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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-06-18 · Heft 25 (18.6.1878) · p. Seite 396

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 25 (18.6.1878)
Date
1878-06-18
Page
Seite 396 (sequence 12)
Language
German
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396 Während es sonst schwer fiel, einigen Absatz sür die Producte der Werkftätte zu finden, sind wir jetzt kaum im Stande, den Bestellungen Genüge zu leisten; gewiß ein Beweis für vie Brauchbarkeit der von den jungen blinden Handwerkern erzeugten Waaren. Die Arbeiten der Werkstatte bewertheten sich im Jahre 1877 auf 2644 fl. 41 kr., für verkaufte Waaren wurde der Betrag von fl. 2311.54 eingenommen, so daß die noch vorrälhigen Waaren den Betrag von fl. 332.87 darstellen. Bon dem durch den Verkauf der Arbeiten erzielten Reingewinne erhalten die Zöglinge einen entsprechenden Antheil, dieser wird für sie in der Sparcasie hinterlegt, und betragt bei dem geschicktesten Zöglinge bereits die Höhe von fl. 284.52. Die Zöglinge werden auch angeleitet, bei allen geschäftlichen Gebahrungen genau Buch zu führen und die betreffenden Wochen- und Monatsabschlüfse selbst zu machen. Höher noch als der materielle Erfolg sind die erziehlichen Ergebniffe zu schätzen, welche aus der Ausbildung in einem Handwerke fließen. Es ist für jeden Menschenfreund erhebend, zu sehen, mit welch' sittlichem Ernst, mit welch' strengem Pflichtgefühl sich die jungen blinden Handwerker der Arbeit widmen, wie stolz und beglückt sie sind, ist es ihnen gelungen, Brauchbares hervorzubringen; wie sie es als Ehrensache auffasien, eine jede Bestellung, welche sie als Zeichen des Vertrauens und der Zufriedenheit ansehen, zur bestimmten Stunde fehlerlos zu vollenden. Der technische Unterricht ist zu einer Grundlage für ihre Charakterbildug geworden; sie lernen arbeiten, erwerben, sparen und werden, so hoffen wir, die Hand, die zur Arbeit befähigt worden ist, nicht dadurch schänden, daß sie dieselbe nach einem Almosen ausstrecken! Die weiblichen Handarbeiten, von unserer Kindergärtnerin, Fräulein Pick, vorzüglich geleitet, haben ebenfalls sehr gute Erfolge aufzuweisen. Die blinden Mädchen haben im Stricken, Häkeln, Netzen und Ausnähen, die besten Fortschritte gemacht und das Maschinennähen ist so ausgebilvet, daß wir es als eine auch für Blinde geeignete nutzbringende Beschäftigung bezeichnen können. 1 Zögling kostete im Jahre 1877 durchschnittlich 535 fl. 55 kr. Mit den Zöglingen wurden verpflegt 15 Personen. Die Verköstigung eines Zöglinges kostete täglich 37 kr. Mit Hinzurechnung der für ihn verpflegten Personen 59 kr. An Wäsche kostete ein Zögling täglich 4s{i kr. Mit Hinzurechnung der für ihn erhaltenen Personen 7:5/4 kr." Den interessantesten Theil des Schriftchens macht der vom Director, Herrn Simon Heller, erstattete „Bericht über die pädagogische Wirksamkeit des Israelitischen Blindeninstitutes" aus. Derselbe ist höchst unterrichtend und wir bedauern, des Raunies wegen, hier nur einige Stellen, welche besondere Theilnahme erwecken werden, wiedergeben zu können. ES betreffen diese zwei Lehrgegenstände, die als neu in den Lehrplan ausgenommen worden sind: das Modelliren und das Zeichnen. Wir übergehen die lichtvolle Auseinandersetzung, welche bildende Wirkung diese beiden Unterrichtsgegenstände auf den Blinden haben, und wollen nur über die Methode referiren. „Das Modelliren beginnt mit der Nachbildung der einfachsten geometrischen Körper, an welche sich Combinationen anschließen. Mit jedem geometrischen Körper wird die Nachbildung von Lebensformen aller Art verbunden, für welche jener die Grundform bildet. Die Lebensformen, welche auf diese Weise mit den nöthigen Uebergangen nachgebildet werden können, sind eben so zahlreich als mannigfaltig. Wie viele Fruchtformen z. B. lassen sich an die Darstellung einer Kugel und ihrer Variationen allein anschließen! Diese Methode ermöglicht es, das Modelliren sowohl für die Ausbildung des Formensinns in Anspruch zu nehmen, als es auf die verschiedenen Unterrichtsgegenstände anzuwenden, was bei der Behandlung derselben ausführlicher nachgewiesen werden soll. Sie fördert auch die Fertigkeit im Modelliren selbst in einer Weise, daß es befähigten Schülern bald möglich wird, auch zusammengesetzte Formen aus die geometrischen Grundformen zurückzuführen und mit Erfolg nachzubilden, aber auch selbst zu combiniren und zu erfinden. Es ist herzerfreuend, zu sehen, wie das Angesicht des blinden Kindes in Befriedigung aufleuchtet, wenn die Form deutlicher aus dem Thon unter seinen Fingern hervortritt, zu beobachten, wie seine lastende Hand überall, wo sich hierzu Gelegenheit bietet. Formen aufsucht, genießt, und für freie Darstellung verwerthet. Schüchtern waren die Versuche, welche wir vor kaum einundeinhalb Jahren angestellt. Die Hoffnung auf eine gedeihliche Entwickelung wollte gar oft Lehrern und Schülern entfliehen; heute ist die Modellirstunde ein Freudenfest, heute bewahren wir in unseren Lehrmittelschränken manches gelungene Product, wie: Früchte, Thiere, Werkzeuge, Gefäße, Pläne, Gebirgskarten und vieles andere auf, heute hat sowohl das Modelliren wie das Zeichnen sich in den Lehrplan unserer Schule eingelebt, wie nur etwas Lebensfähiges, Lebendes, dies vermag. Das Zeichnen geschieht auf einem Polster. Für die Darstellung von Punkten werden Nadeln mit größeren und kleineren Köpfen angewendet. Die Linien werden anfangs nur durch Punktreihen angedeutet, spätere durch Klammern aus Draht, gerade und gebogene, vargestellt. Diese Klammern haben zwei spitze Enden, welche in das Polster gesteckt werden, sie geben dem Mittelstück, welches eben als tastbare Linie erscheint, den nöthigen Halt. Auf der oberen Stufe dient für die Darstellung aller Arien von Linien eine runde, dünne Schnur, welche mit einigen Stecknadeln an den Polster befestigt wird. Anfänglich erleichtert die Anwendung sogenannter OrientirungSnadeln die immerhin! schwierige Aufgabe, der Schnur die entsprechende Richtung zu > geben, nach ausreichender Uebung fällt aber dieses Hülfsmittel

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