Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1878)
- Date
- 1878-06-25
- Page
- Seite 405 (sequence 5)
- Language
- German
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405 Diese Gefahr zu beschworen, lag in der Macht der Wähler, welche zum ersten unmittelbaren Reichsrath ihre Vertreter zu entsenden hatten. Die Juden mußten alles thun, um die Wünsche der Polen zu vereiteln. Der Verein Schomer Israel trat mit vollem Nachdruck in die Wahlbewegung ein, und der ewige Lenker der Geschicke und untrügliche Hüter Israels wollte es, daß die Polen mit den Juden keinen Pari eingingen. Die Juden, resp. deren Centralcomitv, verbanden sich deshalb mit den Ruthenen, einem gleichfalls verfassungstreuen Bolksstamme, dem es aber leider an einem intelligeqten Mittelstände ganz fehlt. Sowohl Pope als Bauer konnten es nur in wenigen Fällen über sich gewinnen, in jüdischen Bezirken ihre Stimmen einem Juden zu geben. Die Hauptsache war bei allem dem, eine Spaltung in die Phalanx der galizischen Abgeordneten zu bringen, und das war gelungen. Trotz des Hochdruckes der polnischen Provinzialregierung, trotz der Unachtsamkeit der Wiener Centralregierung bestanden die Vertreter Galiziens nicht aus einer, sondern aus drei Nationalitäten. Die Solidarität und Homogenität Galiziens, welche man der Wiener Regierung vorgelogen, hatte sich als lügnerisch erwiesen, und damit war eS mit der Selbstständigkeit Galiziens zu Ende, hoffentlich auf immer. Man kann sich den Zorn und die Wuth der Polen denken über ein Resultat, das sie zumeist den Juden zu danken hatten. Die polnische Journalistik nahm ihren wirthschaftlichen Kampf gegen die jüdischen Elemente mit verdoppeltem Eifer auf, und Beamtenthum und officielle Presse, beide jetzt in stockpolnifchen Händen, stimmten eifrig zu. Der Verein wandte sich in einem Memorandum an das Ministerium, um die Gefahr nachzuweisen. in welche die revolutionäre und mit Blut geschriebene Presse die Juden Galiziens stürze. Die officiöse Gazeta Narodowa mußte, von dem Ministerium auf das strengste gewarnt, ihren Zorn bändigen. Um so weniger schwiegen die polnischen Richter und Schwurgerichte. Man stachelte die Bauern auf, von den Juden Gelb zu fordern, ja zu erpressen. Als die Gesetzgebung den Zinsfuß freigab und die Juden davon Gebrauch machten, wurde dies ihnen als Betrug angerechnet und in zahllosen Processen bestraft, bei denen die Richter — glücklicherweise giebt es freilich auch hier Ausnahmen — oft genug die agents provocateur« machten. Die Strafanstalten haben sich in Folge dessen in noch nie dagewesenem Umfange mit jüdischen Verurtheilten gefüllt. Dieses communistische Treiben hat einem edlen Manne, selbst Richter und Staatsanwalt, einen Ruf der Entrüstung gegen so schonungsloses Gebühren abgepreßt. Herr Ritter v. Simonowicz äußerte seinen Unwillen darüber in den „Criminalistischen Blättern" in unzweideutiger Weise, wofür ihm die Achtung Aller billig Denkenden gebührt. Die Polen aber wollten noch weiter ihr Mülhchen an den Juden kühlen und forderten von der Gesetzgebung stürmisch ein Wucher- und Trunkgesetz, um, wie sie meinten, zwei der bedeutendsten Einnahmequellen der Juden zu verstopfen. Während den hiesigen Banken ein unbedingter Wucherzins anstandslos statutarisch gesichert und von ihnen die Bauern massenweise depossedirt werden — soll der jüdische Gläubiger der Großmmh und Auslegungskunst des Richters unterworfen sein, wiederum das beste Mittel, um den jüdischen Geschäftsmann zu benachtheiligen und in's Gefängniß zu bringen. (Schluß folgt.) 2oetttLiLcj 6u,ccc(atic6beu/. Deutschland. Berlin, 14. Juni. (Privatmitth.) Als der Rationalismus nach dem ersten Viertel unsres Jahrhunderts aus der Kirche verdrängt und verbannt werden sollte, machte man ihm zum Vorwurfe, daß er nur moralisire und dadurch die Religion verflache. Die Partei, die seitdem in der Kirche herrschend geworden, „moralisirt" nicht, sondern bewegt sich lediglich innerhalb der Dogmen und des ewigen Streites, der aus ihnen entspringt. Die evangelische dringt mit aller Kraft auf das Heil, das allein aus dem dogmatischen Glauben entspränge, und die katholische auf die strengste Uebung ihrer Ceremonien und Formen. Jetzt gewahrt man eine außerordentliche sittliche Verwilderung in der Bolksmaffe. Die Strafgerichte wissen längst in schauerlicher Weise davon zu erzählen, und die Erscheinungen, die mit der socialistischen Agitation verbunden sind, klären das allgemeine Bewußtsein darüber auf. Die conservativen Preßorgane schieben diese sittliche Entartung dem Liberalismus und den liberalen Parteien zu. Allein allmälig werden auch andere Stimmen laut und so klagte z. B. jüngst die (officiöse) „Straßburger Zeitung" nachdrücklich die Kirche an, durch ihr Dogmen- und Formenwesen die sittliche Hebung des Volksgeistes vernachlässigt und der gegen Staat und Gesetz gerichteten Strömung freien Lauf gelassen zu haben. Das „Moralisiren" des Rationalismus war also doch nicht ohne Werth, namentlich wenn er es verstand, belebend und begeisternd zu sprechen. Diese Vorgänge müssen auch wir Juden uns zu einer gewissen Warnung dienen lassen. Das Judenthum hatte durch die freie Stellung, die ihm gegeben war, einen völlig freien Weg und wurde daher einer einseitigen Parteiherrschaft nicht unterworfen. Die Entwickelung ging denn auch in erfreulicher Weise vor sich, und indem Kanzel und Literatur ganz besonders auf die Hebung und Stärkung des jüdisch-religiösen Bewußtseins vom Standpunkte der Lehre wie der Geschichte ausgingen, waren eS stets die sittlichen und socialen Lehren des Judenthums, die als sein edelster Gedankeninhalt hervorgehoben