Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1878)
- Date
- 1878-07-16
- Page
- Seite 450 (sequence 2)
- Language
- German
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und Einwendungen vortragen lassen. Er war hierdurch in den Verdacht der Glaubenslosigkeit gebracht worden, wozu man einige mißverstandene Schlußworte benutzte. Lesstng vertheidigte Cardanus aus dem Gesichtspunkte, daß, um die Wahrheit seiner eigenen Religion zu erkennen, man die anderen keimen lernen und prüfen müsse. Nebenbei sei bemerkt, daß Cardanus den übrigen Religionen gegen das Judenthum den Einwand in den Mund legt, daß die Juden vertrieben und unterdrückt seien, so daß also Gott selbst ihren Glauben verworfen habe - am Schlüsse seiner Abhandlung aber bemerkt er, daß zwischen den Christen und Mohamedanern der Kampf mit den Waffen entbrannt sei, und daß die Waffen oft zum Nachtheil der Befferen entscheiden. Damit hat er wohl seinen Einwand gegen das Judenthum selbst widerlegt, denn die Waffen der Heiden waren es ja, welche die Juden niedergeworfen. Lessing geht aber weiter. Er findet, Cardanus „sei mit keiner einzigen Religion aufrichtig verfahren als mit der christlichen; die übrigen alle hat er mit den allerschlechtesten Gründen unterstützt und mit noch schlechteren widerlegt. Man braucht nur ohne Vorurtheile zu sein, um hierin übereinzukommen." Jndeß will er nichts von der heidnischen und nur wenig von der jüdischen gedenken. Er sagt: „Wider diese läßt er die übrigen drei den Einwurf machen, daß Gott Dasjenige nicht könne gefallen haben, was er habe lasten untergehen. Ist sie denn untergegangen die jüdische Religion? Wie, wenn ihr jetziger Zustand nichts, als eine verlängerte Babylonische Gefangenschaft wäre? Der Arm, der sein Volk damals rettete, ist noch jetzt ungeschwächt." Lessing fährt fort: „Irre dich nicht, Cardan", würde ihm ohne Zweifel ein rechtgläubiger Israelit geantwortet haben; „unser Gott hat uns so wenig verlaffen, daß er auch in seinen Strafgerichten noch unser Schutz und Schirm bleibt. Wenn er nicht über uns wachte, würden wir nicht längst von unseren Feinden verschlungen sein? Würden sie uns nicht längst von dem Erdboden vertilgt und unseren Namen aus dem Buche der Lebendigen ausgelöscht haben? In alle Winkel der Welt zerstreut und überall gedrückt, beschimpft und verfolgt, sind wir noch eben Die, die wir vor lausend und viel mehr Jahren gewesen sind. Erkenne seine Hand, oder nenne uns ein zweites Volk, das dem Elende so unüberwindliche Kräfte entgegensetzt und bei allen Trübsalen den Gott anbetet, von dem diese Trübsale kommen, ihn noch nach der Weise ihrer Väter anbetet, die er mit Gutem überschüttete. Was dieser Gott zu dem Satan sagte, als er seinen Mann, Hiob, auf die Probe stellen wollte: „Siehe da, er sei in deiner Hand, doch schone seines Lebens!" eben das sprach er zu unseren Feinden: mein Volk sei in eurer Hand, doch schonet seines Lebens'. Da sind die Grenzen eures Tobens; das ist das Ufer, an welchem sich die Wellen eures Stolzes brechen sollen! Bis hierher und nicht weiter! Fahret nur fort, uns zu plagen; machet den Bedrängnisien kein Ende; ihr werdet den Zweck Nicht erreichen, den ihr sucht. Er hat ein Schonet! gesprochen, und was er spricht, ist wahr." — — Könnte wohl ein Jude wärmer empfinden, den Kampf seines Stammes klarer charakterisiren und jenen historischen Scheingrund, den fteilich dennoch christliche Gelehrte bis heute wiederholten, gründlicher widerlegen? Ausführlicher noch vertheidigt Lefsing den Islam, zu deffen näherer Kenntniß damals die ersten Schritte geschahen. Wir sehen hier vollständig den Gedanken wurzeln, der im „Nathan der Weise" und in der „Erziehung des Menschengeschlechts" gipfelt. Der zweiundzwanzigjährige Lessing dringt schon darauf, daß die drei Religionen — das Heidenthum läßt er aus dem Spiele — unparteiisch gleichgestellt, in gerechter Weise geprüft und in ihren Gründen abgewogen werden. In dieser Zeit wird es auch gewesen sein, daß Lessing im Decameron des Bocaccio auf das Gleichniß mit den drei Ringen stieß und hieran sofort den Entwurf zu einem Drama knüpfte, welches jenen, vom Cardanus veranlaßten Gedankengang zum Inhalte haben sollte, einen Entwurf, den er öfter zur Hand nahm und immer wieder liegen ließ, bis ihn seine theologischen Händel 1778 zu dem Entschlüße führten, ihn wirklich zu bearbeiten. Lessing war zu der Ueberzeugung gelangt, daß die eigentliche Bestimmung und der wahre Werth jeder Religion darin bestehe, daß sie ihren Bekenner zur Gerechtigkeit, zur Duldsamkeit, zur thätigen Liebe gegen alle anderen Menschen anleite und durch ihre vernünftigen und gemüthlichen Motive nöthige; daß zwar jeder Bekenner seiner Religion auf Grund seiner Erziehung und der Pietät gegen seine Eltern und Vorfahren getreulich anhängen möge, daß aber vom allgemeinen Standpunkte aus keine Religion als die allein wahre die anderen ausschließen und verurtheilen dürfe, daß vielmehr in ihnen allen nur das Eine Wahrheit sei, die Humanität und Toleranz. Diese Ueberzeugung spricht er aus und verherrlicht er in „Nathan der Weise", und erhob dieses Drama zum Hohenliede der Menschenliebe und allseitiger Gerechtigkeit! Wenn man bisweilen gemeint hat. Lessing habe seinen „Nathan der Weise" verfaßt, um Moses Mendelssohn darzustellen und zu verherrlichen, so ersieht man aus dem Obigen, daß dies durchaus unrichtig ist. Der Gedanke, den Lessing in seinem Meisterwerke so unübertrefflich auspragt, ist viel zu allgemeiner Natur, um an einer Persönlichkeit abgemeffen zu sein; er ist der Gedanke seines ganzen Lebens, den er schon vor der Bekanntschaft mit Mendelssohn und bevor dieser selbst sich zu der edlen Gestalt herausgearbeitet hatte, als welche er uns am Abend seines Lebens erscheint, gefaßt und auszuführen begonnen hatte. Immerhin mag er einzelne Charakterzüge bewußt oder unbewußt seinem Freunde entlehnt, immerhin den Derwisch, wie Kayserling nachzuweisen sich bemüht, dem im Hause M.'s Weilendenden Rechenmeister Abraham nachgebildet haben: der eigentliche Schwerpunkt des dramatischen Gedichtes