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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-06-25 · Heft 26 (25.6.1878) · p. Seite 404

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 26 (25.6.1878)
Date
1878-06-25
Page
Seite 404 (sequence 4)
Language
German
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404 daß die ihnen durch die Verfassung ertheilten Rechte und Freiheiten ohne alle Einwirkung blieben, bis der Verein den Gebrauch jener höheren Güter der menschlichen Gesellschaft auch die ehemaligen Ghertobewohner lehrte. Zehn Jahre sind es her, daß ein damals noch ganz unbekannter junger Mann den Ruf nach „Wahrung der jüdischen Interessen" erhob; einige Lemberger Gemeindemitglieder thaten sich mit ihm zusammen, der Verein Schomer Israel wurde gegründet, ein Wochenblatt wurde herausgegeben, binnen drei Monaten war die Zahl der Mitglieder auf 100 gewachsen und stieg dann allmählich auf 650. Ein Mann von gediegener Bildung und warmen Herzen, der hiesige junge Advocat Dr. Mansch trat an die Spitze des Vereins und gab ihm die weitere Richtung. Es galt zuvörderst, der Hauptgemeinde des Landes, Lemberg, einiges Leben und kommunales Selbstbewußlsein einzuflößen. Zu diesem Zwecke unterzog man das bisherige Verfahren des Vorstandes einer scharfen Kritik, die freilich sehr nöthig war. Die Gemeinde hatte z. B. in früheren Zeiten außerordentlich hohe Legate von reichen Erblassern überkommen, allein, wohin jene gewandert waren, wußte Niemand. Die Gemeindekanzlei war eine Raubburg der Diener und Beamten, welche das Volk nach Belieben plünderten. Diesem Systeme machte der Verein ein Ende. Seit einer Reihe von Jahren legt der Vorstand regelmäßig in einer öffentlichen Schrift genaue Rechnung von seiner Finanzverwaltung ab; und bereits sind mehrere große Gemeinden, Tarnow, Jaroslaw u. a. m. diesem Systeme gefolgt. Nun galt es, die Gemeinden aus der Apathie rer jcsephinischen Judenordnung in das Selfgovernment hinüberzuleiten. Wiederum war es der Verein, welcher die Gemeinden zur Entwerfung neuer Statuten im Sinne der Selbstverwaltung aufforderte. Herr Dr. Mansch wurde selbst zum Vorsteher der Cultusgemeinde Lemberg gewählt; hierbei ser erwähnt, daß sich über 7 00 Wähler an diesem Wahlkampfe beiheiligten, während früher kaum 50 Gemeindegliever an demselben theilzunehmen pflegten. Dr. Mansch entwarf auf Grundlage der Statuten mehrerer großer jüdischer Gemeinden Deutschlands ein Statut, daß, obwohl drei Jahre lang von den Chassidim bekämpft, doch schließlich von dem Ministerium bestätigt wurde. Nach diesem Muster haben auch andere galizische Gemeinden sich constituirt, und wie wir vernehmen. will das hohe Ministerium daffelbe im Verordnungsweze für die noch übrigen jüdischen Gemeinden einführen. Im Innern der Lemberger Gemeinde bethätigte der Verein seine Wirksamkeit bei dem Kampfe um die Wiederbesetzung des Rabbinats nach dem Ableben des ehrwürdigen Rabbiners Nathanson. Es war von hoher Wichtigkeit, baß dieses bedeutende Rabbinat einem würdigen und hervorragenden Mann übertragen werde — nicht aber, wie es leider geschah, einem in den ärgsten Chassidismus versunkenen, glühend fanatischen Manne, Ohrenstein. Der Zank um diesen Rabbinerposten brachte den Verein um eine ansehnliche Zahl seiner Mitglieder, die sich von den Verwandten des Ohrenstein zum Austritte verleiten ließen. Ferner schadete dem Vereine sein strenges Berdict über den herzlosen, betrügerischen Wucher, das in der Bekanntmachung gipfelte: der Verein Schomer Israel erkläre alle jene Glaubensgenoffen, welche die Nothlage ihrer Mitmenschen benutzten, um betrügerischer Weise fremdes Vermögen zu erschleichen, für ehrlos und aller Ehrenämter unwürdig. Dieser derbe Schlag, den Genoffen des berüchtigten Gezel Wilkenfeld versetzt, wurde von Tausenden von Geschäftsleuten mißbilligt, die doch nicht zu jener Sorte gehörten. Und doch war es höchst angemeffen, eine starke Scheidewand zu ziehen zwischen einer kleinen Schaar von Bösewichtern und einer großen ehrenhaften Gemeinsamkeit. Das Vorgehen des Vereins sollte bald nur allzu gerechtfertigt erscheinen. Die liebenswürdige polnische Journalistik nämlich, unter dem Bortritte Jan Dobrzanski's, eröffnete den Kampf gegen die Juden aus social-politischem Gebiete. Die Worte des Haffes zündeten nur allzukrästig und riefen einen erbitterten Kampf gegen die jüdische Geschäftswelt hervor. Die Richter, hier alle Polen, holten das altpolnische Judenstrafgefetz hervor, um die Juden hinter Schloß und Riegel zu bringen und ihnen so Vermögen, persönliche Freiheit und politisches Bürgerrecht mit einem Schlage zu entwinden. Dieser Kampf gewann ungemein an Heftigkeit, als die Juden es unter Führung des Vereins Schomer Israel wagten, bei Gelegenheit der Constituirunz eines Centralcomitös für die Reichsrathswahlen ihre Rechte als Staatsbürger zu betonen. Der freundliche Leser wirb ja mit den Zuständen unseres lieben Oesterreichs vertraut fein. Hier hat die Zersetzung mit der Zweitheilung des Reichs begonnen, und diese Tendenzen der Auflösung verbreiteten sich dazumal über immer weitere Kreise. Böhmen wollte ein eigenes Czechien, Galizien ein Neu-Polen werden. Der Verlust der Freiheit und Gleichberechtigung der Juden in Böhmen, welcher bei einem autonomen Czechien unausbleiblich gewesen wäre, wurde durch die verfaffungstreuen deutschen Elemente verhindert. In Galizien aber standen die Dinge noch verzweifelter. Nachdem Graf Beust zu Gunsten der Polen Galizien aller Attribute einer deutsch-österreichischen Provinz entkleidet, nachdem er ihnen Schule und Amt ausgeliefert hatte, als diese unbarmherzig polonisirt und sogar die besten Männer der deutschen Wiffenschast von der Lemberger Franz-Universität vertrieben worden waren, verlangten die Polen schlechthin die Alleinherrschaft in Galizien. Wie gefährlich es gewesen wäre, wenn die Polen die Selbstbesteuerung, Truppenaushebung, ausschließliche und letztinstanzliche Gerichtsbarkeit erhalten hätten, bedarf keiner weiteren Auseinandersetzung. Schon die k. k. polnischen Justizbeamten beweisen dies auf's schönste, da die höchste Justizbehörde in Wien zwei Drittel von deren Urtheilen cassiren muß, um die himmelschreiendsten Ungerechtigkeiten abzuwenden. Ebenso wäre;. B. das jüdische Capital unausgesetzt ein Angriffsobject für lüsterne Themisdiener, Steuereinnehmer u. s. w.

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