Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1878)
- Date
- 1878-06-11
- Page
- Seite 371 (sequence 3)
- Language
- German
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371 Es werden vielerlei Ursachen angegeben, die zu diesem unseligen Producte zusammengewirkt haben sollen. Aber es sind dies äußerliche Momente. Sehen wir vorläufig von den Ursachen ab. welche in allen Ländern zu den socialistischen Bestrebungen und Umtrieben veranlaßten, so scheint uns der wesentliche Grund zu der Gestalt, welche der Socialismus in Deutschland angenommen, zu liegen: in dem, dem deutschen Volke einwohnenden, heute noch wie jemals lebhaften Triebe, Clafien und Kasten zu bilden, diese an die Stelle der Gesammtheit zu setzen, ihre wirklichen oder vermeintlichen Interessen über die der Gesammtheit zu stellen, ja die letzteren vor den ihrigen ganz zu vergessen und zuruckzudrängen und darum gegen die ihnen entgegenstehenden Kasten und Claffen, nöthigenfalls gegen alle, den erbittertsten, einen vernichtenden Kamps zu führen. Wrr wollen dies, wie wir oben schon angedeutet, an den Juden exemplificiren. Man hat auch in Deutschland, weil man nach den verfassungsmäßigen Grundsätzen nicht anders konnte, den Juden bürgerliche und staatsbürgerliche Gleichstellung gegeben. Man hat aber nicht aufgehört, sie als eine besondere Classe oder Kaste anzusehen, zu behandeln, zu bedrohen, zu verdächtigen und offen auszusprechen, sie bei der ersten Möglichkeit wieder als Kaste auszuschließen. Vergebens haben die Juden theoretisch und practisch nachgewiesen, daß sie außer ihrem Cultus und einigen Wohlthätigkeitsanstalten gar keine besonderen und gemeinsamen Angelegenheiten haben, daß sie mit ganzem Herzen und Vermögen dem Volke angehören, haben sich auf alle Gebiete res Lebens, die geistigen wie materiellen, verpflanzt und in alle Kreise des öffentlichen und des bürgerlichen Lebens sich versenkt. Es hilft ihnen Alles nichts; sie werden immer wieder zurückgestoßen und von der Tagespreffe bis zu wissenschaftlichen Werken hinauf als eine besondere Claffe oder Kaste bezeichnet. Und dies geschieht nicht etwa der Confession wegen, denn zahllose consessionslose Leute machen sich derselben Ungerechtigkeit schuldig. Auch in anderen Landern, in England, Frankreich und Italien sind die Vorurtheile gegen die kennt. Da zerfällt denn auch jede Partei wieder in Fractionen und Fractiönchen und eine gönnt der anderen das Dasein nicht. Die schweren Gefahren, die dadurch über das Vaterland, über das gemeinsame deuffche Reich heraufbeschworen werden, lassen die einzelnen Parteien kalt. Der Ultramontane will nichts als die Herrschaft seiner Kirche, vor der alle Errungniffe rer Nation zerfallen mögen, wenn sie nicht unterthänig werben wollen und können; der Agrarier will nichts als seine landwirthschafilichen Interessen, wie er sie versteht; der Schutzzöllner möchte den ganzen liberalen Staat stürzen, um auf den Trümmern die Vortheile zu erringen, die er sich verspricht; die Deutsch-Conservativen wollen die Herrschaft der Junker wieder Herstellen und so fort. Was ist da zu verwundern, wenn die Socialisten, sobald sie durch das allgemeine Stimmrecht die Möglichkeit, durch die Volksfreiheilen die Mittel dazu ersahen, sofort eine politische Partei zu bilden trachteten, die ihren Grundsätzen und Zwecken nach der schroffste Gegensatz zu allen übrigen wurde, und die sie nach dem Classengeiste des Volkes so zu organisiren und zu concentriren verstanden, daß sie den Nerv aller ihrer Genossen in den anderen Ländern bewirkten? Es war und ist dies auch nur ein Ausfluß unv eine Krankheit des Kasten- und Claffengeistes in der deutschen Nation, und der daraus entstandene Kampf nichts als ein furchtbares Glied des Claffenkampfes, der in Deutschland vorhanden war unv ist. Betrachten wir diesen nun noch von feinen anderen Seilen. Die Wiederherstellung des Mischen Staates. Jeder Gedanke, der einen pikanten Reiz zu enthalten verheißt, sei er vernünftig oder absurd, findet in unserer Zeit einen Ausdruck und wird von Freund und Feind ausgebeutet. Die immer mehr anschwellende Oeffentlichkeit in Presse, Parlamenten, Juden nicht ganz geschwunden, und hier und da kommen sie! Versammlungen und Bortragen aller Art verlangt immer neuen wohl auch zum Vorschein. Immer aber nur vereinzelt und ohne; und immer mehr Stoff und giebt dem ehrgeizigen Streber den Nachhaltigkeit. Anders in Deutschland, wo diese Anschaungs- Trieb, sich auf irgend eine Weise hervorzuthun. Da wird nach weise ein Ausfluß und eine Krankheit des Claffen- und Kastenallen Mitteln gegriffen, und so kann es uns kaum Wunder geistes ist, der den großen deutschen Genius beherrscht. Deutschnehmen, daß jüngst wiederholt und an sehr verschiedenen Plätzen land war der classische Boden des Faustrechts, des schroffsten. — auch die Wiederherstellung eines jüdischen Staates auf's Tapet Zunftwesens, nicht blos der Reformation, sondern auch des dreigebracht worden ist, selbstverständlich in Palästina. Da man ßigjährigen Krieges, der vielhundertfaltigen Particularstaaten unv ‘ einmal dabei ist, die Provinzen des türkischen Reiches zu ver- Staatchen, wo jedes Ländchen, jede Stadt, jeder Weg, jede Brücke theilen, macht es den Leuten keine Schwierigkeit, auch Palästina durch Barrieren und Zölle abgeschloffen waren. Bei der großwegzugeben. Weil nun wahrscheinlich die christlichen Staaten artigsten Entfaltung seines Geistes konnte das deutsche Volk diesen nach ihren kirchlichen Schattirungen um den Besitz Paläftina's Kastengeist nicht los werden und hat ihn leider in das neue sich ebenso in die Haare gerathen würden, wie bis jetzt um die deutsche Reich mit übertragen. Hier giebt es nicht blos politische ganze Türkei, da man der Herrschaft einer Kirche in Jerusalem Parteien, die von ihren Ansichten und Zielen aus um die Obdie Benachtheiligung der anderen zutraut — bekanntlich würden Herrschaft streiten, sondern Alles wird zu einer Partei, welche die christlichen Secten ohne die Dazwischenkunst der Türken sich alle anderen auf Tod und Leben bekämpft, nur sich, sich allein in der heiligen Stadt längst niedergemetzelt haben — erscheinen 24*