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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-07-02 · Heft 27 (2.7.1878) · p. Seite 420

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 27 (2.7.1878)
Date
1878-07-02
Page
Seite 420 (sequence 4)
Language
German
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420 graben', und an deren Stelle Blasirtheit, Ironie und Geistesverwirrung gebracht, daß es dem Socialismus nunmehr leicht wird, die Früchte dieses tollen Treibens einzuheimsen. Diese materialistische Popularisirung bat sich Pflanzstätten geschaffen, wo sie unter den Blumen der Belletristik, unter dem Strauchwerk der Unterhaltungslektüre die Giftpflanzen der Gottes¬ und Geistcsleugnung, der starren materialistischen Anschauung aufs Ueppigste aufwuchern machte, und z. B. die „Gartenlaube" hat mit ihren hundert Tausenden von Exemplaren mehr Schaden angerichtet, als Schule und Erziehung in langen Zeiträumen wieder gutmachen können. So wurden dem Socialismus die Wege geebnet, auf denen er seine Orgien offen feiert — denn ohne den Glauben an Gott, Geist und Unsterblichkeit, bei einer nackten, pessimistischen und materialistischen Anschauung , was bleibt da in den verwilderten Gemüthern von Sittlichkeit, Sitte, Gesetz, Ordnung und Liebe übrig? Die gemeine thierische Selbstsucht verschlingt Alles! Dies sind die großen moralischen Schäden, welche der Socialismus dem Volksgeiste theils zufügt, theils in ihm fördert und mit aller Kraft verbreitet. Wenn der Staat der offenen Verschwörung gegen ihn durch die nachdrückliche Anwendung aller gesetzlichen Mittel die Spitze abbricht: fo genügt dies doch nicht, um dem sittlichen Verderbniß abzuhelfen. Hierzu muffen sich alle übrigen Klaffen des Volkes, alle übrigen Glieder der Gesellschaft vereinigen. Sie müffen vor Allem den verheerenden Klaffenkampf unter einander aufgeben, welcher auch dem Socialismus den fruchtbaren Boden liefert. Die verschiedenen Richtungen und Parteien auf allen Gebieten des wirklichen und geistigen Lebens müffen sich vertragen, achten und dulden lernen und nicht jeden Zwiespalt zum Haß und Kampf auf Tod und Leben erweitern. Dann aber muß auch Wiffenschaft und Literatur von ihren Ausschweifungen und Ausschreitungen zurückkehren und Einsicht und Mäßigung zum gültigen Gesetz werden. Endlich müffen alle Kräfte angestrengt werden, um allmälig die wirklichen Uebelstände, durch welche die untere Volksschicht noch benachtheiligt ist, und die leicht erkennbar sind, abzustellen. Es ist dies eine große Aufgabe der Gesellschaft, namentlich in Deutschland, die sie jedoch auf dem Wege der Entwickelung zu lösen vermag. Eine so reich begabte Nation, wie die deutsche, kann bei ernstlichem Wollen auch aus solchen Nöthen sich retten, so der rechte Weg zur rechten Zeit eingeschlagen wird! Streiflichter auf die Verhältnisse -er gallischen Zn-en. Von R. Vierer, k. k. Gerichtsarzt in Lemberg. (Schluß.) Diese Rechtsungleichheit wurde trotz der Gegenrede der jüdischen Abgeordneten in Wien vom Reichsrath und dem Kaiser sanctionirt; durch ein solches Gesetz kamen die jüdischen Geschäftsleute Galiziens vom Regen in die Traufe. Das unglückliche Galizien aber wird dadurch noch tiefer ins Elend gestürzt, und die Verarmung des Bauers bricht herein „wie ein gewappneter Mann". Eine förmliche Krise ist eingetreten, aller Verkehr stockt, und das creditarme und geschäftstodte Galizien verfällt mehr und mehr der Noth. Unsere Glaubensgenossen ziehen ihre Capitalien zurück oder laffen dieselben uneingefordert den Gläubigern, um nur nicht mit der Justiz in Berührung zu kommen. Geldgeschäfte werden nur mit der größten Vorsicht und zwar fast ausschließlich unter Juden selbst gemacht. Der Ueberschuß von Capitalien wird von Vielen zum Ankäufe von Grund und Boden verwandt, und zwar nicht allein in Latifundien, sondern auch im Kleingrundbesitz. Die wucherische und erbarmungslose Weise, in welcher die Banken gegen ihre bäuerlichen Schuldner verfahren, liefert dem Juden die beste Gelegenheit, das Land maffenhaft zu billigem Preise zu erwerben — und binnen zwei Decennien wird der Ackerbau Galiziens zum großen Theile sich in den Händen der Juden befinden. Auch hierin sehen wir also das Walten der göttlichen Vorsehung und ihren beständigen Schutz für das so viel duldende jüdische Volk: die Anschläge der Bileam und der Haman, welche zu allen Zeiten gegen sie erhoben wurden, werden nicht allein vereitelt, sondern in das Gegentheil verwandelt. Wie sieht es aber in politischer Beziehung aus? Nach dieser Richtung können wir nach den bisherigen Erfahrungen unseren Glaubensbrüdern nicht eben ein schmeichelhaftes Zeugniß ertheilen. Dank der unsicheren und schwankenden Haltung unserer Centralregierung haben die befreiten Kinder des Ghetto noch nicht Zeit und Muße gehabt, zu festen politischen Anschauungen zu gelangen. Wie die Regierung in Wien bald föderalistisch, dualistisch, autonomistisch, utilistisch rc. rc. schillert, können sich die politisch noch ungebildeten Volksmaffen dem verderblichsten Eindruck nicht entziehen, und so werden auch die jüdischen Bürger von demselben politischen Fieber ergriffen. Es kommt sogar bei uns vor, daß dieselbe Regierung in jedem Kronlande eine andere Politik verfolgt. Die Juden sind die loyalsten Bürger des Staates, sie waren in Galizien sogar großösterreichisch und gut, ja sehr gut deutsch gesinnt. Dieses intelligente, besitzende und erwerbende Element, der belebende Factor in dem industriearmen Kronlande fühlte sich stark unter dem Schutze einer mächtigen Centralgewalt, athmete ftei auf unter dem verfaffungstreuen deutschen Beamtenstande und vertraute mit Recht den biedern deutschen Gerichten, welchen nationale Rücksichten fremd waren. Ihrem Herzens¬ und Geisteszuge entsprach es daher, als der Verein Schomer Israel zum Wahlplatze zog für die Verfaffung gegen polnische Sondergelüste, und sie glaubten, hierdurch auch der versaffungstreuen Regierung einen unschätzbaren Dienst zu erweisen.

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