Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1878)
- Date
- 1878-07-16
- Page
- Seite 451 (sequence 3)
- Language
- German
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451 ist hierin nicht zu finden. Möchte doch auch Mendelssohn'auch hierbei voraus, daß in den Protocollen und dem derselbst, soweit er fich namentlich in seinem „Jerusalem" auseinstigen Vertrage nicht blos der Ausdruck liberte des cultos gesprochen hat, mit der Ansicht Lesfing's über die positive Religion nicht übereingestimmt haben. Lessing huldigte dem Deismus als einer Vernunftreligion, die auch ursprünglich der Mensch durch sich selbst hätte finden können, in welcher er jedoch gleichsam auf erziehlichem Wege durch die Offenbarung erleichtert und gefördert worden'). Er sah daher in jeder positiven Religion nur eine Stufe, welche das Menschengeschlecht zu übersteigen habe, und fand in ihr nur das als noch berechtigt, was mit jener Vernunftreligion übereinstimmt. Wir sind seit Lessing weiter geschritten. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß es mit dieser Vernunftreligion an sich nur schwach bestellt ist, und daß sie dem ersten stärkeren Anlauf einer materialistischen Geistesrichtung nicht Stand zu halten vermag. Wir haben erkannt, daß der Deismus nothwendig als das Errungniß der menschheitlichen Entwickelung sich auf die positive Religion als die ununterbrochene Ueberlieferung und Weiterentwickelung der deistifchen Weltanschauung stützen muß, und hierin, also in der Uebereinstimmung der Vernunft mit der geschichtlichen Ueberlieferung und Fortentwickelung, ihre Stärke, ihr Fundament, ihren unerschütterlichen Bestand habe. Dies Vorbehalten, bleibt jedoch „Nathan der Weise" in seinem ganzen Werthe und in seiner unmeßbaren Wirksamkeit für alle Zeiten eine wahrhafte Erlösungsthat! Der Kampf gegen die Ausschließlichkeit irgend welcher Religion, Kirche oder Secte, die geschichtliche Gleichbea'chtung aller welthistorischen religiösen Erscheinungen und vor Allem der Grundsatz, daß eine Religion nur so viel Geltung haben und beanspruchen dürfe, als sie zu Gerechtigkeit, Duldung und thätiger Liebe gegen alle anderen Menschen auffordert, anspornt und in Wirklichkeit durch ihre Lehren, und Vorschriften drängt: diese von Lessing ausgesprochenen und verherrlichten Axiome waren und sind Grundsäulen, auf welche für alle Zukunft die menschliche Gesellschaft gebaut ist. Hierin liegt aber auch ein Hauptmoment, das dem Judenthume und den Juden diese Perle der deutschen Literatur für immer unschätzbar macht, und dies ist es, was wir in einem nächsten Artikel beleuchten wollen. Der Lougreß. Wie die Zeitungen berichten, hat der Congreß in seiner Sitzung vom 1. Juli die Anerkennung der Unabhängigkeit Rumäniens beschlossen, jedoch unter der Bedingung völliger Religionsfteiheit und daß alle Mächte in ihren Handelsbeziehungen als meistberechtigte behandelt werden. Wir setzen 1) L. Leising, die Erziehung des Menschengeschlechts $ 4. gebraucht sein wird, vielmehr bürgerliche und staatsbürgerliche Gleichberechtigung in nicht mißzudeutender Weise stipulirt ist. Ein Extrablatt der Alliance, welches von dem Beschluß betreffs Bulgariens handelt, spricht allerdings von „völliger Gleichberechtigung". Es ist dies, was wir hoffen. Der erste jüdischgalyische Gemem-rtag. Don R. Bi er er, k. k. Eerichtsarzl in Lemberg. (Schluß.) Ueber den dritten Gegenstand der Tagesordnung referirte Herr Dr. Ringelsheim, ein Advocat aus Tarnow, in mehrstündiger polnischer Rede, an welche sich eine längere Controverse schloß, indem die Einen ein Musterstatut ohne Einführungszwang, Andere die obligatorische Durchführung in allen Gemeinden verlangten. Der Beschluß siel im Sinne der ersteren Ansicht aus, und hiermit schloffen die Plenarsitzungen des zweiten Tages um 71Uhr Abends. Ein geselliges Fest versammelte die Deputirten bei Herrn Jacob Stroh. Am dritten Tage verhandelte zunächst noch einmal die vierte Section für das Rabbiner-Seminar. Dieser Punct hatte die Aufmerksamkeit der Deputirten im höchsten Grade auf sich gezogen. Galt es doch mit der Ereirung einer derartigen Pflanzstätte der jüdischen Wissenschaft den Dunkelmännern den Boden zu entziehen, den Chassidismus aus den Angeln zu heben und an deffen Stelle wahre Religiosität und lichtvolle Erkenntniß zu bringen. Dieses fühlten die Vertreter der Gemeinden, obschon Manchen unter ihnen ein gemischtes Gefühl dabei beschleichen mochte. Die Einen, selbst unter den fortgeschrittensten, fürchteten den Kampf der vereinigten Finsterlinge und Verblendeten gegen das im Werden begriffene Institut; die Anderen waren in ihrer Gesinnung noch nicht fest, scheuten ihre chassidischen Commitenten und wollten sich vor jeder Ueber stürzung verwahren. Treu und ausdauernd war nur eine kleine Schaar, der jedoch zuletzt der Sieg des Tages verblieb. Schon beim Beginn der Debatten stellte der Delegat aus Trohobyi, | Herr Alex Schorr, ein sehr intelligenter und fortschrittlich ge- , stnnter Mann, den Antrag auf Vertagung, resp. Absetzung von j der Tagesordnung, und motivirte diese mit der Wichtigkeit des; Gegenstandes, der bei der Fülle des Materials für diesen ersten Gemeindetag nicht mit der nöthigen Muße durchberathen werden könne. Doch die energischen Entgegnungen der Herren Rabb. Löwenstein, Dr. Byk, Lechner u. A. ließen den Vertagungsantrag verwerfen. Das Referat übernahm Herr Emanuel Fränkel, ein Mann, der mit großem talmudischem Wißen eine umfassende Kenntniß des Deutschen und Polnischen verbindet. •>\r