Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1878)
- Date
- 1878-06-25
- Page
- Seite 410 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227177-3227204--36352-3306387- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
410 Jstoczy's vorgenommen werden soll? (Rufe: Nach der Proposition des Präsidenten!) Meine Proposition wird angenommen. Victor Jstoczy: Geehrtes Haus! . . . Präsident: Der Beschluß wurde bereits enunciirt. Victor Jstoczy: Ich bitte in einer persönlichen Angelegenheit um das Wort. Ich habe auf die Bemerkungen des Abgeordneten Nemeth eine Erwiderung zu machen. Es scheint, der Herr Abgeordnete nimmt die Sache scherzhaft. Diesbezüglich erlaube ich mir, ihn und die übrigen lachenden Abgeordneten zu erinnern, daß man gewöhnlich über Zweierlei zu lachen pstegt, entweder über große Nichtigkeiten oder über große Dinge, deren Dimensionen zu bedeutend sind, als daß unser langsamer Verstand sie auf den ersten Blick zu erfassen vermöchte. Ich stelle diese Frage in die letztere Kategorie, und damit die geehrten lachenden Abgeordneten sich überzeugen, daß auch die Bevölkerung die Angelegenheit in diese Kategorie stellt, mögen sie ihre Wähler in jenen Gemeinden fragen, wo die Juden das Volk zu Grunde richten. (Heiterkeit.) Präsident: Auf diese Aeußerung des Herrn Abgeordneten muß ich bemerken, daß dieselbe sich nicht ganz auf eine persönliche Frage bezieht. (Lebhafte Heiterkeit.» Damit war der komische Zwischenfall erledigt. Ueber das Befinden des Herrn Jstoczy werden vorläufig kerne Bulletins ausgegeben. (Daß der Antrag des Abg. Nemeth, eines Mitgliedes der äußersten Linken, die einzig richtige Antwort des Hauses auf den in jeder Beziehung unsinnigen Antrag Jstoczy's gewesen wäre, sieht man leicht ein. Denn nunmehr kann es leicht kommen, daß auf diesen Unsinn noch eine ganze Sitzung des Hauses, die doch dem Lande recht kostspielig ist, verwendet werde, da bekanntlich ein Antrag auf Schluß der Debatte im ungarischen Abgeordnetenhause nach der Geschäftsordnung nicht gestellt werden kann. Redaction.) Krakau, 10. Juni. Manschreibt von hier: In liberalnationalen Kreisen nimmt man es dem polnischen RelchSraths- Club sehr übel, daß kein einziges Mitglied desselben die seitens des Abgeordneten Kuranda in Angelegenheit der rumänischen Israeliten gestellte Interpellation mitunterzeichnet hat. Die Vertreter eines Theiles der polnischen Nation, die fortwährend über Verfolgungen in Rußland klagt, hätten wohl Anlaß genug, selbst unaufgefordert jene Interpellation für die in Rumänien unterdrückten Juden mit zu unterschreiben, und dies um so eher, als dem reichsräthlichen Polen-Club bekanntlich auch Juden als Mitglieder angehören. (Wir wollen diese Notiz nicht mit Stillschweigen übergehen, da sie die Gesinnung der Polen hinsichtlich der Juden selbst außerhalb ihres Landes charakterisirt. Daß es jüdische Abgeordnete giebt, welche ihre Fraction über die Pflichten der Humanität und der Glaubensgenoffenschaft stellen, ist eine bedauerliche, jedoch schon öfter vorgekommene Erscheinung. Glücklicherweise giebt es auch viele nichtjüdischc Männer, welchen Gerechtigkeit und Menschenliebe ohne Rücksicht auf Confession am Herzen liegen und die Richtschnur ihres Verfahrens bilden. Die Redaction.) Frankreich. Paris, 13. Juni. (Privatmitth.) Wie in vor. Nummer berichtet worden, sind die jüdisch-türkischen Flüchtlinge in Konfiantinopel, Adrianopel und an anderen Orten noch immer in der traurigsten Lage, da sie nach ihren Heimathsorten nicht zurückkehren können und aller Existenzmittel beraubt sind. Die dortigen Comites und die Alliance isr. univ. haben alles Mögliche gethan, aber ihre Mittel sind erschöpft und die 300,000 Frcs., welche die Alliance für Viesen Zweck gesammelt hat, gehen zu Ende. Die Alliance erließ daher unter dem 31. Mai eine Aufforderung zu einer zweiten Subscription, deren Hauptsätze lauten: „Die so beklagenswerthe Lage unserer Glaubensbrüver dauert noch fort und erfüllt uns mit Besorgniß. Alle Versuche sie nach ihrer Heimalh zurückzubringen, sind gescheitert, die eingeborene Bevölkerung hat sich ihrer Häuser und ihrer Besitzthümer bemächtigt, der stärkste Haß stellt sich ihren legitimsten Forderungen entgegen, und da keine Macht befehlend dazwischentritt, keine Behörde unsre Israeliten beschützt, bleiben alle Gefahren bestehen und werden immer schwerer. Freunde, unsre Hülfsquellen sind bald erschöpft und wir haben in diesem Augenblicke vier Tausend unserer theuren Flüchtlinge in Konstantinopel, vier Tausend in Adrian opel und mehr als zwei Tausend in anderen Städten zerstreut, welche die dringendst nöthige Hülfe fordern. Sie am Rande des offenen Abgrundes zu verlaffen, dieser schreckliche Gedanke empört einen Jeden von unS bis aus den Grund unseres israelitischen Herzens. Nun, theure Freunde, noch eine brüderliche That, noch ein Tribut freundlichen Mitleids. Laßt uns diesen leidenden Unglücklichen Brod geben, treffen wir Vorbereitungen, um sie an ihren Heerd zurückzuführen, sobald der Friede im Orient wieder hergestellt sein wird. Belgien. Brüssel, 13. Juni. (Privatmitth.) Bei der eben stattgefunbenen Neuwahl der Hälfte der Mitglieder unsrer Kammern, wie die belgische Berfaffung sie vorschreibt, haben die Liberalen einen glänzenden Sieg erfochten, indem sie, welche seit vielen Jahren in beiden Kammern in der Minderheit waren, nunmehr eine Mehrheit von 10 Stimmen in der Deputirtenkammer und von 6 Stimmen im Senate haben. Die jüngst noch allmächtige klerikale Partei in Belgien hat also in gleichem Maße wie in Frankreich eine schwere Niederlage erlitten, und damit ist der ultramontanen Partei die Aussicht auf einen Sieg, auf Wiederherstellung ihrer Herrschaft, auf Geltendmachung des SyllabuS, auf den Umsturz der modernen Staalsgrundfätze völlig genommen.