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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-07-02 · Heft 27 (2.7.1878) · p. Seite 418

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 27 (2.7.1878)
Date
1878-07-02
Page
Seite 418 (sequence 2)
Language
German
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418 solchen Spaltung der Klassen in Wahrheit gar nicht mehr die j der Verlust aller Freude an der Arbeit. Wenn den Leuten Rede sein. Auch ist es eine völlig unwahre Behauptung, daß die Ungleichheit des Besitzes in unserer Zeit größer sei, als in vergangenen Jahrhunderten. Gerade das Gegentheil findet statt. Man braucht z. B. nur an den früher bestandenen großen Bodenbesitz aristokratischer Familien und der Großbauern zu denken, und wie jetzt in den meisten Ländern Grund und Boden unter sehr zahlreiche kleine Besitzer vertheilt ist. Man klagt über die allgemeine Vertheuerung, besonders der unentbehrlichen Lebensbedürfnisie. Da nun die Produktion nicht ab-, vielmehr zugenommen hat, so kann die Theuerung nur durch den gesteigerten Consum und die Vermehrung und Verallgemeinerung des Geldes bewirkt worden sein, beides Beweise der größeren Vertheilung des Besitzes, einschließlich des Erwerbes.') Nicht die Rohstoffe an sich, sondern die Arbeitslöhne sind in allen Zweigen der Industrie und der Landwirthschast theurer geworden. So hat sich die Lebensweise aller Volksklafien gebesiert, und Wohnung, Kleidung, Nahrung und alle unentbehrlichen Genußmittel haben in allen Klaffen des Volkes eine wesentlich besiere Beschaffenheit angenommen. — Alle diese Thalsachen leugnet der Socialist mit der unverschämtesten Frechheit frisch weg. Um zu seinem Ziele zu gelangen, stellt er die sogenannten arbeitenden Klaffen als „enterbt", als „vom Kapital ausgebeutet", als „der Genüsse beraubt, nur zu sklavischer Arbeit verdammt dar, „während alle anderen Klaffen in Ueberfluß schwelgen." Alles dies ist Lüge. Wäre man aufrichtig, so müßte man gestehen, daß die mechanische Arbeit viel weniger durch das Kapital, als durch den Geist dienstbar gemacht wird. Die geistige Arbeit macht sich das Kapital ebenso wie die mechanische Arbeit dienstbar. Wer die Maschine erfindet und aufstellt, der macht sich die mechanischen täglich die Arbeit als eine ungerecht aufgebürdete Last dargestellt wird, deren Ertrag zum besten Theile Anderen zusalle — wie soll da noch eine Arbeitsfreude, eine Arbeitsfreudigkeit bestehen bleiben? Nur der Zwang der Verhältniffe wird zur Arbeit nöthigen. und diesen Zwang wird man verfluchen und Jeden als Befreier ansehen, der eine andere Zukunft verspricht. Dies ist dann auch das treibende Motiv bei den meisten Anhängern der Socialdemokratie. Ihnen wird die Herrschaft in der Zukunft verheißen, daß sie an die Stelle derer treten werden, welche jetzt regieren, die Verhältniffe bestimmen, Arbeit geben. Sie dünken sich Sklaven, die bald die Rolle mit ihren Herren wechseln werden. Die socialistischen Theoretiker mögen einen Zustand ersinnen, in welchem die Arbeit, der Lohn und der Genuß gleichmäßig unter alle Menschen vertheilt werden. Der socialdemokratische Haufe weiß hiervon nichts, oder sein Instinkt sagt ihm, daß dies leere Träumerei sei, sondern er geht daraus hinaus, mit den von ihm als glücklich beneideten Besitzenden die Rolle zu wechseln, sie von der vermeintlichen Höhe hinunterzuwerfen und sich darauf zu stellen. Bei dieser Gedankenoperation wird ihm jede Arbeit zu unerträglicher Last, weil ihm jede Befriedigung durch dieselbe aus der Seele gewichen. Dies ist aber ein unersetzlicher Verlust sittlichen Werthes und Charakters und ein ungeheurer Schaden an Lebensfteude, an wahrem Genuß des Daseins. Nein, die Freude an der Arbeit und an dem Erzeugniß derselben ist das natürliche Gefühl des Menschen; das Bewußtsein des Können- und Vollbringens erhebt und befriedigt ihn auf allen Stufen der Arbeit. Hat der Schöpfer den Menschen zur Arbeit bestimmt, indem er ihm andere Bedürsniffe und Fähigkeiten verliehen, als den übrigen Geschöpfen der Erde, so bat er ihm dafür die Freude Arbeiter dienstbar, die sie bedienen. Was wollte aber diese an der Arbeit und am Erarbeiteten gegeben, die an Dauerganze Maffe bedeuten ohne den Geist, ohne die geistige Arbeit? Andrerseits mögen immerhin einige Reiche in Ueberfluß schwelgen: die ungeheure Mehrzahl der Menschen lebt in ihren verschiedenen Abstufungen von den Erträgniffen ihrer Arbeit, und gerade die oberen Bürgerstände sind es, die durch die Anforderung der Convenienz mehr zn tragen haben, als andere. Aber auf welche andere Art, durch welche andere Mittel könnte der Haß im Herzen des Volkes geweckt und genährt werden, als durch solche lügenhafte Phrasen, welche den beschränkten Kopf um alle Einsicht bringen und seinen Zorn entflammen? Läßt sich doch jeder Mensch gern über seinen eigenen Werth und über die unverdiente Lage, die ihm bereitet worden, täuschen. Jndeß steht dieser unsittlichen Leidenschaft eine andere demoralisirende Wirkung des Socialismus zur Seite: nämlich n einen Beweis hierfür liefert z. B. der Verbrauch des Zucker-, von dem nach statistischer Ermittelung 1836 noch 4 Pfund, 1877 binhaftigkeit alle anderen Lebensgenüsse übertrifft und diesen erst die rechte Würze verleiht. Wer dem Volke die Arbeitsliebe und Arbeitslust aus der Seele schafft, hat ihm den besten Theil genommen und entwürdigt den Menschen eben so sehr wie durch jedes Laster. — Diesem Verluste schließt sich aber ein anderer dicht an, es ist dies: die Freude am Familienleben. Wer die Arbeit haßt, wer mit seinem Loose unzufrieden ist, wer die ganze gesellschaftliche Ordnung umstoßen will und seine Seele mit Zorn füllt, dem ist auch die Freude und der Genuß im Schoße der Familie vergällt. Die Socialdemokratie lebt vom Wirthshausleben, von den Versammlungen in den Kneipen, vom Raisonniren und Aufstacheln ihrer Anhänger unter einander. Im Schoße der Familie, in der Liebe zu Weib und Kindern verblaßt und schwindet sie. Wer sich fteut, für Weib und Kinder zu arbeiten, dem ist die Arbeitslast versüßt. Ob der Socialismus als Theorie die Ehe aufhebt, die gegen ii Pfund pro ftopf und Jahr in Preußen consumirt wurde,' Familie verwirft, darauf kommt es noch lange nicht an. Die ein Ecinmn, der nicht von der Handvoll Reicher, sondern eben nur ■ ° 1 ' ' / a vom {leformnten Volke bewerkstelligt werden kann. wilde Bewegung, in welche er die Volksmasse hineinzuziehen

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