Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1878)
- Date
- 1878-06-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung -es Iudmlhums. Ein unparteiisches Organ sür alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludroiz Philippson in Bonn. Verlag vou Baumgäctuec's BuchhMdluuq in Leipzig. Beilagen werden mit 1 Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. Diese Zeitung erscheint wSchwtlich einmal in 2 bi« 2>/■, Bogen. Preis Vierteljährig 3 SDiarf. Inserate werde» mit 20 Ps. fiir die Pctitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchbandlungen. Postäurter und Zeitung« »Expeditionen nehmen Bestellungen an. I» redactioneUeu Angelegenheiten wende man sich an vr. £. Vhili-nsou in Bonn; binfichtlich der Inserate an R. Moste in Leip'iig und dess.n Filialen in Berlin, BreSlanrc. Inserale, welche bi« vonnerstag eingehen finden rnder caranffolgenden Nummer Berücksichtigung. 42. Jahrgang. Leipzig, den 18. Juni 1878. JV 25. Inhalt. Leitende Artikel: Der Classenkampf irr Deutschland. HL — Der Congreß. II. — Zeitungsnachrichten: Deuls «bland: Berlin, Krotoschin. — Oesterreich-Ungarn: Lemberg. Pest. — Schwei;: Basel, Bern. — Holland: Amsterdam. — Türkei: Paris. — Rumänien: Bukarest. — Bonn: Notizen, Literarische Notizen. — Feuilleton: Historische Notizen. — Corre sp o ndenz: Wien. — Jgnotz Barnay. — Vermischtes: Statistisches ans Amerika. — Russell und Gladstone. <£elteilte (SLxhkel. Bonn, 12. Juni. Der Classenkampf in Deutschland. II. Wenn wir in unsrem ersten Artikel nachgewiesen, daß die reale Gestalt und der Umfang, welche der Socialismus in Deutschland binnen weniger Jahre gewonnen, aus dem Elassen- und Kastengeiste des deutschen Volkes erklärlich sind: so kann man nicht verkennen, daß gerade hierdurch die Gefährlichkeit dieser Partei um so viel größer ist. Denn einentheils fand der Socialismus sofort einen festen Boden in einer sich absondernden oder sich abgesondert dünkenden Elaste, wie man denn immer von „Arbeiterstand" oder „arbeitenden Claffen" spricht, anderntheils stand ihm vom Beginne an keine Einheit, kein geschloffenes, sondern ein zerrissenes, in streitende Claffen nach allen Richtungen hin zerspaltenes Ganzes gegenüber. Daher die Erscheinung, daß bald die eine, bald die andere Partei mit der aufwachsenden Socialdemokratie liebäugelte und ihr namentlich zu Wahlzwecken die Hand reichte, und daß ihr lange Zeit hindurch kein Widerstand, keine aus den Gesetzen fließenden Hindernisse entgegengesetzt wurden, wie man geradezu behauptet hat: man habe die social-demokratische Partei großgezogen, indem man sich ihrer gegen andere Parteien bedienen wollte, bis endlich die Gefahr allzu sichtbar wurde. — Es ist geradezu eine Geschichtsverfälschung, wenn Vertheidiger des Socialismns, und zwar solche, die sich nicht offen zur Partei bekennen, sich jüngst in Betrachtungen ergingen, daß die durch die französische Revolution in Fluß gebrachten liberalen Grundsätze auch lange Zeit für staatsgefährlich. für alle gesetzliche Ordnung untergrabend erklärt wurden, bis sie endlich doch in allen Culturstaaten die Oberhand gewannen; so ergehe es jetzt auch den socialistischen Principien, die in früherer oder späterer Zeit nicht minder den Sieg davon tragen würden. Es ist dies, sagen wir, eine Geschichtsverfälschung. Denn Niemand, außer den Socialisten selbst, wird die Grundsätze des französischen Terrorismus noch heute anders als staatsgefährlich und jeder gesetzlichen und freiheitlichen Ordnung zuwiderlaufend anerkennen oder behaupten, sie wären irgendwo zur Geltung gekommen. Vielmebr sind es die Principien von 1789, die eine Verwirklichung erlangt haben und die in der constitutionellen Monarchie, in der Aufhebung der Vorrechte, Privilegien und Monopole und in gesetzlich geordneter persönlicher. Preß-, Vereins- und Versammlungsfreiheit bestanden. Der Socialismus aber ist keine eigentliche politische Partei, sondern er bekennt sich zum Umsturz und zur Vernichtung der ganzen bestehenden Gesellschaft, zur Zerstörung aller Fundamente derselben, zur Aufhebung des Privateigenthums. der Ehe, aller Institutionen der Religion und Wissenschaft, zur Vertheilung der Arbeit nach einem bestimmten Schema und zur Vertheilung der Genußmittel in gleichen Portionen u. s. w. Ob dies das Gegentheil der ganzen menschlichen Natur, ob dies in allen Punkten eine völlige Unmöglichkeit, ob dies eine Knechtung der Menschen sei, wie sie noch niemals so stark, so erdrückend, so alle Cultur vernichtend vorhanden gewesen, wollen wir hier noch gar nicht betonen: vorerst geht die Socialdemokratie, und