Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1878)
- Date
- 1878-07-16
- Page
- Seite 453 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227177-3227207--36398-3306442- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
453 glaubwürdige Clio von dem Anfänge der Cultur uns nichts' erzählen; für die Lebenszeit des uncultivirten Menschen schweigt j die Weltgeschichte, er lebt, wie das kleine Kind nur in der Gegenwart, unbekümmert um Vergangenheit, sorgenlos für die Zukunft. Der Uebergang des unbewußten Kindeszuftandes in, selbstbewußtes Denken ist unwahrnehmbar. So wie auch die aufmerksamsten Eltern den Zeitpunkt nicht bestimmen können,; wann das Kind die ersten Spuren des denkenden Geistes zeigte,; so wie sie oft überrascht wahrnehmen, daß das Kind bereits die Personen seiner Umgebung unterscheiden kann, so zeigte das Menschengeschlecht Spuren eines denkenden Geistes bereits in jener Vorzeit, welche noch die Nebel der Mythe umhüllen. Tie ersten Zeichen dieses denkenden Geistes offenbarte der Mensch in seinem Entwicklungsgänge auf jener Stufe, auf welcher er sich zum ersten Male der Waffen und Werkzeuge bediente. Er brach einen Ast vom Baume und bediente sich desien als einer Keule zur Vertheidigung; er befestigte an demselben einen spitzen oder scharfen Stein und die Keule ward ein Spieß oder ein Beil. Nun trat der Mensch den übrigen Thieren gegenüber als bewaffneter Gebieter auf; er konnte gegen Thiere, welche an Körperkraft ihn übertrafen, nicht nur sich vertheidigen, sondern auch sie erfolgreich angreifen, sie erjagen und besiegen. Er konnte deren Fleisch verzehren, in deren Felle gegen Regen und Kälte sich schützen, er nahm den Kampf gegen die unbewußte N.üur auf, er war Jäger. Kein Thier bedient sich einer, von seinem Körper getrennten Waffe zur Vertheidigung oder zum Angriffe, keines arbeitet mit selbstgefertigten Werkzeugen, nur der Mensch beherrscht die Natur durch die außer ihm liegenden Mittel der "Natur selbst und erhebt sich durch diese Thätigkeit zur höchsten Sprosse an der irdischen Wesenleiter, ersteigt auf diesem Wege die erste Stufe der Cultur. Der Jäger mußte lauernd dem Wilde nachstellen, mühsam seine zu erhaschende Beute aufsuchen. Bei diesem Aufsuchen fand er öfter in der Höhle der Alten das junge Thier, welches ihm noch nicht entlaufen konnte. Er schleppte dieses an seinen Wohnort, fütterte es und zog es künstlich auf. Nach und nach bemerkte er, daß einige dieser Thiere gezähmt und vom Menschen abhängig gemacht werden konnten. Solcher Thiere, welche leicht sich zähmen ließen, schaffte er sich mehrere an, er bildete sich eine Heerde, für welche er Weideplätze aufsuchte, welche er gegen Raubthiere schützte, von deren Milch und Fleisch er sich nährte und in deren Felle und Wolle er sich kleidete. Ter Mensch hatte nun nicht mehr nöthig seine Nahrung zu erjagen, sondern zu erziehen; der Jäger ward Nomade. Er unterwarf seinem Willen das Naturgeschöpf nicht nur mittels seiner Waffen, sondern mehr mittels seines planmäßigen Handelns und hierdurch erhob er sich zur zweiten Stufe der Cultur. Der Jäger noch immer auf der untersten Stufe der Cultur stehend, entdeckte bei seinen Streifzügen die Heerden des Nomaden und, in seiner Freude, daß die Beute so leicht sich ihm darbot, erlegte er nach Herzenslust die gefundenen Thiere. Der Begriff, daß ein auf der Wiese grasendes Thier einem Eigenthümer gehöre, war ihm fremd, „Ihm gehört das Weite; was sein Pfeil erreicht, das ist seine Beute, was da kreucht und fleugt." Der Nomade mußte nun gegen den Jäger feine Heerde vertheidigen, die Cultur des Nomaden mußte gegen die niedrigere Cultur des Jägers kämpfen, und so begann der Culturkampf, welcher bisher nur zwischen dem Menschen und der unbewußten Natur bestand, zwischen Menschen und Menschen. Der Nomade mußte für seine Heerde stets neue Weideplätze aussuchen. Dabei bemerkte er, daß die vom gereiften Grase ausgefallenen Körnchen keimten, wuchsen und neues Gras bildeten. Daffelbe beobachtete er bei den Früchten, welche vom Baume auf den Boden gefallen waren. Er begann selbst zu säen und zu pflanzen; der wandernde Nomade siedelte als wohnender Bauer sich an, der Mensch bestieg die dritte Culturstufe, er ward Landmann. Der Ackerbauer bemerkte den Unterschied zwischen fruchtbarem Boden und lernte im Laufe der Jahrhunderte auch die unfruchtbare Steppe in ergiebiges Ackerland verwandeln. Er suchte für jede Aussaat die besten Körner aus, steckte für die Anpflanzung junger Bäume die schönsten Früchte in den Boden, er veränderte nach und nach durch eine solche Auslese die verschiedenen Grasarten in verschiedene Getreidearten, er erntete Roggen, Waizen, Gerste u. s. w, brach von seinen selbst gepflanzten Bäumen statt wilder Früchte veredeltes Obst, und schuf nach und nach das Naturgeschöpf um zu einem Kunstgeschöpf. — Allein nicht nur den Boden und die Pflanze schuf der denkende Bildungstrieb nach seinem Plane und zu seinen Zwecken, sondern auch sein Hausthier züchtete er zur Befriedigung seiner Ansprüche. Es mußte ihm bei der Bearbeitung des Bodens, bei dem Einheimsen der Ernte mit seinen Kräften Dienste leisten, ihm Nahrung und Kleidung verschaffen. Sogar auf die Erzeugniffe seiner Hausthiere lernte der Mensch seinen cultivirenden Einfluß äußern, um sie immer mehr für seine Zwecke zu verbessern, so daß wir heute veredelte Wolle, Seide, Straußenfedern u. dgl. m. besitzen. Auf diesem Wegen veränderte der menschliche Culturtrieb im Laufe der Jahrtausende die ihn umgebende bewußtlose "Natur in einen Zustand der Cultur. Diese bewußtlose Natur gehorcht aber der menschlichen Cultur nur, so lange dieselbe unter der Hand des bildenden Menschen sich besindet; zieht sich diese Hand zurück, ist das Naturgeschöpf wieder sich selbst überlassen, dann nimmt es im Laufe der Zeiten allmälig seine ursprüngliche Gestalt und seine früheren Eigenschaften wieder an. Durch elementare Einwirkungen verwittert die durch die Kunst geschaffene Ackerkrume, die Ergebnisse der Getreidearien werden stets ärmer, das Obst