Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-07-02 · Heft 27 (2.7.1878) · p. Seite 428

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 27 (2.7.1878)
Date
1878-07-02
Page
Seite 428 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227177-3227205--36371-3306407
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

428 daß diese Zuversicht psychologisch erklärlich ist, da dem Versager jeder Geschmack und Tact, jede Correctheit des Gedankens und des Aufdrucks abgebt, und er sich ebensowenig von der Metrik, wie von der Logik angeeignet hat. Die Hexameter sind mit nicht großer Ausnahme holperig oder geradezu fehlerhaft. Was meint z. B. der Leser zu dem Verse: „Weidend die Heerde vernarbten die Wunden, erstarkt er zum Manne." Oder: „Trockene Augen, versengend den Thau der erleichternden Thräne, Schauen die Fluthen des Nils von Leichen der Kinder belebet." Es ist nicht selten, Sätzen zu begegnen, die aus 23 und mehr Versen bestehen. 6s genügt nicht, eine gute Gesinnung zu besitzen und eine Anzahl klingender Phrasen zur Hand zu haben, um ein Dichtwerk von nur leidlichem Werthe zu Stande zu bringen. Mehr hatte aber der Versager nicht. — „Gottes Stimme aus der Höhe! Festrede, gehalten aus Veranlagung zur glücklichen Errettung Sr. Majestät des Kaisers Wilhelm I. am 1. Psingstfestabend, den 6. Juni 1878, in der Synagoge zu Aschersleben von L. Japhct, Lehrer und Prediger der jüdischen Gemeinde. Aschersleben, Schlegel." Wir können dieser Rede nachrühmen, daß sie „kurz und gut" ist, wie es einem Abendgottesdienste ziemt. In edler, gehobener Sprache wird eine eindringliche Auslegung von 2 Bios. 2<>, 20. gegeben , und die Gemeinde ermahnt, aus dem großen Ereigniß die Lehre sittlicher Läuterung und Besserung zu ziehen. Tie Stimmung entspricht den Gefühlen, welche gegenwärtig die ganze deutsche Nation beseelen. Der Reinertrag ist für die Hinterbliebenen der auf dem „großen Kurfürsten" Verunglückten bestimmt. — „Gebetbuch der jüdischen Reformgemeinde zu Berlin. Zweiter Theil: die Festgebete. Neu bearbeitete Ausgabe. Berlin I *78. Selbstverlag der jüdischen Reformgemeinde." Wir setzen die gottesdienstlichen Einrichtungen der Berliner „Neformgcmcinde" als bekannt voraus, und haben an dieser Stelle das vorliegende Gebetbuch für die Feste nicht vom theologischen oder historisch-liturgischen Standpunkt zu beurtheilen, sondern eben nur als ein besonderes Gebetbuch. Tie früheren 2lusgaben liegen uns nicht vor, so daß wir die getroffenen Veränderungen in dieser neuen Bearbeitung nicht bemessen können. Die uns mitgesandte „Vorbemerkung zur fünften Auflage" besagt, „daß mancherlei Wiederholungen, Äbschweife und logische Ungenauigkeiten," entfernt worden sind. „Hier und da schienen die reforMatorischen Begriffe theils unsicher im Ausdrucke, theils ungeklärt in der Sache, theils ungerechtfertigt versetzt mit einer fremdartigen, dogmatischen Zuthat." Hierzu werden gezählt: „die häufig wiederkehrende Floskel der einstigen Erlösung, die Schilderungen der messianischen Zukunft der Menschheit, der Offenbarung und der Wunder, der Bedeutung der Feste und des Wiedersehens nach dem Tode." Vielmehr wurde in Betracht gezogen „der Zuwachs an Unbefangenheit in der religiösen Denkungsart und eine erweiterte Mannigfaltigkeit der Gebetmotive." Was also weggelaffen, oder doch wessen wiederholte Betonung abgeschwächt wurde, ist klar, weniger der erste angegebene Gesichtspunkt für die Umarbeitung. Denn was heißt „der Zuwachs an Unbefangenheit in der religiösen Denkungsart?" Wahrscheinlich Verminderung des religiösen Gedankeninhalts, Verflüchtigung der positiven Ueberzeugung! Was nun die vorliegenden Gebete betrifft, so sind sie in einer edlen und meist correcten Sprache abgefaßt, und was sic enthalten, ist lautere, religiöse und sittliche Gesinnung. Im Ganzen jedoch ist die Ausdrucksweise, wir möchten sagen, zu elegant, zu glatt und eintönig, und allein das charakteristisch, was an Gebetformeln aus den Psalmen und dem alten Siddur herübergenommen ist. Ueberall der gleichmäßige Ton, ohne Mannigfaltigkeit der Bilder und Bezeichnungen. Wenn wir uns nicht bei den Liedern und Chören das musikalische Element hinzudenken, möchten diese Gebete wenig in die Gemüther einzudringen oder sie Hinzureißen vermögen. In ihnen ist zu wenig individualisirt, zu wenig in die Stimmungen und Lagen des Menschen und Israeliten eingegangen, um die Gemüther zu ergreifen und zu befriedigen. Wir vermissen jeden schöpferischen und dichterischen Geist, der für die Liturgie der Reformgemeinde einen freien Spielraum gehabt hätte. Im Ganzen lehnt sich dieser Gottesdienst doch an den Gang unserer alten Liturgie, und die Erwählung Israels, sowie die Offenbarung Gottes wird an vielen Stellen nachdrücklich ausgesprochen. Hier und da fehlt cs an etwas sonderbaren Ausdrücken nicht ganz; z. B. S. 22: „Tu durchdringst mit Deinem Blick die innersten Tiefen der Erde", oder: „Die Allmacht, die sich verkündigt auf dem Sinai einer aufgeregten Naturwelt." (Es war vorher die Offenbarung auf Sinai geschildert worden, wo es heißt: ,Zene große Verkündigung, wie sie in der Vorstellungsweise unserer Väter uns überliefert wird." Die „Vorstellungsweise" ist in einem Gebete doch etwas zu nüchtern, und muß im Voraus den Eindruck abschwächen, den das citirle Schriftwort machen würde. Eine weitere Auslese würde uns nicht schwer fallen. Da wir es hier mit dem Erzeugniß einer Gemeinde zu thun haben, welche sich die volle freie Bewegung vindicirt, werden diese Bemerkungen nicht als zu scharf kritisch angesehen werden. Bonn, 20. Juni. (Literarische Notizen). Wir haben bereits über das in jeder Beziehung treffliche Prachtwerk „Aegypten in Bild und Werk, dargestellt von unseren ersten Künstlern, beschrieben von Georg Ebers (Stuttgart, Ed. Hallberger 187* " berichtet. Es liegen uns jetzt Lieferungen 1 —5 vor, und wir können sagen, daß das Werk fort-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.