darüber aus, daß das Volk sich doch nicht auf die Juden stürzen könne, und ferner, daß man ihnen die staatsbürgerlichen Rechte nicht wieder zu nehmen vermöge; denn nach der Weishert dieses Blattes hätte man sich mit den bürgerlichen Rechten für die Juden begnügen sollen. Es ist merkwürdig, wie diese Leute Recht und Gerechtigkeit mit dem Zollstock abmeffen, oder auch mit diesen Säulen des modernen Staates wie mit einer Waare schachern wollen! Was der Artikel den Juden vorzuwerfen weiß? Nichts weiter, als sie wären zudringlich geworden. - Zunächst in die deutschen Palamente. Hier kann man die „Süddeutsche" so recht der unwahren Behauptung, oder, wie sie selbst es so vortrefflich ausdrückt, der „Behauptungsausdehnung" (!) zeihen. Die Juden zählen im deutschen Reichstage, im preußischen und ebenso in den übrigen deutschen Landtagen nicht mehr, sogar weniger Abgeordnete als auf das Verhältnis ihrer Bevölkerung käme. Dies ist aber noch Nebensache. Keine einzige Wahl in ganz Deutschland geht von den Juden aus, oder wird nur von ihnen beeinflußt. Dazu sind sie zu sehr durch das ganze Reich zerstreut, und wo sie in größerer Zahl wohnen, wie z. B. in Berlin, gehören sie allen Wahlbezirken an, so daß sie aller /'Orten nur einen verschwindenden Bruchtheil der Wahlkörper ausmachen. Diejenigen Abgeordneten also, welche jüdischer Religion sind, werden von den Christen gewählt, die wohl schwerlich geneigt sind, der Zudringlichkeit eines Juden nachzugeben, sondern nur dann einen Juden wählen, wenn sie glauben, daß er sie in ausgezeichneter Weise vertreten werde. Weil also unter 400 Abgeordneten fünf Juden von christlichen Wahlkörpern gewählt werden, üben die Juden eine verwerfliche Zudringlichkeit aus! Was würden dieselben Leute sagen, wenn kein Jude in Deutschland sich zu einem solchen Amte qualificirte oder gewählt würde? Von der Bescheidenheit der Juden würden sie sicherlich nicht sprechen, sondern von der Unfähigkeit der Juden und wie sie sich von allen Jntereffen des Staates und der Nation fernhielten! — Hierauf wird die Jeremiade über die Herrschaft der Juden in der Literatur und Preffe angestimmt. Diesen Popanz haben sich die Deutschen nun einmal zurecht gemacht und halten mit der Zähigkeit daran fest, welche der Schwächling an einem ihm bequemen Erklärungsgrund übt, und wenn dieser hundertmal als unbegründet erwiesen wird. Die Zahl deutscher Zeitschriften, welche Juden zu Redacteuren haben, ist äußerst gering und das jährliche Verzeichniß neuer Bücher weist durchaus kein bedeutendes Contingent aus jüdischer Feder nach. Dies ist schon so oft klargelegt worden, aber der Brodneid der Literaten und Journalisten auf die Hand voll Juden ist so groß, daß er sämmtliche Juden ins Feuer Wersen möchte, weil ein Dutzend Schriftsteller und Journalisten Juden sind. Endlich beklagt die „Süddeutsche", daß die Deutschen die Vorzüge der Juden nicht, Wohl aber deren Fehler sich annehmen und verstärken. Man sieht aus dieser kurzen Skizze, daß diese Herren Wohl möchten, aber nicht können, und darum sich mit einem Schwall von Worten begnügen, deren Kern schließlich — Nichts ist. Nur die Heuchelei wollen wir noch rügen, mit welcher sie die vermeintliche Aufregung gegen die Juden beschwichtigen und die gegenseitige Duldsamkeit predigen zu wollen vorgiebt, während sie doch nur das Feuer anzuschüren und so viel Oel wie möglich hineinzugießen sucht, was ihr jedoch bei ihrer Schwäche, bei ihrem Tänzeln von einem Beine auf das andere nicht gelingt. München, 2. Juli. (Privatmitth.) Die „Süddeutsche Preffe" vom 00. Juni bläst zum Rückzug. Sie bemerkt an der Spitze ihres Blattes, daß der in meiner vorigen Correspondenz besprochene Artikel ihr „mündlich und schriftlich Zustimmung wie Mißbilligung eingetragen, die letztere überwiegt allerdings bis jetzt." Sie bemerkt, „daß der Artikel wohlwollend gemeint und gegen die Judenhetze namentlich norddeutscher conservativer Blätter gerichtet war." Daß es etwas stark zumuthen heißt, ein solches „Wohlwollen" in dem Artikel zu finden, hat der Leser wohl erkannt. Jndeß schließt die „Süddeutsche": „Dieses vorläufig das letzte Wort in dieser Sache." Und da mögen wir sie auch ruhig ihres Weges ziehen laffen. Die Halbheit findet stets weder rechts noch links Beifall, und von der Judenverfolgung nur darum abstehen, weil man sie für unmöglich erkennt, verdient keinen besonderen Dank. Bunzlau (Schlesien), 26. Juni. : Privatmitth.) Ein in Nr. 72 des „Niederschlesischen Couriers" zum Abdruck gelangtes „Eingesandt", welches sich mit den bevorstehenden Reichstags - Wahlen befaßt und in der Empfehlung des von altconservativer Seite als Candidaten aufgestellten Grafen von der Recke-Vollmer-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.