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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-06-11 · Heft 24 (11.6.1878) · p. Seite 373

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 24 (11.6.1878)
Date
1878-06-11
Page
Seite 373 (sequence 5)
Language
German
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373 die bei den orientalischen, sg. portugiesischen, deutschen und polnischen Juden eine so andere ist, als ob es verschiedene Dialecte wären, die sie sprechen. So ist denn auch der factische Zustand in Jerusalem, wo die Juden nach ihren Heimathsländern in Gemeinden getrennt sind, die nichts miteinander gemein haben, nicht einmal ihre Synagogen, als etwa die Theilung der Almosen, die aus Europa kommen. So vermögen nicht einmal die paar Tausend Juden, welche in der heiligen Stadt ihrer Väter wohnen, ein Ganzes zu bilden außer in äußerlichen gleichen Jnteresien, nicht einmal in ihrem Cultus und in ihrem Talmudstudium. Wir heben gerade die Sprache hervor, weil sie auch den entschiebensien Beweis dafür liefert, daß die Juden jedem Lande und jedem Volke, in welchem sie sich seit so vielen Jahrhunderten angesiedelt, ganz und gar angehören, und daß irgend welche noch vorhandene Schattirung in Sitte und Charakter gerade ebenso wenig sie fremdländisch macht, wie wenn in den verschiedenen Provinzen eines Landes die Masie sich in solchen Dingen sehr unterscheidet. Wir erinnern nur z. B. an die Verschiedenheiten in der Bevölkerung des nördlichen und des mittägigen Frankreichs, der Baskischen und Südprovinzen Spaniens u. s. w., Völker, in denen das Bewußtsein der nationalen Einheit auf's Stärkste ausgeprägt ist. Die Sprache ist das nachhaltigste nationale Band und gerade dieses verbindet die Juden mit den Völkern seit vielen Jahrhunderten. Was will man auch? Die Juden sind durch Waffengewalt aus ihrem Lande hinausgeworfen worden. Acht Jahrhunderte hat ihr erster Staat bestanden. Durch die Waffen nach Affyrien und Babylonien geführt, kehrten sie nach Palästina zurück, als man ihnen die Freiheit dazu gab. Sechs Jahrhunderte währte ihr zweiter nationaler Bestand. Schon aber verpflanzten Alexander, die Ptolemäer, die Seleuciden viele hundert Tausende nach Alexandria, Seleucia, Antiochia und anderen Städten. Da vertrieb die römische Tyrannei die Reste des Volkes aus der Heimath, versagte sogar ihnen jeden Aufenthalt daselbst, zerstreute sie über alle Lander, und die hartnäckigste Verfolgung jagte sie immer weiter umher. Dies währt bereits 18 Jahrhunderte, also durch einen viel längeren Zeitraum, als die Israeliten in Palästina gewohnt, und man zwang sie systematisch zu Sitten, Gewohnheiten, Lebensberufen und Chrrakterzügen, welche ihnen im Lande ihrer Väter völlig fremd gewesen und einen eigenen Staat zu bilden ganz unmöglich machenUnd jetzt fügt man den Hohn hinzu, sie dorthin verweisen zu wollen! . . . . Nein, gerade im Gegentheil, haben wir bei dem Congresie nichts zu suchen, als die bürgerliche Gleichstellung ainsrer Glaubensgenossen in den Ländern, in welchen sie auch schon mehr als anderthalb Jahrtausende wohnen und man ihnen jene noch immer verweigert. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 30. Juni. Wir berichteten vor einiger Zeit, daß der Oberrabbiner zu Fünfkirchen, Herr vr. A l e x a n d e r K o h u 1, eine neue Ausgabe oder vielmehr Bearbeitung des A ruch herauszugeben beabsichtige, daß ihm hierzu die k. k. Akademie der Wissenschaften zu Wien eine Subvention zugesagt hat. DaS beabsichtigte Werk hatte zwei große Schwierigkeiten zu überwinden: die eine, geistige, in der außerordentlich großen Arbeit bestehend, welche der von Herrn Kohut gefaßte Plan für die neue Ausgabe erforderte, die andere in den bedeutenden materiellen Mitteln, die für die Herstellung aufgewendet werden mußten. Dennoch gelang es dem ausgezeichneten Gelehrten, uns jetzt die erste Lieferung unter dem Titel: vvwn -ieo (Wien, 1878) vorzulegen, und sicherlich wird die Kritik allseitig ihre Anerkennung für die Leistungen Kohuts aussprechen. Diese erste Lieferung wird vornämlich von der Einleitung in den Aruch ausgefüllt, welcher das Wörterbuch selbst von er bis folgt. In der Einleitung ist Alles zusammen- und lichtvoll darzestellt, was geschichtlich, bibliographisch und literär-historisch über den Aruch Auskunft giebt. Die Biographie des R. Nathan, so weit irgend Notizen darüber sich sammeln lasten; die Quellen, aus denen er schöpfte; die Gelehrten, die sich des Aruch bedienten; die ferneren Bearbeitungen des Aruch; die sieben Handschriften und die sieben alten Drucke, welche Kohut benutzte (sehr detaillirt beschrieben) — dies sind die Gegenstände der Einleitung, die eine Belesenheit im rabbinischen Schristthum, eine Umsicht und einen Fleiß bekundet, wie sie selten sich zusammensinden, und die es Kohut möglich machten, eine ihr Thema erschöpfende Arbeit zu liefern. Nicht minder sorgfältig ist die Bearbeitung des Wörterbuches selbst durchzeführt, soweit sie uns bis jetzt vorliegt. Die Wörter sind mit Vocalen versehen, der Ursprung derselben ans einer fremden Sprache, wenn dies der Fall ist, in den Ursprungswörtern angegeben, die deutsche Interpretation hinzuzefügt, der Text verbessert, eine Menge Stellen aus Talmud und Midrasch hinzugefügt und überhaupt werthvolle Bemerkungen und Zusätze eingereiht, namentlich durch Anmerkungen. Ohne hier in weitere Details einzugehen, was wir uns bei dem weiteren Fortgang de« Werkes Vorbehalten, können wir das Unternehmen, so weit es bis jetzt gediehen, als sehr gelungen bezeichnen und den dringenden Wunsch aussprechen, daß dem Verfasser durch zahlreichen Ankauf die Mittel gewährt werten, den Druck des Werkes fort- und zu Ende zu führen. Es würde unserer Zeit die Vollendung zu wahrhafter Ehre gereichen, abgesehen von dem großen Nutzen, welcher der talmudischen Wissenschaft und dem Studium derselben geboten würde. Wir hoffen daher, daß die von so vielen Seiten erfolgende Aufforderung, den Verfasser auch materiell zu fördern, nicht erfolglos bleiben werde. Zunächst würde dies der werthvollste Lohn für den Verfasser sein.

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