Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1878)
- Date
- 1878-06-25
- Page
- Seite 403 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227177-3227204--36345-3306380- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
403 Bedürftigkeit für Einzelne eintritt, so sorgte der Mosaismus für die möglichste Abhülfe, theils durch die echte Bruderliebe, von welcher er alle Glieder der Gesellschaft „Einheimische und Fremde", in gleichem Maße umfaßt sehen wollte, theils durch gesetzliche Bestimmungen der Theile des Ertrages, welche dem Bedürftigen gehören sollten, theils durch die Armenzehenten, das Recht, in Felv und Weinberg seinen Hunger zu stillen, ohne etwas mit davon zu tragen, die Einschränkung des Pfandrechtes u. s. w." Dies sind, kurz zusammengedrängt, die Principien des Mosaismus hinsichtlich der socialen Frage. In wie weit diese Gesetze im alten Israel mehr oder weniger ausgeführt, in der später» Zeit in einigen Punkten modificirt wurden, ist hier nicht der Ort zu untersuchen. Mit dem Verluste des eigenen Landes mußten die Juden diese Gesetze aufgeben und sich den Gesetzen der Staaten, in welchen sie eine Heimath fanden, unterwerfen. Dennoch hielten sie an den principiellen Anschauungen des Mosaismus und der traditionellen Entwickelung deffelöen fest, und im Schooße ihrer Gemeinden, sei es zur Zeit, wo diesen noch eine gewisie politische Machtsphäre gelasien wurde, sei eS als sie nur als Cultusgemeinven bestehen blieben, wurden die Gleichheit in Recht und Psiicht, die persönliche Freiheit, das Eigenthum und die Familie stets strengstens bewahrt und das Recht der Hülfsbedürftigen zu einem anerkennenswerthen System der Wohlthätigkeitsanstalten ausgebilket. Das Judenrhum steht daher dem Socialismus in allen Punkten gegenüber, stellt aber eine principielle Anschauung auf, nach welcher den Auswüchsen, welche vom unbedingten Besitzrechte untrennbar sind, eine Abhülfe und Heilung entgegengestelll wird. Daß die vom Mosaismus gegebenen Mittel, welche für ein ackerbauendes und mit der Außenwelt nur in geringe Beziehung tretendes Volk bestimmt waren, für die Zustände der gegenwärtigen Gesellschaft nicht ansreichen würden, liegt in der Natur der Sache. Immerhin aber sind sie als Verkörperung der Principien und als Fingerzeige von großer Bedeutung. Wird doch z. B. die schrankenlose Ausdehnung des Schuldenwesens gegenwärtig als eine wesentliche Krankheitsursache unseres volkswirthschaftlichen Zustandes oft genug betont. Aus dieser Ungleichheit des Besitzes entstanden und entstehen alle socialen Schwierigkeiten und Bewegungen, und sie ist noch heute der Boden, auf welchem der Socialismus erwuchs und seine Anhänger sammelt. Aber diese Ungleichheit ist vom Besitze, also von der ganzen Natur des gesellschaftlichen Menschen ebenso wenig lösbar, wie die Sünde von der sittlichen Natur des Menschen, welche in der Freiheit des Willens ihre Wurzel hat. Beide sind natürliche Unvollkommenheilen, mit denen zu ringen ist, und welche möglichst zu mindern sind, ohne daß sie jemals gänzlich aus der Welt geschafft werden können. Wenn nun aber, wie wir gezeigt haben, der Socialismus als krankhaftes Gebilde unserer Zeit überall eine Statte zu finden vermag, in Deutschland jedoch eine Schrecken erregende reale Gestalt durch den deutschen Classen- und Kastengeist gewonnen hat; so ist er zwar durch gesetzliche Bestimmungen und deren nachdrückliche Handhabung zu bekämpfen — aber diese werden nicht ausreichen, wenn nickt jener Geist, der ihn in solcher Gestalt ausgebrütet und großgezogen hat, beschworen und zurückgedrängt wird. Ist dies zur Zeit das allgemeine Gefühl, so wäre zu wünschen, daß es lebendig und wirksam bleibe, daß es nicht, wie jener edle Enthusiasmus nach dem französischen Kriege, schnell wieder verwehe, daß es sich ebenso gegen die nicht minder gefährliche „christlich-sociale" Partei und gegen die „Katheder-Sccialisten" wende. Die Aussichten hierzu sind nicht sehr klar. Denn kaum ist der Antrag auf Auflösung des Reichstages bekannt geworden, als schon die conservativen und osficiösen Preßorgane gegen die liberalen Parteien losziehen und die Austösung, sowie die ganze Volksstimmung zu einem Parteimanörer herabwürdigen, um ihren Fraktionen einige Stimmen mehr zu gewinnen. Dadurch werden die liberalen Parteien zur Gegenwehr gereizt, man erscheint aus dem Wahlplatze zerfahrener und gespaltener als je. und giebr dadurch dem gemeinsamen Feinde die Mittel zu einem Siege. — Wu haben nun die ganze Erscheinung noch von der moralischen Seite zu betrachten. Lemberg, 9. Juni. Streiflichter auf die Verhältnisse der galtzifcheu Inden.') Von R. Vierer, k. k. Gerichtsarzt in Lemberg. Selten hat sich in einer kurzen Reihe von Jahren ein so gründlicher und vollständiger Umschwung in den Verhältniffen einer größeren Gemeinsamkeit vollzogen, wie in den letzten Jahren unter den Israeliten Galiziens. Indem diese Bewegung jetzt gewiffermaßen zu einem Zielpunkte gelangt ist, welcher den Ausgang für eine neue Entwickelung bilden wird, liegt jene abgeschlossen vor uns da und kann somit einer gründlichen und unparteiischen Prüfung unterzogen werden. Aus der anderen Seite ist die Einwirkung jener Bewegung aus die Gegenwart der galizischen Judenheit eine so bedeutende, daß man ohne ihre Kenntniß diese nicht verstehen kann. Der Träger dieser Entwickelung ist der Verein Schomer Israel, sozusagen das Orakel res jüd. Galizien, freilich ohne den mystischen Beigeschmack, und das denkende Gehirn einer Maffe von 500,000 Menschen, von denen die ungeheure Mehrzahl aller Cultur und Zeitströmung so fern stand, 1t Da gerade in diesem Augenblicke sich unter unseren Glaubene genossen in Galizien Dinge zutragen, die voraussichtlich von größerer Tragweite für sie sind, so wird man dem solg. Art. mir Interesse solgen. Die Eorrespondeuz giebr mannichsachc Ausschlüsse über die gegenwärtige Lage der Juden in Galizien. Trotz allen noch Vorbau denen Uebclständen wird man sich der grosieu Fortschritte, die gemacht worden, bewußt werden, wenn man die Berichte des sei. I>r. Barasch liest, die er in den „Wanderungen durch «rakan, Galizien u. s. w.", welche in den Jahrgängen dieser Zeitung IM:’., l>44 und 1>4D ver I öffeiitlicht wurden, niederlegrc. Red ae l io n. 20*