Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1878)
- Date
- 1878-07-02
- Page
- Seite 419 (sequence 3)
- Language
- German
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419 sucht, und hier mehr, dort weniger hineingezogen hat, unter- > längst in der Volksseele Platz gegriffen haben. Wer ist hieran wühlt alles Familienleben. Aber mit diesem ist auch wieder schuld? Wer hat einen solchen Zustand herbeigesührt oder die Unlust an der Arbeit und die Unzufriedenheit aufs Engste verbunden. Wir wissen es ja Alle, daß auch der größte Reichthum und die Fülle von Macht und Ansehen auf Augenblicke Genuß, aber keine wahrhafte und dauerhafte Lebensfreude zu verschaffen vermögen — dies ist allein das liebevolle Familienleben im Stande. Dies kann aber der Lebensantheil jedes Menschen, jedes Standes, jeder Stufe des Besitzes sein; es bereitet selbst unter dem Drucke der Armuth und Entbehrung so viele Herzensbesriedigung, daß Unglück und Joch vor den Augen unserer Seele verschwinden. Eine Zeit lang schwärmte man für die Ansicht, daß Tugend, Frieden und Glück nur in den Hütten wohnen und vor den Hallen der Paläste zurückweichen. Auch diese Schwärmerei ist vorüber — aber das ist das Unglück unserer Zeit, daß man dem Volke insinuirt: nur Reichthum und Sinnesgenuß machen das Glück des Lebens aus. Es mag wohl schon in alter Zeit bei manchen Leuten so Etwas gespukt haben; denn wie schön spricht sich der kleine Wallfahrtspsalm 128 aus: So du deiner Hände Arbeit iffest: Heil dir, dir geht es gut'. Dein Weib gleicht srüchtereichem Weinstock Im Innern deines Hauses, Und Oelbaumsproffen deine Kinder, Rings um deinen Tisch. Arbeitslust und Familienliebe sind Geschwister im einträchtigsten Bunde: wo die eine verjagt wird, folgt ihr die andere alsbald nach! So schwere sittliche Schädigungen dies sind, so vermögen sie doch nicht allein jene Verwerfung und Leugnung aller Geherbeiführen geholfen? Ta hören wir Anklagen von verschiedenen Seiten. Die Kirche klagt die Wissenschaft und den Liberalismus an, die anderen die Kirche und wiederum der Dritte die Zweite. Daraus folgt, daß alle Drei nicht schuldlos sind. In einer Zeit, wo sich in der Entwickelung der Völker ein freierer Geist zu regen begonnen hat, ist der Religion nichts schädlicher, als eine verknöcherte Orthodoxie, die entweder in starren Dogmen oder in verlebten Formen allein die Religiosität und den Bestand der Religion sindet. Sobald sich dann Menschen von diesem Standpunkte freimachen, so verwechseln sie meist Religion und Kirche, Gottglaubcn und Kirchenglauben, und werfen sich der Freigeisterei, der Gottesleugnung, dem Materialismus in die Arme, mit dem Wahne, der Freiheit des Geistes einen großen Sieg erfochten zu haben. Dies lehrt die Erfahrung an zahllosen Individuen. Tie Gegensätze berühren sich allzu nah. Es ist z. B. konstatirt, daß der Meuchelmörder Robiling eine strenge altlutherische Erziehung genosien und unter altlutherischen Gesängen und Gebeten groß geworden. Es kann nicht geleugnet werden, daß die Orthodoxie in der Kirche zu viel Haß und Verdammung gegen Andersgläubige predigt und bethätigt, um nicht die Volksseele solchen Leidenschaften zugänglich gemacht zu haben. Man höre nur z. B. den Hofprediger Stöcker, der kirchliche Socialisten machen will. Kaum hat er sich eine Rednerbühne aufgestellt, als er Haß und Verachtung gegen Alle aussprudelt, die nicht seiner Fahne folgen und dies ist doch die große Mehrheit. Ist doch das ganze jetzige Geschlecht der Socialdemokraten aus der, von den M üh l er'schen Regulativen beherrschten Volksschule hcrvorgegangen. — Aber nicht minder hat die Wiffenschast oder doch setze der Sittlichkeit, der gesellschaftlichen Ordnung und des > ihre Ausläufe in der Literatur und in öffentlichen Vorträgen Staates zu bewirken, welche die Socialdemokratie lehrt, und zu diesem geistigen Volkszustandc beigetragen. Ist doch das die sie in Umsturz, Bürgerkrieg, Brand und Mord zu bethätigen• fressende Uebel des Unglaubens und des Materialismus noch vorhat. Um dem Menschen die Anerkennung derartiger Mei-! lange nicht so arg in den unteren Schichten des Volkes , wie nungen und Absichten abzugewinnen, um dem Volke eine solche j verhältnißmäßig in den sogenannten gebildeten Ständen ver- Geistesrichtung zu geben, dazu gehört, daß in ihm aller religiöse breitet, von denen aus es erst in das Volk eindrang. Die Glaube und alles sittliche Bewußtsein zerstört ist. Nun macht Philosophie, welche in ihrer Selbsterschöpfung den Pessimismus ja auch der Socialismus kein Hehl daraus, daß cr die Religion und den Atheismus lehrte; die Naturwiffenschaft, welche aus und Moral als seine Feinde betrachtet, und sie mit allen ihren, mit weiser Einsicht festgehaltenen Grenzen, innerhalb Waffen bekämpft und vernichtet. Es ist bekannt, wie derartige Kundgebungen seitens der socialdemokratischen Führer in jüngster Zeit auch ins Große ausgeführt worden. Hier ist es aber, wo wir dem Socialismus nur eine Beförderung, Verbreitung und die Verarbeitung zu einem realen Fundamente zuschreiben können. In der verhältnißmäßig kurzen Zeit der unbeschränkten Wirksamkeit des Socialismus in Deutschland vermag man nicht Religion, Moral und Sitte in einem ganzen Theile des Volkes zu zerstören. Das Uebel muß von langer Hand vorbereitet sein. Religiöse und sittliche Entartung und Zuchtlosigkeit muffen derer sie es nur mit dem Wahrnehmbaren und den Erscheinungen derselben zu thun habe, hinausgeschritten, sich der Stimmabgabe über das Geistige bemächtigte und in den luftigsten Hypothesen Welt und Mensch zu einem bloßen Produkt der Materie, zu einem bloßen Convolut von Atomen erniedrigte; und vor Allem die, nicht blos aus Zwecken der Belehrung, sondern vielfach auch aus ehrgeizigen und gewinnsüchtigen Motiven ersließendc Sucht der Popularisirung aller dieser Philosopheme und Hypothesen, haben seit langen Zeiten gerade in Deutschland am meisten jeden Gottglauben und alle Grundsätze der Moral so unter- 27"