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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-06-11 · Heft 24 (11.6.1878) · p. Seite 380

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 24 (11.6.1878)
Date
1878-06-11
Page
Seite 380 (sequence 12)
Language
German
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380 sam die gesammte hebräisch-deutsche Literatur der Gegenwart zur Darstellung bringen, um so eine sehr fühlbare Lücke auf dem Gebiete der specifisch hebräisch-deutschen Bibliographie auszufüllen. Der „Anzeiger" wird in Lieferungen 5 6 Bogen Groß-Octav erscheinen, und wird die erste Lieferung im September ausgegeben werden. Feuilleton. Historische Notizen. Non G. Wolf. Indem ich beifolgende Notizen veröffentliche, drängt es mich, denselben eine Bemerkung vorauszuschicken. Ich habe in der letzten Zeit quellenmäßig die Verhältnisse der Protestanten in Oesterreich von Ferdinand II. bis Josef II. studirt (die Resultate dieser Studien werde ich Gelegenheit haben an einem andern Orte zu veröffentlichend. Wenn man objectiv sein will, muß man sagen, daß die Verhältnisse der Protestanten im Ganzen schlechter waren als die der Juden, selbst wenn man die Vertreibungen der letzteren aus Wien im Jahre 1670 und aus Böhmen 1744 mit in's Auge faßt. Selbstverständlich gilt dieses bloß von den Erbländern, oder wie man jetzt sagt, von Cisleithanien, und nicht von Ungarn. Trotz des westphalischen Friedens, wendete man alle möglichen Gewaltmaßregeln an, um „das Gift der Irrlehre", wie man den Protestantismus nannte, auszurotten; die Kaiserin Maria Theresia übertraf darin noch ihre Vorgänger. Man stiftete die Protestanten ab, d. h. man zwang sie, Haus und Gut auch zu Spottpreisen zu verlaufen und mit ihren Familien nach Siebenbürgen zu ziehen, wo sie in der Regel, da sie aller Mittel entblößt ankamen, elend zu Grunde gingen. Die Rannstädter Convention 1701 brachte ihnen bloß die Begünstigung, daß zu Teschen die protestantische „Gnadenkirche" errichtet wurde, und diese war die einzige Kirche für sämmtliche Protestanten in Oesterreich. Es kamen unter Maria Theresia, die die Tortur aufhob, Gewaltmaßregeln vor, welche die Betroffenen thatsächlich irrsinnig machten, oder sie zum Selbstmorde trieben. Ich bekenne aufrichtig, daß mir oft, wenn ich riese Actenstücke las, das damalige Geschick der Juden gewissermaßen als beneidenswerth erschien, und ich dachte des Spruches: In rebus adversis solatium est socios habere. Man mag heute die Nase rümpfen, wenn man von Toleranz spricht, da heute Gleichberechtigung die Losung ist. Das Toleranzpatent Josef's bekundete jedoch zu jener Zeit einen maßlosen Fortschritt, der an Werth gewinnt, wenn man weiß, wie schrecklich dem Kaiser die Folgen eines derartigen Schrittes geschildert wurden. Entblövete man sich doch nicht ihm zu sagen, daß alle Religionen, mit Ausnahme der katholischen, fanatisch seien, und daß sie alle Mittel anwenden, ihre Gegner zu vernichten. Doch genug davon; schreiten wir zur Mittheilung unserer Notizen. Ein Geprellter. Es ist bekannt, daß nur der kleinste und geringste Theil derjenigen, die vom Judenthum abfielen und die Taufe nahmen, diesen Schritt ans Ueberzeugung thaten, weil sie daS Christenthum für die wahre Religion hielten. Es handelte sich in solchen Fällen fast immer um weltliche Vortheile rc. Allerdings kamen nicht selten Fälle vor, daß sich diese Leute in ihren Hoffnungen und Erwartungen gelauscht sahen. Wir wollen einen derartigen Fall ansühren. In Brünn lebte eine jüdische Familie Dobruschka. Mit Ausnahme der Mutter, Schöndel, verließ die ganze Familie das Judenthum und ließ sich taufen, die Töchter gingen dann mr-i mmrrr. Der Vater Moses, der als Autoridact sich einiges Wissen angeeignet harte, bat hierauf in einem Immediatgesuche (177 5) die Kaiserin Maria Theresia, ihn beim Naturaliencabinette, bei der Bibliothek oder Büchercensur, oder als Professor oder sonst wo mit einem Gehalte anzustellen. Die Kaiserin bemerkte hierauf: „Als Professor nicht, wohl aber anderswo anzustellen, findete das beste iuterpres (Dolmetsch der hebräischen Sprache) mit einem Gehalte." Die weitern Verhandlungen stellten heraus, daß der erste Dolmetsch der hebräischen Sprache, der Vater ves bekannten Josef v. Sonnenfels, keinen Gehalt bezog, sondern er erhielt von den Parteien, die seinen Beistand in Anspruch nahmen, eine Remuneration. Diesem folgte ein anderer getaufter Jude, Rudolf Horowitz, in diesem Amte. Das Einkommen war jedoch sehr geringe und konnte kaum Einer von demselben leben, viel weniger zwei. Da die Hofkanzlei nicht damit einverstanden war, das Aerar mit einem neuen Gehalte zu belasten, so schlug sie vor, den Neophiten Moses bei der Hvfbibliothek anzustellen; da er ein sprachenkundiger Mann sei. Aber auch der Vorstand der Hofbibliothek, Hofrath v. Kollar, verwahrte sich dagegen, 28. Januar 177 6, den Neophiten anzustellen, obschon er es gewünscht hatte, denselben werkthätig zu überzeugen, daß er durch eine besondere Gnade Gottes zu jenem heiligen Glauben berufen worden, welcher die Liebe seines Nächsten für das Hauptgesetz bestimmt; aber alle Jene, „die nicht auf unsern christkatholischen hohen Schulen gewisse Studien absolvirt haben, seien nicht einmal zu Schreibern in der Hofbibliothek zu gebrauchen". Er schlug daher vor, ihn in der Universitätsbibliothek zu verwenden, wo er auch privatim im Hebräischen und in der rabbinischen Literatur Unterricht ertheilen könnte. Die Kaiserin bemerkte zu diesem Vorschläge eigenhändig: „bin gantz

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