Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1878)
- Date
- 1878-06-25
- Page
- Seite 409 (sequence 9)
- Language
- German
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409 richtung verwendet werden, und daß daher die Forderung, eie übrig bleibenden Gelder bloS für die Schulen der sg. orthodoxen Gemeinden zu verwenden, völlig ungerechtfertigt ist. Nicht die Parleischattirung, sondern die Bedürftigkeit der Gemeinde und Oualification der Schule müssen das Kriterium für die Gewährung der Unterstützung bilden, weil in jedem anderen Falle die gewährten Gelder nur mißbräuchlich verwendet würden. Hat doch schon bis jetzt das Unterrichtsministerium, obschon die Zahl der in den Congreßgemeinden errichteten Schulen die der orthodoxen Gemeinden zehnfach übertrifft, den letzteren fünf Mal größere Subventionen gewährt als den elfteren. Der zweite Theil des Memorandum stellt das Petendum an das Abgeordnetenhaus: „Daß es den Minister für CultuS und Unterricht anzuweisen geruhe, im Sinne der in dem Beschlüsse des hohen Abgeordnetenhauses v. 30. März 1871 enthaltenen Weisung, in Betreff der Regelung der jüdischen Glaubensangelegenheiten einen Gesetzentwurf ehemöglichst zu unterbreiten." Wir wollen hier der lichtvollen und gründlichen Auseinandersetzung über den Gang der jüdischen Gemeindeangelegenheilen in Ungarn nicht in's Einzelne folgen. Es werben die Widersprüche, in welche die Beschlüffe des Abgeordnetenhauses und die Verfügungen des CultusministeriumS untereinander und mit sich selbst gerathen sind, nachgewiesen, und welche Verwirrung daraus entstanden ist. Man hat den Juden die Ausnahmestellung völliger Glaubensfreiheit in dem Augenblicke decretirt, wo man den christlichen Kirchen regelnde Gesetze gab; man hat jene decretirt, ohne eine Bestimmung über die Bermögensverhältnisse zu treffen, deren Regelung die Verwaltung an den Rechtsweg, der Caffationshof an die Verwaltung verwies. Da jedem Juden ohne alle Formalität der Austritt freisteht, sind die Gemeinden völlig lahm gelegt, indem ihr Etat sich jeden Augenblick verändert. Darunter leidet besonders das Unlerrichtswesen, noch dazu da die Simultanschule von den christlichen Confessionen zurückgewiesen wird und das Matrikenwesen, das in völlige Unordnung gerathen ist. Das Memorandum wünscht, daß, wenn die Congreßbeschlüffe nicht nachträglich genehmigt würden, ein neuer Congreß berufen werde, jedenfalls aber eine gesetzliche Regelung eintrete. Pest, 13. Juni. (Privatmitth.) Der judenfeindliche Abgeordnete Jstoczy hat den von uns in Nr. 24 gemeldeten Antrag auf die Wiederherstellung des jüdischen Staates in Palästina wirklich im Abgeordnetenhause gestellt. Daß er damit nur Heiterkeit erweckte und Hohnlachen erntete, ist selbstverständlich. Pest, 13. Juni. Ein genauerer Bericht über die betr. Sitzung des ungarischen Unterhauses lautet folgendermaßen: Das ungarische Parlament besitzt einen Kauz, Namens Jstoczy — unser Jstoczy, wie ihn die Blatter scherzend nennen — welcher sich die Juden als Steckenpferd ausgesucht hat. Sein Wochenblatt, „Unsere Zukunft" (Jövönk), giebt sich ausschließlich damit ab, und gestern hat er in öffentlicher Sitzung des ungar. Parlaments ganz ernsthaft folgenden Antrag verlesen lassen: Das Haus möge erklären, daß in dem Falle, als in irgend einer Phase der Lösung der orientalischen Frage und der definitiven Feststellung der Zukunft des Orients seitens der leitenden Kreise der Judenheit oder seitens der Regierung irgend einer europäischen Macht die Idee angeregt würde, daß nicht nur die Freiheitsansprüche der christlichen Völker des Orients eine den europäischen Interessen entsprechende Befriedigung finden sollen, sondern daß man auch dem aus feiner vor 1800 Jahren zerstörten Heimath vertriebenen jüdischen Volke endlich einmal Gerechtigkeit angedeihen lasse, und zwar dadurch, daß das heißgeliebte ursprüngliche Vaterland desselben, Palästina, gehörig vergrößert, entweder als unter der Souveränetät oder Suzeränetät der Hohen Psorre stehende autonome Provinz oder aber als selbstständiger jüdischer Staat wieder hergestellt werde und so das in seiner gegenwärtigen Zerstreuung den Fortschritt der europäischen Nationen verhindernde und die christliche Civilisarion gefährdende jüdische Volk sich selbst zurückgegeben, unter den Wohllhaten einer eigenen nationalen Regierung und nationaler Institutionen inmitten von verwandten semitischen Stämmen, in dem an Kraft gesunkenen und zurückgebliebenen Orient als lebenskräftiges, mächtiges, neues Element zum wirkungsvollen Factor der Civilisation werden könne — in diesem Falle der Wunsch des Hauses der ist, daß die ungarische Regierung dahin wirke, daß die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten der Monarchie einem darauf abzielenden, eventuellen Antrag nicht nur nicht entgegentrete, sondern denselben vielmehr im europäischen Interesse als im Interesse der Monarchie und besonders Ungarns auch ihrerseits unterstütze. Das geehrte Haus begrüßte den wohlwollenden Antrag Jstoczy's mit schallendem Gelächter; nur der Präsident verblieb in würdevollem Ernste und proponirte, der Antrag wäre mit einem andern gleichzeitig eingebrachten (von Julius Schwarz über die Errichtung eines ungarischen Slaatsrarhes) nach Erledigung der Ausgleichs- und Budgetvorlage behufs Motivirung auf die Tagesordnung zu setzen. Es ergab sich darauf folgende Debatte. Zuerst ergreift das Wort Albert Nemeth: Bezüglich des ersten der beiden Anträge nehme ich die Proposition des Herrn Präsidenten an; bezüglich des zweiten ergiebt sich jedoch eine Schwierigkeit, da ich eine Ueberstörzung in einer Angelegenheit nicht für nothwendig halte, die vielleicht in Folge der Thätigkeit des europäischen Congreffes ganz überflüssig wird. (Heiterkeit.) Ich erlaube mir daher die Ansicht auszusprechen, daß die Vornahme der Motivirung des Antrages Jstoczy's von dem Abschlüsse des europäischen Congreffes abhängig gemacht werde. (Laute Heiterkeit.) Victor Jstoczy: Geehrtes Haus! . . . Präsident: Darüber, wann ein Antrag behufs Motivirung aus die Tagesordnung zu stellen sei, entscheidet das Haus ohne Debatte; ich stelle daher einfach die Frage, wann der Antrag 26