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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-07-09 · Heft 28 (9.7.1878) · p. Seite 435

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 28 (9.7.1878)
Date
1878-07-09
Page
Seite 435 (sequence 3)
Language
German
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435 sei, und was ein Zeugniß für eine wahrhafte Religion. Welche! Zeit bedürfte dessen mehr, als wo wieder einmal ein „Cultur-, kampf" zwischen Kirche und Staat ausgefochten wird, und wo■ die Gegensätze auf dem religiösen Gebiete sich so schroff gegen-! überstehen und mit so vergifteten Waffen einander bekämpfen! j Sagte doch eine andere Autorität: „Auch für unsere Zeit heißt! in vielen Dingen fortschreiten nichts Anderes als — zu Lessing , zurückgehen." Darum ist es wohl an der Zeir, den hundert-! jährigen Geburtstag des „Nathan der Weise" nachdrücklich zu J feiern, und glauben wir wohl, daß die öffentliche Meinung in j Deutschland, nicht wie es in Frankreich mit Voltaire geschehen, sich von etwaigem Widerspruch elericaler Parteien daran verhindern lassen würde. Deutschland hätte hierzu eine Zwiefache Verpflichtung, weil es, während Voltaire, der Besitzer von! Fernen, als Millionär starb, Lessing am Hungertuche nagen! ließ. — Doch müssen wir uns hierzu noch eine eingehendere Betrachtung gestatten. Der Congreß. Die öffentlichen Blätter berichten übereinstimmend, daß bei Regulirung der Verhältniffe des neuen bulgarischen Staates und Rumeliens der Congreß festgesetzt hat, daß in diesen Ländern fortan völlige Glaubensfreihcir für alle Culten stattsinden soll. Ebenso wird berichtet, daß der Congreß die Unabhängigkeit Serbiens anerkannt habe, unter der Bedingung der Glaubensfreiheit. Einige Zeitungen bedienen sich dabei , des Ausdrucks: „Gleichberechtigung aller Raeen und Culte." Völlige Gewißheit können wir erst durch die Veröffentlichung der Protocolle über die Congreßsitzungen oder durch den Wortlaut der Stipulationen erhalten. Denn wir verhehlen nicht,! daß, wenn nur von Glaubensfreiheit und nicht ausdrücklich von Gleichberechtigung in den zu redigirenden Verträgen die Rede wäre, dies uns keine genügende Sichcrhei: gewähren würde. Denn die Herren Serben und Bulgaren würden „Freiheit der Culte" leicht dahin auslegen, daß Juden und Mohammedaner ihre Religion üben, in Synagogen und Moscheen frei leben könnten, ihre bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte aber davon nicht berührt würden. "Nur die ausdrückliche Bestimmung der Gleichberechtigung könnte genügen. Man wird uns hierbei nicht der Wortklauberei bezüchtigen. Tie Erfahrung hat gelehrt, was die Regierungsmänner und selbst die Gerichtshöfe dieser Völkerschaften aus den Bestimmungen der Verträge zu machen und aus ihnen herauszudeutcn verstehen. Lemberg, 2<. Juni. Der erste jüdisch-galyische Gemeindetag. Von R- Vierer, k. f. Gcrichtsarll in ^cmbcra. Noch ganz erfüllt von dem erhebenden Eindrücke, den die Versammlung der Delegirten galizischer Gemeinden hervorgerusen hat, will ich Ihren Lesern über die Ergebnisse dieser drei Tage einen resumirendcn Bericht abstatten. War es doch schon an sich imposant, in einem Saale, wo sonst nur polnische Laute gehört und polnische Zwecke verfolgt werden, jüdische Abgeordnete versammelt zu sehen, um über die Interessen der jüdischen Gemeinden, zumeist in deutscher Zunge zu berathen. Dabei erhebt es unser Bewußtsein, daß hier lediglich Werke des Friedens, Jntereffcn behandelt wurden, welche die Religion, Intelligenz und Bildung betreffen und die in keiner Weise mit denen einer anderen Corporation, Race oder Religions- I gesellschaft auch im Entferntesten eollidiren. Allerdings chatten auch diesmal einige Finsterlinge Alles aufgeboten, um I die Versammlung zu Hintertreiben und unsere Bestrebungen im "Namen eines verstorbenen frommen Geldleihers und im "Namen; eines gar nicht bestehenden Vereins zu paralysiren. Es half; ihnen nichts, und die größeren Gemeinden, überhaupt die, j welche einsichtsvolle Führer besitzen, waren vertreten, wenn! auch, wir sagen es mit Indignation, Darnopvl, Brody, Krakau i und Przemvsl fehlten. Am ls. Juni versammelten sich die Deputirten im Landtagssaale; sie vertraten 2(5 Gemeinden. Herr Iw. Byk, Präsident des Vereins Schomer Israel, ein noch junger Advoeat, eröffnere den Gemeindetag mit einer gehaltvollen Begrüßungsrede, in welcher er die Solidarität der galizifchen Gemeinden für das zu beginnende segensreiche Werk hervorhob. Hierauf lud er den Herrn Rabb. Löwenstein ein, als Alterspräsident die Sitzung zu eröffnen und die Constituirung einzuleiten. Dieser entrollte in einer begeisternden Rede ein geschichtliches Bild von der Verfassung der Juden in Galizien und zeigte, wie viel Gutes früher ähnliche Versammlungen für unsere Väter gewirkt haben. Er segnete das Unternehmen des Vereins Schomer Israel, den Gemeinderag zu Stande zu bringen, und schloß mir einem Hoch auf Se. Majestät den Kaiser. Man schritt zur Wahl und Herr Vlieses, ein Greis, der 4l> Jahre lang Cultusvorsteher in Lemberg war, wurde zum Präsidenten, Di-. Emanucl Byk und Salomon Winselnd erg aus Kolomna zu Viee-Präsidentcn, I>r. Sukal und Alex. Schorr zu Schriftführern gewählt. Hierauf wurde Herr! Dr. Gottlieb, ein Mann, welcher durch sein großes Talent als Advoeat und seine feurige Rednergabe sich auszeichnet, vom Alterspräsidenten cingeladen, seinen Sitz einzunehmen, und dieser eröffnete die Sitzung ofsiciell mit einer polnischen! Ansprache und mit einem Hoch auf die polnische "Nation.

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