Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1878)
- Date
- 1878-06-25
- Page
- Seite 411 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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411 Das klerikale Ministerium hat seine Entlassung genommen, und und der ehemalige liberale Minister Fröre Orban ist mit der Neubildung des Ministeriums beauftragt. Die Leser werden sich aus meiner letzten Correspondenz erinnern, daß dieser Mann vor Kurzem eine ausgezeichnete Rede in wahrhaftem und gemäßigtem Liberalismus gehalten, in welcher er ausdrücklich erklärte, daß, so lange die religiösen Corporationen sich in politische Angelegennicht mischen, sie geachtet unv unangetastet bleiben müssen. Ich brauche nicht hervorzuheben, daß gerade dies die Stellung der jüdischen Religionsgemeinden war und ist. Die liberale Partei kommt also in Belgien wieder einmal an's Ruder. Möge die gemäßigte Fraction mit Herrn Fröre Orban an der Spitze die Kraft besitzen, vie Radikalen zurückzuhalten und den Weg ver Mäßigung aber auch der Thatkraft zu behaupten! Großbritannien. Manchester, im Juni. Herr Henry Samson hat im hier erscheinenden „Exaininer and Times“ folgendes Schreiben veröffentlicht: „Ich gehöre keiner christlichen Kirche an, demungeachtet bin ich stets bereit, zu jedem nützlichen Werke ohne Unterschied der Confession beizutragen: man braucht nur vie verschiedenen SubscriptionSlisten in den Journalen vurchzusehen, um sich zu überzeugen, daß die Mitglieder der jüvischen Gemeinde, der ich angehöre, in großer Anzahl darin verzeichnet sind, selbst bei den Werken, die einen speciell christlichen Charakter haben. Aber mit welchem Recht alsvann wendet man sich stets im Namen der „christlichen" Barmherzigkeit an uns? Giebt es denn keine Gerechtigkeit aus anderer Quelle? Genügt es nicht, sich an unsere Gerechtigkeit ohne Beiwort zu wenden? Was mich betrifft, so habe ich es mir zur Regel gemacht, keiner Aufforderung unter dieser engherzigen und ausschließlichen Form Folge zu leisten; ich werde also die soeben erhaltene nicht berücksichtigen unv hoffe, daß die Beröffentlichung des Gegenwärtigen eine Umkehr zu einem gesunderern und gerechteren Brauche bewirken wird. Henry Samson." London, im Juni. Nach einer Mittheilung des „Standard" haben die Israeliten von Salonichi und der Umgegend, in der Furcht, unter die Herrschaft der Bulgaren oder Russen zu fallen, eine Petition an die spanische Regierung gerichtet, in welcher sie, deren Vorfahren gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts Spanien zu verlaffen gezwungen wurden, um die Rechte spanischer Unterthanen und die Erlaubniß sich in Spanien niederzulaffen, ansuchten. Dieses Gesuch ist gewiß eine geschichtliche Merkwürdigkeit, indeß hegen wir die Hoffnung nicht, daß die spanische Regierung die Gelegenheit wahrnehmen werde, das Verbrechen an der Menschlichkeit, welches ihre Vorfahren vor vier Jahrhunderten begangen, wieder gutzumachen, ergreifen werde. Wir sprechen von der gegenwärtigen spanischen Regierung, nicht vom spanischen Volke. Schweden. Stockholm, 12. Juni. (Privatmittheilung.) In politischer Beziehung haben wir in verhältnißmäßig kurzer Zeit, wie früher mehrfach nachgewiesen, ungemein viel erreicht und was noch zu wünschen übrig bleibt, wäre ebenfalls erreichbar, wenn wir Männer hätten, die energisch dafür kämpften. So z. B. figurirt immer noch auf dem Steuerzettel der israelischen Einwohner Schwedens eine nickt unbedeutende Abgabe unter dem Titel: „Kirchenreparaturen, Erhaltung des Pastorhauses, Gehalt der Geistlichkeit" alles Dinge, mit denen wir nicht im mindesten zu schaffen haben. Man hat allerdings vor Jahren einige Anstrengungen gemacht, diese ebenso widersinnige als ungerechte Steuer von sich abzuwälzen, doch ohne Erfolg. Wir glauben, solche Proteste, immer wieder erneuert, müßten endlich doch zum Ziele führen. Wenn der Staat für unfern Cultus keine Sorge trägt, und wir stehen bekanntlich in dieser Hinsicht auf gleicher Stufe mit den Katholiken, so sollte er uns wenigstens mit den Lasten zur Erhaltung der Staatskirche verschonen. Diese Forderung ist so billig, daß man sich ihr an höchster Stelle schließlich doch nicht verschließen könnte. Die isralit. Gemeinde hat ja ohnehin ihre großen Lasten, ihr jährliches Budget für Cultus und Armenwesen beträgt an 40,000 Kronen. Ebenso werden auch Juden noch nicht in die Freimaurerloge ausgenommen, nachdem sie im Auslande in den Orden getreten sind, wird ihnen der Besuch der Loge hier gestattet. Während unsre Glaubensgenoffen das ruhig so hinnehmen, erheben zuweilen Christen ihre Stimme gegen diese ungerechte Ausschließung. So schreibt jüngst „Dagees Nyheler" darüber: „daß vre Juden in Schweden und Norwegen nur als „Gäste" unv nicht als „Brüder" ausgenommen werben, läßt sich dadurch erklären, daß sie erst in letzter Zeit ihre politischen Rechte erhalten haben; in Norwegen wurde ihnen erst um das Jahr l850 vie Erlaubniß, sich dorr niecerzulaffen. Als König Gustav IH. unsere Logen leitete, bemerkte die Geistlichkeit, daß wenn nicht bas System in allen Graden einen so streng christlichen Stempel trüge, so könnten die Diener der Kirche nicht in den Orbentreten; dieser Umstand liegt allerdings ungünstig für unsere jüdischen Mitbürger. Aber daß Juden nicht einmal aus eigenen Mitteln eine Loge bauen dürfen, um zu „arbeiten", das ist eine Strenge, die eines Landes unwürdig ist, dessen König unv Kronprinz Salomos Stellvertreter sein wollen. Daß unsere Israeliten sich so geduldig darein finden, ist mehr als unbegreiflich, umsomehr, als es in unserer Zeit nicht gar schwer ist, dergleichen unzeitgemäße Beschränkungen kritisch zu beleuchten und vor ven Richterstuhl der Oeffentlichkeit zu bringen." Dagegen haben wir auch einige Fälle aus neuerer Zeit zu verzeichnen, die da zeigen, daß Männer von hervorragenden Leistungen bei Vacanzen höherer Aemter nickt übergangen werden, weil sie dem Judenthume angehören. So ist Herr 0r. Heyman, ein bisher in Gothenburg prakticirender Arzt zum Professor des 20*