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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-06-11 · Heft 24 (11.6.1878) · p. Seite 370

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 24 (11.6.1878)
Date
1878-06-11
Page
Seite 370 (sequence 2)
Language
German
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370 Werkstätten, wo nicht gearbeitet und viel verzehrt ward, wieder auflösen mußte, brach der Juniaufstand aus, der so viel Blut kostete und die Niederlage der Socialisten zur Folge hatte. Hiermit war dem eigentlichen Socialismus in Frankreich der Boden genommen. Die practischen Franzosen halten den furchtbaren Trug, die verderbliche Verirrung, die in den socialistischen Theorien liegt, erkannt und die ihnen zugewandten Geister flohen vor dem Gespenst, das ihnen als solches jetzt erkennbar geworden; wenige ausgenommen, wie der verworrene Pierre Leroux, der mit der Zeit sich immer mehr mildernde Proudhon, der zum bloßen Politiker gewordene Louis Blanc. Genau genommen, waren es schon im Juni 1848 viel weniger die Socialisten, als die sich ihnen anschließenden Anarchisten, alle Elemente, welche die neue Festigung der staatlichen Gesellschaft nicht dulden wollten, die im Juniaufstande kämpften. Ebenso waren es, bei aller socialistischen Färbung, doch eigentlich hauptsächlich die Anarchisten, die in der scheußlichen Commune von 1871 ihr grausiges Spiel trieben; denn bei allen Greuelthaten der Communarden wurde doch im Ganzen kein Anlauf genommen, den Socialismus zu verwirklichen und das Privateigenthum aufzuheben. Man kann also behaupten, daß der systematische Socialismus mit seinen verfehlten Versuchen von 1848 in Frankreich sein Ende genommen. Anders in Deutschland. Wie gesagt, vor 1548 beschäftigte man sich auch hier theoretisch mit dem Socialismus, und noch leben einige der damaligen Führer der socialistischen Ideen, welche nach dem Ende des badischen Aufstandes den Continent verlaßen mußten. Die politische Reaction, die in den deutschen Staaten eintrat, weckte, wie natürlich, eine allgemeine und starke Opposition nach den verschiedensten Richtungen hin, und neben den liberalen, nationalen, ökonomischen und kirchlich freisinnigen Parteien erhob sich auch eine socialistische, welche den Zeitverhältniffen nach starke politische Elemente in sich ausnahm und sich deshalb focialdemokratisch nannte. Mit dem allgemeinen Stimmrecht, welches der Berfasiunz des norddeutschen Bundes und dann der ceS deutschen Reiches einverleibt wurde, eröffnete sich den Socialdemokralen die Aussicht, als eine geschloffene Partei aufzutreten, und wie mit der Schöpfung des deutschen Reiches die Ultramontanen. weil sie mit der Beschränkung der kirchlichen Machtsphäre durch den Staat unzufrieden waren, zu einer politischen Partei zusammenschoffen, so rhaten auch die Socialdemokraten, welche das Versammlungs- und Vereinsrecht und die Preßfreiheit benutzten , um in den sg. „arbeitenden Claffen" sich einen großen wachsenden Anhang zu schaffen. Der gewaltige Aufschwung der Industrie, welcher ebenso die Menge der industriellen Arbeiter (zum Schaden der ländlichen und anderer gewerblichen Arbeit) überaus vermehrte, wie deren Ansprüche über alle Maßen erhöhte, begünstigte die Verbreitung der socialistischen Jreen oder bester ihrer das Volk verlockenden Schlagwörter ganz ungemein, und der traurige Rückschlag, den Industrie, Finanz und Handel eruhren, führte dieser Partei immer mehr Anhänger zu. Mit der wachsenden Zahl der letzteren fanden sich auch immer mehr und selbst befähigte Wortführer ein, welche es verstanden, die Maffe zu organisiren und auszubeuten, so daß sie an vielen Orten geschloffene Reihen bildete. Eine solche Erscheinung geht auch nicht ohne Anreiz an den denkenden Köpfen der Nation vorüber. Abgesehen davon, daß ja die Gesellschaft an wirklichen Schären leidet, daß daher unter den socialistischen Forderungen einige gerechtfertigt, unter ihren Zielen einige realisirbar sind, daß also im Ganzen jeder Menschenfreund eine gewiffe Theilnahme an dieser Strömung nimmt, fanden sich theoretisirende Köpfe genug, welche sich des socialistischen Materials sich bemächtigen, es zu systematisiren und wiffenschaftlich zurecht zu machen sich angeregt fühlten, natürlich mit dem Vorbehalt, von dem vorliegenden Stoff den einen Theil aufzunehmen, den andern zu verwerfen. Es war dies echt deutsch, im Gegensatz zu den Franzosen. Bei den letzteren ging die ganze socialistische Bewegung aus den speculativen Theorien hervor und brach sich an der praktischen Unmöglichkeit. In Deutschland kamen die Denker hinterdrein, nachdem die Bewegung im Volke eine äußere, compakte Gestalt angenommen — dies sind die sg. Kathedersocialisten. Schließlich war es auch deutsch, daß einige Führer der protestantischen Orthodoxie den Socialismus christlich zu färben und unter die Leitung der orthodoxen Partei zu bringen versuchte. Es ist dies etwas ganz Anderes, als was der katholische Klerus unternommen hatte. Dieser ging nie darauf aus, eine kirchlich socialistische Partei zu schaffen. Theoretisch suchten einige 'klerikale Wortführer, wie Dupanloup und Kettler, das Volk zu bereden, daß die socialen Schaden allein durch die Kirche geheilt werden können; practisch gründeten sie katholische Gesellen- und Arbeitervereine, welche theils durch gegenseitige Unterstützung, theils durch kirchliche Uebungen ihre Befriedigung finden sollten. Die christlich - socialistische Partei hingegen nimmt die socialistischen Ideen, mit dem Vorbehalt, die Kirche und die Monarchie zu schonen, vollständig an, sucht sie durch spitzfindige Auslegung von Bibelstellen zu rechtfertigen, ja als göttlich verkündet hinzustellen, und Jesus zum Vorgänger von Laffalle zu machen. Während also in Frankreich der Socialismus seinen eigentlichen Heerd nur in Paris harre und in Paris erstickt ward, breitete er sich in Deutschland fast durch alle Gauen, besonders in den industriellen Bezirken so aus, daß er zwar immer nur erst durch zwölf Abgeordnete im Reichstage vertreten ist, also ungefähr 3 Procent, die socialistischen Wähler hingegen bei den letzten Reichstagswahlen ungefähr 12 Procent ausmachten. Während daher die Socialisten weder in England und Frankreich, noch in Italien und Oesterreich eine politische Partei zu bilden vermochten, noch überhaupt ein reelles Wachsthum erzielen, findet beides in Deutschland statt, brachte in der jüngsten Zeit eine große Aufregung hervor und wurde von allen anderen Parteien als eine Gefahr für Staat und Gesellschaft anerkannt. Wodurch, fragt man also, ist dies in Deutschland geschehen?

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