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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-06-18 · Heft 25 (18.6.1878) · p. Seite 386

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 25 (18.6.1878)
Date
1878-06-18
Page
Seite 386 (sequence 2)
Language
German
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386 muß ihrem Wesen nach gegen den ganzen bestehenden Staat, gegen die ganze bestehende Gesellschaft und alle ihre Einrichtungen, ihre Gesetze und Ordnungen zum Umsturz und zur Vernichtung vergehen! Was ihre Führer auch beschönigend und verhüllend bei Gelegenheiten, wo sie es für nöthig finden, Anderes erklären, wer sich zum wirklichen Secialismus bekennt, muß diesen Gegensatz und diesen Umsturz als sein wirkliches Ziel betrachten und soweit er eS vermag, bethatigen. Die Socialdemokratie hat also dem Staate und der Gesellschaft den Krieg erklärt und andererseits Len Staat und die Gesellschaft gegen sie in den Kriegszustand versetzt. Man mag die socialistischen Ideen als Hirngespinnste, als Wahngebilde ansehen und deshalb ihre Gefährlichkeit für die menschliche Vernunft leugnen — der Umstand , daß es eine wirkliche, wühlende und wachsend Partei ist, die auf den Umsturz hinarbeitet, und alle Mittel für gestattet erklärt, welche zum Umstürze führen können, dieser Umstand schon macht sie überaus gefährlich und ist von sehr realem Gewicht. Denn die Maffe ihrer Anhänger erfaßt nicht die Theorie und ihre fernliegeneen Ziele, sondern sie erfüllt sich mit den Gedanken des Umsturzes und Len verheißenen Gütern, die ihnen daraus nach den Vorspiegelungen ihrer Führer erstehen sollen. Diese social-demokratische Partei ist daher mit keiner früheren Erscheinung seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts zu vergleichen; sie steht weit ab von allen bisherigen politischen Parteien, und ist ebenso Gegensatz auf Tod und Leben des Liberalismus wie des Conservatismus, des Rationalismus wie des Ultramontanismus. Einen Schluß daher aus den bisherigen geschichtlichen Erfahrungen unsres Jahrhunderts aus den Socialismus und dessen Zukunft zu ziehen, ist ein trügerisches Manöver, das wir ernstlich zurückweisen müssen. Wir haben hier noch einen geschichtlichen Jrrthum zu berichtigen. Man hat den Zustand der sg. „arbeitenden Classen" und die Erhebung derselben aus ihm geschichtlich als eine dritte Phase angesehen, die sich an das Sklaventhum und an die Leibeigenschaft anschließe. Richtig ist es, daß diese beiden gesellschaftlichen Zustände die menschheitliche Vergangenheit gewissermaßen beherrschten und erst durch die geschichtliche Culturentwickelung beseitigt wurden. Richtig ist es, daß der freie Arbeiterstand, wie er sich bildete, noch von mancherlei Beschränkungen und Nachtheilen bedrückt war, welche die neuere Gesetzgebung vielfach beseitigt hat und daß es schwere sociale Schäden giebt, welche möglichst durch die weitere Entwickelung werden gemindert werden. Denn diese Kraft müssen wir der Culturentwickelung zutrauen, nachdem sie rm Stande war, diese ungleich schwierigeren Probleme, das des Sklaventhums und der Leibeigenschaft zu lösen. So weit ist diese geschichtliche Anknüpfung richtig, wie auch wir sie siüher ausgestellt haben. Aber ein großes Mißverständniß wäre es, darum den freien Arbeiterstand mit den Sklaven und Leibeigenen zufammenzustellen. Denn die Kluft zwischen den beiden letzteren und dem ersteren ist so groß, die Verschiedenheit ihrer Verhältnisse so wesentlich, daß nicht allein keine Vergleichung, sondern nicht einmal eine Zusammenstellung möglich ist. Der Sklave war Eigenthum des Herrn, der Leibeigene Eigenthum der Scholle; Alles, was der Sklave producirte, gehörte seinem Herrn, das Meiste, was der Leibeigene hervorbrachte, dem Herrn der Scholle; beide waren jeder persönlichen Freiheit beraubt. Ja, diese persönliche Freiheit des Arbeiters macht den unermeßlichen Unterschied zwischen diesem und jenen, den unübersehbaren Abstand zwischen ihnen aus. Der Arbeiter ist sein eigener Herr; er kann das Arbeitsverhältniß eingehen und aufgeben, und der von ihm erarbeitete Lohn ist sein Eigenthum; er ist freier Staatsbürger und besitzt als solcher dieselben Rechte wie alle anderen Staatsbürger. Der Einwand, daß ihm durch seine Verhältnisse diese Freiheit in vielen Punkten beschränkt werde, paßt auf die meisten anderen Stände ganz ebenso, denn der Beamte jeglicher Art, der Lehrer und fast alle Lebensberufe sind gleichen Beschränkungen unterworfen. Auch daß er für Lehn arbeitet, während das Product dem gehört, der seinen Lohn zahlt, paßt auf viele andere Stände, auf Handwerker. Beamte, Lehrer und selbst auf den Kaufmann, der die Producte Anderer herbeiholt, um sie gegen Lohn, d. i. den Gewinn am Preise, dem Käufer abzugeben. Endlich muß man doch auch gegen die Bezeichnung „Arbeiter, Arbeiterstand, arbeitende Classen" protestiren. Alle Menschen mit geringer Ausnahme arbeiten, müssen und wollen arbeiten und Viele mehr als der Tagelöhner, aufreibender als der mechanische Arbeiter, und zwar selbst unter denen, welche ein großes Besitzthum zu verwalten haben. Der Mißbrauch jener Bezeichnungen ist nicht ohne Folgen, denn die socialistischen Wortführer reden unter dieser allgemeinen Firma den sg. Arbeitern ein, daß sie allein arbeiten und alle anderen Menschen nur genießen, daß sie es sind, welche produciren, wahrend die anderen sich ihre Producte aneignen. Einen wesentlichen Beweis liefert schon der Umstand, daß der Socialismus gar keinen Anhang in der ländlichen Bevölkerung findet, der doch Niemand das Arbeiten und Produciren absprechen wird. Die Masse der Socialisten besteht aus den Fabrikarbeitern, den Handwerksgesellen, zu denen sich alle verkommenen Subjecte, Leute, die ihre Carriere verfehlten, und endlich Ehrgeizige gesellen, welche bei geringer Begabung und großer Selbstüberschätzung hier eine Rolle spielen wollen, die ihnen anderswo nicht gelang. Und hierin liegt die noch größere Gefahr. Denn um die socialistische Fahne schaaren sich nun die Massen der Anarchisten, der verlorenen Subjecte, wie sich dies bei der Pariser Commune gezeigt hat. Frägt man sich nun ernstlich, wie diese Gefahr abzuwenden sei, so werden sich, wie bei jeder Kur einer tiefgewurzelten Krankheit, palliative und positive Mittel darbieten. Der Socialismus hat dem Staate offen den Krieg erklärt und der Staat muß daher seine Waffen gegen ihn anwenden. Jener steht nicht an, die Mittel anzuzeigen, durch welche er den beabsichtigten Umsturz herbeiführen wolle, so müssen unverweilt die nölhigen Gegen-

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