Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1878)
- Date
- 1878-06-18
- Page
- Seite 393 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227177-3227203--36334-3306368- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
393 richt: „Die allgemeine Lage der Flüchtlinge ist noch immer dieselbe; Commissionen behufs Repatriirung derselben sind wohl constituirt, haben aber mit ihren Bemühungen bis jetzt noch keinen Erfolg gehabt. Die Bulgaren wünschen, daß die Flüchilinge nicht zurückkommen, damit sie sich des Eigenthums derselben bemächtigen können, und die Türken fürchten sich, zurückzukehren, da sie überzeugt sind, daß sie in ihren früheren Wohnungen keine Sicherheit finden werden. Die Regierung möchte übrigens die Muselmänner lieber aus Bulgarien nach Mesopotamien bringen, wo der Boden, obgleich sehr fruchtbar, theilweife unbebaut ist und 75,000 Colonisten vom Bali verlangt werden. Was die Israeliten betrifft, so hofft man immer, daß sie an ihren heimischen Herd werden zurückkehren können, aber einstweilen sind die Nachrichten, die von verschiedenen Seiten in dieser Beziehung kommen, noch wenig ermuthigend. In Sofia z. B. hat die russische Behörde die israelit. Flüchtlinge von Wracza, Plewna und Nicopoli aufgefordert, ihre früheren Wohnorte wieder zu beziehen, aber die christliche Bevölkerung von Wracza will sie nicht aufnehmen, und in Plewna und Nicopoli existirt das Judenquartier nicht mehr. Das Bezirkscoinitö von Konstantinopel wandte sich durch Vermittelung des deutschen Botschafters an den russischen Geschäftsträger, um denselben um seine guten Dienste zu Gunsten dieser Flüchilinge, sowie derjenigen von Karnabat und Kazanlik zu ersuchen, allein bis jetzt haben diese Schritte noch keinen Erfolg gehabt." „Angesichts einer solchen Lage ist das Bezirkscomite von Konstantinopel in größter Beforgniß. Die Flüchtlinge können in ihre Heimath nicht zurück; ihre Zahl betragt in Konstantinopel 4000, in Adrianopel 2000 und in anderen Städten der Türkei 2000. Die Hülfsmittel des Centralcomitös werden bald völlig erschöpft sein, und wenn nicht neue Maßregeln ergriffen werden, um diesen armen Leuten zu Hülfe zu kommen, so wird der Moment kommen, wo man nicht ein Stück Brot haben wird, es ihnen zu geben; es würde dies eine wahre Katastrophe fein. Das CentralcomitL hält es für seine Pfiicht, die von ihm organisirte Sammlung wieder zu eröffnen; es wird bald ein neuer Aufruf für die türkischen Israeliten veröffentlicht werden." Rumänien. Bukarest, Ende Mai. (Privatmitth.) Wenn vor einiger Zeit in deutschen und französischen Journalen, sogar in der Neuen freien Preffe und in diesem Blatte sich einige Stimmen verlaurbar machten, welche die Hoffnung anregten, daß die jetzige rumänische Regierung eine Besserung der Lage der Juden beabsichtigte, so erscheint uns dies nach Allem, was zu Tage tritt, als ein Manöver, mit welchem Bratiano und Kogulniceano die europäischen Staatsmänner betrügen wollten, und daß ihnen dies selbst bei einigen unserer Glaubensgenoffen gelungen war. Schon im Allgemeinen konnten die hartnäckigen Bemühungen unserer Regierung, den auswärtigen Mächten Handelsverträge abzuringen, in welchen den Juden jener Staaten das gleiche Recht mit ihren christlichen Mitbürgern abgesprochen wäre, vom Gegentheil überzeugen. Aber die Ausschließung und Unterdrückung unserer Glaubensgenossen in Rumänien dauert vor wie nach fort und, was sehr zu beachten ist, gerade die Gerichte geben sich zu Werkzeugen dieser Tyrannei her. So hat erst jüngst wieder der Appellhof zu Jaffy den Ankauf eines Hauses durch einen Juden für ungesetzlich erklärt, obschon dieser ein österreichisch-ungarischer Unterthrn ist, und der österreichisch-rumänische Handelsvertrag dieses Recht des Hanskaufes in Städten den österreichisch-ungarischen Unterthanen auch jüdischer Religion ausdrücklich Vorbehalten hat. Der Appellhof geht über diesen Vertrag mit Stillschweigen hinweg und beruft sich auf die rumänische Verfassung. So achtet Rumänien die Verträge! Es giebt dieser Fall eine Illustration zu dem, was in Rumänien geschehen würde, wenn die Verträge ohne irgend eine Clausel, welche die Gleichberechngung aller Unterthanen der betr. Staaten ausspricht, abgeschloffen würden. Die Verkündigung in den ausländischen Blättern von den beabsichtigten Verbesserungen beantworteten die Rumänen aber auch direct dadurch, daß der Cassationshof die Einwände der Juden zu Darabani gegen die Freisprechung der Frau Cimara seitens der Anklagekammer verwarf, und so die offenbarsten Greuelthaten für straflos erklärte, weil sie an Juden verübt worden. Mit schwerem Herzen sehen wir daher all' den staatlichen Veränderungen entgegen, welche in den Donauländern und auf der Balkanhalbinsel vorsichgehen werden. Unter der Herrschaft der Türken litten Juden und Christen nur an den Mißständen der Verwaltung gleich den Mohammedanern selbst. Die jetzt herrschend werdenden christlichen Völkerschaften jedoch kennen weder Gerechtigkeit noch Erbarmen mit Allen, die nicht ihres Stammes sind. Es wird ganz gleich sein, ob Rußland oder ob ein europäischer Congreß die politischen Verhältnisse ordnen werde, wenn nicht der letztere die Gleichstellung aller Bewohner des Landes ohne Unterschied der Religion und Nationalität als conäiuo sine gua feststellt. Es werden auch dann Uebelstände genug Vorkommen; aber es wird dann doch eine Berufung ermöglicht. Jndeß wird es hierbei auf den genauen Wortlaut ankommen. Denn wenn es z. B. hieße: „alle Staatsangehörigen", so würden die Bulgaren geradeso wie die Rumänen und Serben die Juden, vielleicht auch die Türken, für „Fremde" erklären und ihnen somit das Recht wieder absprechen. Wie es aber auch kommen werde, wohl den Juden, die unter türkischem Scepter bleiben! Bonn, 9. Mai. (Notizen.) Der Bau der neuen portugiesischen Synagoge in Paris kostet dieser kleinen Gemeinde außer dem freigebigen Geschenk des Herrn Osiris Jffla 500,000 Francs, welches große Opfer zu tragen die Gemeinde sich bereit erklärt hat. — Zu Ehren der Errettung des deutschen 25