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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-06-04 · Heft 23 (4.6.1878) · p. Seite 365

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 23 (4.6.1878)
Date
1878-06-04
Page
Seite 365 (sequence 13)
Language
German
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365 verdanken, kann jetzt nicht genug hervorgehoben werden; und diese Institution hat durch den Tod von Sir Francis einen ihrer geschätztesten Freunde und hauptsächlichsten Unterstützer verloren. Als ein Mitglied des Rathes, bei dessen Sitzungen er nie fehlte, als Schatzmeister des Colleg und als Präsident des Senates, welcher aus der ganzen Körperschaft der Professoren besteht, bethätigte er sein tiefes Interesse an dem Fortschritt Vieser Institution; und er hielt weder mit seiner Zeit, noch mit seinen Mitteln zurück, wenn, wie es nicht selten geschah, an beide schwere Ansprüche erhoben wurden. Und außer diesen Pflichten, welche er mit jener Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit ausübte, welche seine ganze Art zu arbeiten auszeichnete, lieh er auch dem Hospital der Universität seine thätige und materielle Unterstützung, und noch kürzlich schenkte er eine beträchtliche Summe Geldes zur Verbesserung der sanitären Einrichtungen desselben, in der Hoffnung, daß die übrigen zu diesem Zwecke nöthigen Summen aus anderen Quellen erlangt werden würden. Seine politische Carriere zeichnet sich durch dieselbe unvergleichliche Strenge der Grundsätze aus, welche alle seine öffentlichen und Privathandlungen charakterisirten. Obgleich er nie ein gewandter Redner war, sprach er doch mit Kraft und Präcisiov, und seine Worte trugen stets den Stempel der Wahrheit und Aufrichtigkeit. Während feiner ganzen parlamentarischen Carriere war er eine feste Stütze der liberalen Partei. Er hing fest mit dieser Seite des Hauses zusammen, nicht uur aus Dankbarkeit gegen jene, welche mit ihm für die Emancipation der Juden gearbeitet, sondern noch mehr wegen seiner hingebenden Liebe zu allen wahrhaft liberalen und freien Institutionen. Zu gleicher Zeit glaubte Keiner fester als er an die Nothwendigkeit der Parteiregierunz als eine wesentliche Bedingung der Wirksamkeit unserer Verfassung, und nur eine absolute Ueberzeugung, daß die Partei, zu welcher er dem Namen und der Thar nach gehörte, eine Politik verfolgte, welche er gewissenhaft den wahren Interessen seines Landes und dem allgemeinen Vordringen der liberalen Ansichten in Europa für entgegengesetzt hielt, hatte ihn jemals dazu bringen können, mit den Conservativen zu stimmen. Es war ihm jedoch unmöglich, der Stimme seines Gewissens entgegenzuhandeln; und nachdem er einmal mit sich einig war, welcher der rechte Weg fei. zögerte er nicht, seine öffentlichen Aussprüche und Handlungen mit seinen lleberzeugungen in Uebereinstimmung zu bringen. In der orientalischen Frage, die noch nicht erledigt ist, gingen seine Sympathien mit der Majorität seiner Landsleute sowohl im Hause der Gemeinen als in ganz England zusammen; und er muß für ein um so größerer Patriot gehalten werden, weil er alle persönliche Rücksicht auf Privatfreundschast und alles Parieigefühl bei einer Krisis opferte, als die Wohlfahrt seines Landes ihm auf dem Spiele zu stehen schien und als er sich berufen fühlte, die Vorrechte eines Engländers auszuüben, indem er nur nach seinen wohlerwogenen Ueberzeugungen abstimmte. Er saß als liberales Mitglied für Reading seit seiner ersten Wahl in's Parlament im Jahre 1860 bis zu dem Tage feines Todes. Mit richtigem Tact und gerechter Würdigung seiner Pflichten gegen sein Vaterland und seine Religion gelang es Sir Francis Goldsmid wie wenigen Anderen, die rechte Mitte zwischen diesen einzuhalten, sowohl als Parlamentsmitglied und thätiger Förderer der verschiedenen Bildungs- und Wohlthätigkeits-Anstalten, wie auch betreffs der Religionsgemeinde, deren so ausgezeichnetes Mitglied er war. Ohne irgend einen politischen oder socialen Beruf zu vernachlässigen, fand er die Zeit, jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten zu präsidiren, bei der Einführung beträchtlicher Verbesserungen im englischen Synagogengottesdienst behülflich zu sein; und durch seine eigene strenge Befolgung aller mosaischen Riten und Ceremonien hat er gezeigt, wie die Beobachtungen des jüdischen Gesetzes vollkommen vereinbar mit den Pflichten eines Engländers sind. Es ist kaum nörhig, unsren Lesern den wichtigen Antheil zu bezeichnen, den die beiden Brüder, Francis und Frederick Goldsmid, an der Errichtung der West London Synagoge für britische Juden genommen haben. Reich begabt mit religiösen Gefühlen, widmete Sir Francis, damals noch Mr. Goldsmid, seine ganze Energie dem Bestreben, einige Verbesserung in dem Gottesdienste einzuführen. Jeder, der vierzig Jahre zurückdenken kann, wird das dringende Bedürfniß nach irgend einer Art von Reform bezeugen können. Zu jener Zeit waren Predigten, die jetzt in fast jeder Synagoge gebräuchlich sind, verhältnißmäßig selten; und nichts kann die Wichtigkeit, die der verstorbene Sir Francis Goldsmid der Kanzelbelehrung beilegte, deutlicher zeigen, als die Tharsache, daß er selbst im Jahre 1841 öffentlich eine Uebersctzung einer der Predigten von Dr. Salomon in der Synagoge in St. Alban's Place vortrug. *) Vom Beginn der Reformbewegung an hatte sich Sir Francis Goldsmid mit jenen aufgeklärten Männern vereinigt, die sich wider Willen gezwungen sahen, sich von der spanischen und portugiesischen Gemeinde zurückzuziehen, und so wurde er die Hauptstütze und einer der zuverlässigsten Berather der Reform-Synagoge von deren Begründungsjahre bis jetzt. Bei dem Tode des verstorbenen Mr. Daniel Mocrtta wurde er zum Präsidenten des Begründungsrathes erwählt; und diejenigen, welche hierbei mit ihm vereint waren, brauchen nicht erst durch den soeben erlittenen Verlust an den Werth der Dienste erinnert zu werden, welche er so bereitwillig der Gemeinde leistete, deren treuer Anhänger er war. Seine Reformansichten verhinderten jedoch seine freigebige Unterstützung anderer Syvagogengemeinden nicht, welche 1) Schon im Jahre 1839 übersetzte die Schwester des Sir Francis, Miß Anna Maria Goldsmid, zwölf Predigten des I>r. Salomon in's Englische, die auch 1841 in CharleSton in einer amerikanischen Ausgabe erschienen. Dieselbe durch geistige Begabung wie durch Herzenswärme ausgezeichnete Dame, die namentlich auf pädagogischem Gebiete sich große Verdienste erworben hat und noch heute voll eisrigen Strebens ist, übertrug 1856 die Vorlesungen des Dr. Philipp so n „lieber die religiöse Idee im Judenthum, Christenthum und Islam" in's Englische.

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