Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1878)
- Date
- 1878-07-16
- Page
- Seite 454 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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454 wird eine sauere Frucht und sogar die Hausthiere suchen verwildert die Wälder auf. Stiere, welche früher zahme Hausthiere waren, grasen jetzt, gänzlich verwildert, am Rande der Urwälder Brasiliens. Das cultivirte Naturgeschöpf, sich selbst überlassen, wirft das Joch ab, welches menschliche Cultur ihm auflegte, „denn die Elemente hassen das Gebilde der Menschenhand." Dieses Streben der bewußtlosen Natur nach ihrer ursprünglichen Gestaltung und Lebensweise gehört zu dem Kampfe um das Dasein, durch welchen das Naturgeschöpf sich behauptet. Es kämpft nämlich mit den andern Geschöpfen nicht nur um sein Dasein, sondern auch mit der menschlichen Cultur um seine frühere Daseinssorm, und so oft es diese erreicht, so oft erkennen wir in derselben das Gesetz der Vererbung, oder des Atavismus. In dem Verhältniß des Menschen zur unbewußten Natur zeigt sich demnach eine zwiefache Thätigkeit: der Kamps um das Dasein und der Kampf um die Cultur; crsterer als Charakter der bewußtlosen Natur, erstrebt, soweit rückwärts unsere menschlich historische Zeit reicht, den Stillstand, das Beharren in der Vergangenheit; letzterer als Bildungstrieb des Geistes, das Vorwärtsschreiten in die Zukunft, die Verwirklichung der Pläne des Denkens, der Ideale. Im menschlichen Leben, welches in seinem körperlichen Erscheinen auch der bewußtlosen Natur angehört, zeigen sich ebenfalls diese beiden Bestrebungen: der Kampf um das Dasein und der Kampf um die Cultur. Das geistliche und gemüthliche Leben des Menschen will die von den Voreltern geerbte Cultur weiter führen und vervollkommnen, und zwar nach den ihm vorschwebenden Ideale der Humanität. Das körperliche Leben mit seinen instinctiven Anforderungen, Begierden und Leidenschaften will von dieser Cultur des Geistes und des Gefühls sich nicht beherrschen lasten, es will jenen Standpunkt behaupten, auf welchem es vor dem Erwachen der Cultur sich befand, es ist dies der Standpunkt des beschränkten thierischen Lebens, der Bestialität. Dieser Kampf der Bestialität gegen die Humanität, des Thierischen gegen das Menschliche, des Stillstehens gegen das Fortschreiten, zeigt sich im Lebenslauf eines jeden einzelnen Menschen, und diejenige dieser beiden Lebensrichtungen, welche siegt, bestimmt des Menschen Charakter, seine erlangte Culturstufe. Der Mensch kann demnach sowohl auf der Stufe der Bestialität, als auf der der Humanität, oder auch auf dem Uebergang Zwischen beiden sich befinden. - Der Entwicklungsgang der Cultur, welcher in dem Lebenslauf eines jeden einzelnen Menschen sich darstellt, offenbart sich auch in dem Lebenslaufe der ganzen Menschheit. Auch diese erhebt sich von der Stufe der Bestialität zur Stufe der Humanität, auch in dieser zeigen sich die beiden sich gegenüberstehenden Bestrebungen: der Kampf um das Dasein und der Kampf um die Cultur. Im Volke behauptet sich die Cultur und schreitet vorwärts, so lange das Ideal der Humanität gegen die Bestialität vertheidigt und angestrebt wird. Erschlafft aber das Volk in diesem Streben, dann verwildert der Mensch wie das sich selbst überlastene Hausthier und die ererbte und errungene Cultur geht unter. Da das Volk wie der einzelne Mensch von der Stufe der Kindheit zum reiferen Lebensalter sich entwickelt, so muß auch das Volk von der untersten Stufe des Naturlebens aufwärts zum Geistesleben kämpfend sich erheben. Auf der untersten Culturstufe erblicken wir den Menschen als Jäger. Der Geselligkeitstrieb führt ihm Geuoffen zu und es entsteht eine Rotte. Der tapferste und kühnste Mann in der Rotte wird deren Befehlshaber und Anführer im Streite der einen Rotte gegen die andere; es entsteht der Krieg, dessen Ende Sieger und Besiegte aufweist. Der Sieger ist der Herr, der Gebieter, der Besiegte muß sich unterwerfen, als Knecht, Leibeigner, Sclave. Der Sieger läßt sich ein festes Haus bauen, um welches seine Genossen sich ansiedeln; es bilden sich die Anfänge einer Staatsgesellschaft. An ihrer Spitze befindet sich der Sieger als Herrscher, ihm folgen als Vasallen und Gehülfen seine Genossen und als willenlose Unterthanen die Sclaven. Die Verfassung des Urstaates war die Despotie, die Herrschaft der körperlichen Macht und der Gewalt. Wie in der unbewußten Natur das stärkere Thier das schwächere beherrscht, so galt in der menschlichen Gesellschaft, als Fortsetzung des Thierlebens, nur die Körperkraft als gebietende Macht. Der Löwe beherrscht den Stier, der Wolf das Schaf; so beherrscht der Despot seine Unterthanen, er befiehlt und sie müssen gehorchen. Die Sclaven, welche dem Despoten am nächsten stehen, werden die Tyrannen für die ferner Stehenden, welche dann wieder den noch tiefer Stehenden gebieten und auf diesem Wege bildete sich aus der ursprünglichen Jägerrotte ein StaatJ) mit einer abwärts führenden Scala verschiedener, feststehender Stände, die Kasteneintheilung unter den Leibeigenen des Gebieters. In dem Kastenleben des Urstaates zeigt die bewußtlose Natur ihren Kampf um das Dasein, sie will im Menschenleben die Stufenfolge der körperlichen Machtherrschaft fortsetzen, welche sie im Thierleben darstellt; die Kasteneintheilung im Urstaate gehört demnach zum organischen Entwicklungsgänge des Menschengeschlechtes. Dieser auf staatlichem Gebiete sich geltend machende Kampf um das Dasein, dieses Festhalten an dem geerbten Standpunkte, zeigte sich so kräftig, daß sogar ein Aristoteles keinen Staat ohne Sclavenstand sich denken konnte, und daß selbst bis in die Gegenwart die Cultur gegen dieses selbstständige Auftreten des rohen Naturlebens, das Vernunftrecht gegen das Faustrecht, vielfach kämpfen muß. (Schluß folgt.) \) 1 'Slei. H>, s—1‘2. :: ers.