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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-06-11 · Heft 24 (11.6.1878) · p. Seite 372

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 24 (11.6.1878)
Date
1878-06-11
Page
Seite 372 (sequence 4)
Language
German
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372 die Juden als das beste Auskunftsmittel. So weit wäre die Sache eine harmlose politische Spielerei. Aber sie hat eine ganz andere Seite, welche ihr eine unangenehme Wendung giebt. — Bor einiger Zeit erschien in England der auch von uns besprochene Roman „Daniel Deronda" <s. Nr. 51, 1876), in welchem Miß Eliot einen jüdischen Schwärmer schildert, der auf Nichts als die Wiederherstellung des jüdischen Staates spintistrt. Allerdings läßt sie ihren Morbechai einen Anhänger in einem christlich erzogenen Juden finden, der am Schluffe des Romans nach Palästina reist, um sich Land und Leute näher anzusehen; was er daselbst gefunden und mit welchen Ansichten er zurückgekehrt sei, verschweigt die Verfasserin kläglicher Weise. Aber sie stellt doch diese Wiederherstellungshoffnungen als den lieferen Kern des Judenthums dar, und hat den Gedanken wenigstens in England so verbreitet, daß, wie wir jüngst berichteten, ein anderer Schriftsteller jenem Romane einen anderen entgegenstellen zu müssen glaubte, in welchem er die wirklichen Verhältnisse und Meinungen der Juden als mit jener Idee im völligen Widerspruche befindlich darzustellen suchte. Nun, Miß Eliot hatte die wohlwollendsten Absichten und mit Phantasien in Romanen streiten wir nicht. Wer aber mit der judengehäfsigen Literatur bekannt ist, weiß, daß die ärgsten Judenhetzer, wenn sie die Opfer ihrer Feder nicht todtschlagen können, sie wenigstens nach Palästina gejagt haben wollen. Nach ihnen sind die Juden in Europa ein fremdes, volks- und staatsgefährliches Element, das nach Asien transportirt werden müsse. Die Verwirrung der orientalischen Frage und der bevorstehende Congreß giebt dieser feindseligen Gesinnung die Gelegenheit, eine solche Forderung geradezu zu sormuliren. Wir haben in der Correspondenz aus Pest die Mittheilung zu bringen, daß ein ungarischer Abgeordneter, der sich vor einiger Zeit' durch eine judengehässige Rede im ungarischen Abgeordnetenhause hervorgethan und Fiasco gemacht hat und in den ihm zu Gebote stehenden Streitschriften seinen Haß immer von Neuem ausströml. nach Pfingsten einen Antrag im Hause stellen will, der auf die Erwerbung Palästinas für die Juden hinausläuft. Natürlich wird er damit durchfallen, und im schlimmsten Falle würde das. ungarische Abgeordnetenhaus auch nichts dafür vermögen. Heute liegt uns das zweite Blatt der „Süddeutschen Presse" aus München vom 26. Mai vor, welches einen Artikel unter dem Titel „Hierosolyma" enthält, in dem dieselbe Idee ausführlich besprochen wird. Der Verfasser verbirgt seine eigentliche Tendenz unter der Maske des höchsten Wohlwollens und großer Anerkennung für die Juden. Doch hilft ihm diese Maske nichts; unwillkürlich dringt die Ironie durch, und die Voraussetzung, von der er ausgeht, giebt dem Sachkundigen sofort das Ziel zu erkennen, nach welchem der gute Mann steuert. Er geht davon aus, daß die Juden immer noch „Stammeseigenthümlichkeiten hätten, welche dem abendländischen Geschmack nicht entsprechen", „daß der Bermischungsproceß mit den abendländischen Völkern sich erst im Anfangsstadium befinde", und daß die Juden sich diese Eigenthümlichkeiten bewahrt hatten, um „das Recht zu haben, dereinst als selbstständige Nation wieder Besitz von ihrer alten Heimath Palästina zu ergreifen." Die Juden, meint er, hätten so viel von der europäischen Cultur in sich ausgenommen, daß sie eine große Culturmission um so eher für den Orient übernehmen könnten, als sie andrerseits noch asiatische Qualitäten besäßen. Das Uebrige, was er auf drei Spalten sagt, soll Honig sein für die lieben Juden; es ist jedoch nur abgestandener, alter, schon ziemlich verdorbener Honig, den wir Herrn St. wieder zurückgeben. Er bildet sich sogar ein, mit seinem Artikel einen „ersten Anstoß" gegeben zu haben, und beruft sich auf den Erfahrungssatz „kleine Ursachen, große Wirkungen". Nun, klein genug ist die Ursache, die Wirkung aber bleibt aus. Es ist nichts als das alte Vorurtheil und der alte Haß, die hinter der Maske hervorgucken, und um ein für alle Mal den Grundzug aller dieser Expectorationen zu kennzeichnen, haben wir diesmal die Feder ergriffen. Wir heben noch hervor, daß, wenn diese LeMe sich etwa auf Sympathien der jüdischen Orthodoxie zu stützen glauben oder vorgeben, dies durchaus falsch ist. Die jüdische Orthodoxie erwartet die Wiederherstellung eines jüdischen Staates nur vom Erscheinen des Messias, und muß jeden anderen Versuch entschieden zurückweisen. Wir hoffen nun, daß weder Miß Eliot, noch der ungar. Abgeordnete, noch der Artikelschreiber der „Süddeutschen Presse", noch Alle, die in dieses Geschrei einstimmen, so groß auch ihre Meinung von sich sei, sich nicht für Messiaffe halten. Es ist jedoch nicht unsre Absicht, uns mit einer bloßen Verneinung zu begnügen. Unter den vielen realen Momenten, welche die Idee der Wiederherstellung eines jüdischen nationalen Staates zu einer bloßen Schwärmerei, aus Liebe oder aus Haß entsprungen, machen, wollen wir heute nur Eines betonen — es ist die Sprache. Zu einem wirklichen nationalen Leben gehört unentbehrlich die gemeinsame Sprache. Die Juden haben aber eine solche nicht. Sie sprechen deutsch, französisch, englisch, holländisck, italienisch, ungarisch, spaniolifch, arabisch, persisch. Wenn man von den russischen und polnischen Juden sagt, daß sie bis jetzt noch deutsch sprächen, so reden sie ein Jargon, den der deutsche Jude nicht versteht; auch ist in ihnen der Drang nach der Landessprache ebenso wie in den ungarischen Juden so stark erwacht, daß nach einigen Generationen auch diese Glieder der ReligionSgenoffenfchaft nur noch ihre Landessprachen reden werden. Es ist dies so sehr der Fall, daß z. B. ein deutsches Werk auf jüdischem Gebiete allen anderen Glaubensgenossen nur durch Uebersetzung zugänglich wird. Nun denke man sich diese vielsprachige Masse zu einem Staate vereinigt! Man wird bald einwenden, die Juden hätten doch eine gemeinsame Sprache in der hebräischen. Auch dies ist jedoch nur leerer Schein. Diese heilige Sprache ist nur Eigenthum der Gelehrten, und aus Mangel an Uebung und Gelegenheit, liest und schreibt die Mehrheit der jüdischen Gelehrten zwar das Hebräische, aber spricht es nicht. Dazu kommt sogar die verschiedene Aussprache des Hebräischen,

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