Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1878)
- Date
- 1878-07-16
- Page
- Seite 452 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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452 Er ist auch durch seine Entgegnung auf die berüchtigte Schrift > Rohling's in weiteren Kreisen bekannt. Bei Wiedereröffnung des Plenums waren die Galerien und Logen des Landtagssaales überfüllt. Der Redner motivirte in schlagender Weise den Antrag: der Gemeindebund beschließt, eine höhere Lehranstalt sür jüdisches Wiffen (srnsn JV2) in Lemberg zu errichten, mit besonderer Rücksicht auf Heranbildung von Religionslehrern sür die Mittel- und Volksschulen. Die Commission erklärte sich dahin, daß sie keine Anstalt wolle, welche nur Mißrabbiner hervorgehen ließe, sondern sie will eben, daß Männer ausgebildet werden, welche jüdisches und weltliches Wiffen verbänden und wahre Leuchten des Volkes würden. Man will wahrhaft intelligente Führer der Gemeinden, und! schließlich das heilige Erbgut der Vorfahren wieder zu Ehren! bringen. Nicht sollten fürder glänzende Talente auf der harten! Klausbank jämmerlich zu Grunde gehen und die Träger des, jüdischen Wiffens in Hunger und Elend schmachten. Dieser Standpunkt war in der Commission maßgebend und schon glaubte man, daß die Plenarsitzung obigen Antrag ohne Debatte annehmen würde. Allein es kam anders. Einige hielten fest an dem Uebergang zur Tagesordnung, resp. Zurückweisung an die Commission zur nächstjährigen Berichterstattung. Hiergegen wahrten Andere, namentlich Rabbiner Löwenstein, den Standpunkt der Commission. Da trat plötzlich vr. Emil Byk auf und suchte den Eindruck, welchen die Worte des Herrn Löwenstein gemacht, mit allen möglichen Redekünsten zu verwischen. Dies ließ aber der Letztgenannte nicht zu, und in einer nochmaligen Rede voll feurigster Beredtsamkeit überzeugte er die Versammlung von der Verkehrtheit, die in einer Vertagung enthalten wäre, und entschied den Sieg für die Vorlage der Commission. Was mit Gottes Hülfe Segensreiches aus diesem Beschluffe hervorgehen wird, ist vorzugsweise dem Rabbiner Löwenstein zu verdanken. Ihm traten Lechner,' I>r. Mansch und Merz aus Tarnow zur Seite, welcher Letztere freilich sich mit einer Jeschiba begnügen wollte, um der frommen Partei keinen Anstoß zu geben. Uebergehen wir nicht mit Stillschweigen, daß es der Referent des gegenwärtigen Berichtes gewesen, der schon 1873 die Vorarbeiten zum Gemeindetage und zu den von diesem behandelten Fragen publicirt hatte. Zustimmungen und Gratulationen liefen von der Wiener Allianz mit einem sehr stimmungsvollen Memorandum, von Salomon Buber aus Wien und Kreisrabbiner Schapira aus Czerkow ein; schließlich auch ein langes Schreiben der pädagogischen Gesellschaft zu Lemberg, welches die Erwartung ausspricht, daß der Gemeindetag in die zu schaffende Anstalt die polnische Vortragsweise (sic!) einführen werde und daß ferner die Religionslehrer in polnischer Sprache lehren werden. Mit einer fulminanten polnischen Rede antwortete der Vicepräsident 1h-. H. Gottlieb, indem er den Polen Brüderlichkeit zurief und sie des eifrigsten Entgegenkommens und der vollsten Assimilirung versicherte, wie dies die ftanzösischen, deutschen und englischen Juden vollbracht, wenn die Polen den Juden ebenfalls Gleichheit und Freiheit gewähren wollten. Der erste Gemeindetag schloß mit einem dreimaligen Hoch auf den Kaiser und das Land. Offenbach, im Juni. Der Lulturkampf in der Menschheit. Ein Vortrag1) Bon r>r. S. Formstecher, Rabbiner. Die Bezeichnung „Culturkampf", ein in der neuesten Zeit vielgebrauchter und oft gehörter Ausdruck, mit welchem gewöhnlich die zwischen Staat und Kirche herrschenden Zerwürfniffe genannt werden, wird in dieser ausschließlichen Bedeutung in einem viel zu engen beschränkten Begriffe aufgefaßt. Der Ausdruck „Culturkampf''' gehört allerdings der jüngsten Gegenwart an, der 'Name ist neu, das Wesen dieses Kampfes aber ist so alt und verbreitet wie das Menschengeschlecht selbst.! Unter Cultur ist derjenige Zustand eines Wesens zu verstehen, welchen der Mensch mit Bewußtsein, nach einem er-! faßten Plane erstrebt, um dem Wesen eine andere Stellung! und Lebensweise zu ertheilen, als diejenige ist, welche es von i der bewußtlosen Natur empfangen hat. Nur im menschlichen . Leben kann sich demnach das Streben zur Erreichung eines > Culturzustandes zeigen, weil nur auf seinem Gebiete eine Thä- > tigkeit mit Selbstbewußtsein, nach einem entworfenen Plane i möglich ist, aber nicht im Bereiche des, sich seiner unbewußten,! unfreien Naturlebens. — Spricht aber die neuere, auf Geo- : gnosie und Paläontologie sich stützende Descendenztheorie auch von einer zur höheren Vollkommenheit sich erhebenden Bewegung der bewußtlosen 'Naturwesen, so kann diese Bewegung nicht als ein nach einem gefaßten Plane unternommenes Streben; betrachtet werden, sondern sie erscheint als die Folge einer von! Außen her gekommenen Bedingung, als ein nothwendig gewor-! denes Sichanpassen an die veränderten, äußeren Verhältniffe.; Diese von der Descendenztheorie behauptete Bewegung erscheint mehr mit einem passiven, während die Culturbewegung mehr - mit einem activen Charakter sich darstellt. Diese Culturbewegung der Menschheit keimte und entwickelte sich schon lange vor dem Zeitpunkte, welchen wir als i den Anfang unserer Weltgeschichte betrachten. Denn in jener Periode, in welcher der Mensch Mythen, Legenden und Traditionen weiter erzählte, hatte die Cultur bereits einen ziemlich großen Entwicklungsgang zurückgelegt. Deßhalb kann die i Ter salzende Dortrag wurde im Kaufmännischen Dereiu zu Offenbach gehalten, der zu seinen Mitgliedern Angehörige aus allen daselbst bestehenden religiösen Gemeinden und Genoffenschasten zählt. >. b-