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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-07-09 · Heft 28 (9.7.1878) · p. Seite 434

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 28 (9.7.1878)
Date
1878-07-09
Page
Seite 434 (sequence 2)
Language
German
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434 Ringen und in einem späteren Zeitraum seines Lebens erreicht batte. Am Sterbelager seiner Frau batte er die Schmähschrift des Hauptpastors Goeze zu Hamburg gegen ihn, den Herausgeber der „Wolsenbüttler Fragmente", erhalten. Bald hatte sich sein Geist wieder genugsam aufgerafft, um die noch heute ebenso wegen der Form als des Inhalts zum Studium emj pfehlenswerthen Gegenschriften gegen Goeze abzufassen. Es entstanden ihm hieraus Kränkungen und Verdrießlichkeiten aller Art, selbst seine Stellung an der herzoglichen Bibliothek war! schwankend geworden. Da holte er den Entwurf zum „Nathan , der Weise", der bis in seine Jugend zurückreichte, hervor, ihn zu bearbeiten und zu vollenden, um, wie er schrieb, „auf seiner alten Kanzel, auf dem Theater, ungestört zu vredigen". Er gedachte mit dieser Dichtung „dem Feinde auf einer anderen Seite in die Flanke zu fallen"". — Nachdem er aber einmal den Gedanken gefaßt batte, trieb ihn noch ein anderes Motiv, denselben auszuführen, ein Motiv, von dem wir mit Schmerz Kenntnis; nehmen, das aber Lessing selbst in seinen Briefen ausspricht. Nach dem Tode seiner Gattin hatte er sich angestrengt bemüht, das Erbtheil seiner Stiefkinder sicher zu stellen, und sich deshalb in Schulden gestürzt. Zugleich mußte er befürchten, wie wir schon bemerkt, seine amtliche Stellung zu verlieren. Es kam ihm daher Alles darauf an, sich im ungünstigsten Falle seine Freiheit zu sichern und zu haben, „wovon er leben sollte während der vier bis fünf Monate, welche ibm die Dollendung dieses Werkes kosten würden". Er ließ daher einen Subscriptionsbogen drucken, den er seinem Bruder und seinen Freunden sandte, um möglichst viele Subscribenten zu sammeln. Er brauchte — dreihundert Tbaler. Jndeß wollte er Vorausbezahlung von Seiten der Subscribenten nicbt amrehmen, und so wünschte er diese Summe irgend woher geborgt, wofür er jegliche Bürgschaft für pünctliche Rückbezablung leisten wollte. Sein Bruder, der bekannte Münzdirector Karl Lessing in Berlin, pochte an viele Tbüren, aber keine wollte sich öffnen. Das Hebel war um so größer, als Lessing, wie während seines ganzen Lebens, auch damals von seinen dürftigen Geschwistern mit Forderungen um Unterstützung geplagt wurde. Endlich fand sich ein wackerer Mann, der aus Verehrung für den Dichter die dreihundert Tbaler auf vier Monate vorschoß, Moses Wessely, der nichts dafür wünschte, als einen Brief von Lesfing zu erhalten *). Leising erfüllte diesen Wunsch; nun aber quälte ihn die Sorge wegen der Rückzahlung zum anberaumten Termin, da er nicht sicher war, ob die Subscriptionen die gedachte Summe decken würden. 1) Moses TScssily harre mit Heising viel in Hamburg verkehrt; er war ein gewandter Kaufmann, jedoch nicht in glänzenden Verhältnissen. Bruder des berühmren hebräischen Schriftstellers, schrieb er selbst, besonders eine Abhandlung über das Finanzwesen und über „die bürgerliche Verbesserung der Juden" (Altona 17S2). Seine gesammelten Schriften kamen ein Jahr nach seinem Tode (1797) zum Besten seiner Wittwe heraus (Berlin 1798). Auch anonyme Briefe über Emilia Galotti hat er veröffentlicht. „Es wäre ein Wunder", schreibt er, „wenn man es meiner Arbeit nicht anmerkte, unter welcher Unruhe ich sie zuiammenschreibe!"" Nun, diese Besorgniß war überflüssig; seine Begeisterung für seinen erhabenen Gegenstand und die Kraft seines Genius halfen ihm darüber hinweg. Das Drama war vollendet. Aber nach so vielen Enttäuschungen hatte Lessing verlernt, fröhlich in die Zukunft zu schauen. Zwar setzte er sich vor, für die zweite Äusiage eine ausführliche Vorrede und ein dramatisches Nachspiel, „Der Derwisch", zu schreiben. Doch glaubte er kaum eine zweite Auflage zu erleben. Und dies war wirklich so. Drei Jahre nach Vollendung des Nathan schied er von seiner dornenvollen Laufbahn. Auch hinsichtlich der Aufführung seines großen Werkes machte er sich keine Hoffnung. Er hielt seine Zeit noch nicht für reif hierzu und meinte, es würden hundert Jahre vergehen, bevor ein Theater es aufzuführen wagen würde. So arg war es nun nicht. Die letzten Jahre Friedrich des Großen benutzte der bekannte Schauspieldirector Döbbelin, den Nathan am 14. April l 7*3 zu Berlin zum ersten Male aufzuführen, aber in so erbärmlicher Weise, daß das Stück nach der dritten Auffilhrung von der Bühne wieder verschwand. Im Jahre 17*5) versuchte es der Schauspieldirector Seipp, den Nathan zu Preßburg auszuführen. Aber erst nachdem Schiller das Werk für die Weimar'sche Bühne bearbeitete und am 28. November 1801 zur Aufführung brachte, gewann es sich die allgemeine Würdigung und wurde namentlich durch Jffland in Berlin eingebürgert. Seitdem ist der Nathan in alle europäischen Sprachen übertragen und z. B. am 20. März 1842 in einer neugriechischen Uebersetzung selbst zu Constantinopel wiederholt ausgeführt worden. Dies ist die äußere Geschichte des „Nathan der Weise". Sie bildet selbst ein Drama von erschütternder Wirkung, das verschieden von jenem mit dem Tode des Helden abschließt. Mendelssohn schrieb an Lessing's Bruder: „Fontenelle sagt von Eopernicus: er machte sein neues System bekannt, und starb. Der Biograph Ihres Bruders wird mit eben dem Anstande sagen können: er schrieb Nathan den Weisen, und starb." Denn höher steigen und noch ein bedeutenderes Werk des Geistes schaffen, hätte er nicht gekonnt. Auch darin hatte der vcrcbrungswürdige Freund Lessing's Recht, wenn er diesem kurz vor dessen Tode schrieb: „Er sollte sich nicht Wundern, daß der große Haufe seiner Zeitgenoffen das Verdienst dieses Werkes verkenne; eine besiere Nachwelt werde noch fünfzig Jahre nach seinem Tode daran lange Zeit zu kauen und zu verdauen haben."" Nur hatte Mendelssohn die Zeit zu kurz bemesien. Jetzt sind hundert Jahre verflosien und noch heute bedarf die Welt dieser großen Offenbarung der Humanität, der Gerechtigkeit und der Duldsamkeit, um immer von Neuem sich zum Bewußtsein zu bringen, was wahrhafte Religiosität

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