Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1878)
- Date
- 1878-06-04
- Page
- Seite 363 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227177-3227201--36302-3306334- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
363 Palästina. Jerusalem, im April. Der durch seine palästinensische Topographie in hebräischer Sprache (S. 365, 398, Jahrg. 1877) bekannte R. Luncz versandte ein Schreiben nach Europa, in welchem er folgenden Vorgang denuncirt. Sir Moses Monrefiore hatte eine Summe von 2000 M. nach Jerusalem für die Talmud- Thora geschickt, unter der Bedingung, daß mit diesem Gelve Lehrer bezahlt würden, welche die Kinder im Arabischen (ver Landessprache) unterrichteten. Kaum hatte man aber einen Lehrer zu diesem Zwecke angestellt, als die ungarisch-chassidische Gemeinde sich fanatisch erhob, um die Verwaltung zu zwingen, diese nützliche Einrichtung wieder aufzuheben und bas Geld an Sir Moses zurückzusenden! Diese Zeloten halten es für ein Verderben, wenn die Kinder die Landessprache richtig sprechen lernen! Daß das Elend bei dem wachsenden Verkommen der jüdischen Bevölkerung immer größer wird, noch dazu, da der Preis der Lebensmittel immer mehr steigt, kümmert diese unseligen Fanatiker nicht — sie wollen eben von Europa nichts als Geld, um die Faulheit und Unwissenheit zu nähren. Uebrigevs ist es nicht das erste Mal, daß Sir Moses Montefiore eine solche bittre Erfahrung macht — (wie dies in der Mitte der vierziger Jahre schon auch uns erging, weshalb wir seitdem den Bemühungen um die Bettler Jerusalems nur passiv zusehen, während wir doch zunächst die Familie Rothschild zur Gründung ihres Hospitals veranlaßt hatten. Redact.) — wahrend sich nunmehr zeigt, daß die Hoffnung auf allmälige Befferung eine Täuschung war, was wiederum durch den immerwahrenden Zustuß van Einwanderern aus Rußland, Galizien und Ungarn erklärlich ist. Jerusalem, IO. Mai. (Privatmitth.) Vorgestern (5. Jjar) verstarb allhier im 64. Lebensjahre der Oberrabbiner der Gemeinde der Aschkenasim, R. Meyer Auerbach, welcher für einen der größten Talmudgelehrten im gegenwärtigen Palästina gehalten wurde. Das Leichenbegängniß war großartig. Es begann um 5 Uhr, geführt von zwei Caroffen des österreichischen Consulats, begleitet von der ganzen aschkenasischen und sephardischen Gemeinde. Auf dem Wege nach dem jüdischen Begräbnißplatze machte mau mehrere Male Halt und wurden von verschiedenen Rabbinen Trauerreden gehalten, so vom Chacham Baschi, vom Chacham Aschkenasim und Anderen. Erst um 8 Uhr Abends langte der Zug am Begräbnißplatz an und um 10 Uhr war die Bestattung zu Ende. (W. K.) Amerika. Savauuah, 12. April. (Privatmitth.) Wir erhalten die „Savannah Morning NewS" vom heutigen Tage, welche auf 21/2 ihrer - großen Spalten eine Beschreibung der Einweihung der neuen Synagoge der Gemeinde Mikwa Israel bringt. Die Feierlichkeiten, denen der Bürgermeister, die Stadträthe und städtische Beamten, sowie die Geistlichen der Baptisten, Methodisten und der Episcopalkirche beiwohnten, und von Rev. Jsaac P. Mendez, dem Rabbiner der Gemeinde und Rev. David Levy von Charleston geleitet wurden, mit Chor und Orgel, waren sehr ergreifend, doch ganz in üblicher Weise. Die eindringliche Predigt wurde von Rev. Mendez gehalten. Was uns in diesem ausführlichen Berichte besonders interessirt, ist eine kurze Geschichte dieser Gemeinde, die wir hier skizziren wollen. Im Frühjahr 1733 erhielt die Stadt Savannah (Georgia) ihren Namen, und am 11. Juli deffelben JahreS langten in diesem Hafen unter der Leitung des vr. Nunis 21 Männer, 9 Frauen und 9 Kinder, sämmtlich Israeliten an, deren Namen auch aufgeführt werden. Diese Leute hatten London in dem zweiten Schiff verlaßen, welches nach diesem Hafen fuhr. Sie brachten eine Thorarolle mit, die noch jetzt von der gegenwärtigen Gemeinde aufbewahrt wird. Sie bauten alsbald ein Haus nahe dem jetzigen Markte zum Gottesdienste und nannte ihre Synagoge Mikwa Israel. Aber schon im Jahre 1740 löste sich die Gemeinde auf, weil zahlreiche Mitglieder nach Charleston übersiedelten. Im Jahre 1774 machte Morvechai Sheftall Anstrengungen, den regelmäßigen Gottesdienst wieder herzustellen, was ihm auch gelang bis zur Zeit der amerikanischen Revolution die Gemeinde sich abermals auflöste. Erst 1786 erwarb man wieder ein Haus zum Gottesdienste und aus dem Jahre 1790 ist das vom Gouverneur Telfair bestätigte Gemeindeftatut aufbewahrt. Am 19. April 1820 wurde der Schlußstein einer neuen Synagoge eingesetzt und dieselbe am 21. Juli 1821 durch vr. Jacob De La Motta feierlich eingeweiht. Doch schon am 4. December 1829 ward sie durch eine Feuersbrunst verzehrt, aus welcher nur die h. Lade und die Thorarollen gerettet wurden. Erst 1838 gelang es wieder, ein stattliches Haus zum Gottesdienste zu erbauen, daS am 24. Februar 1841 durch Rev. Jsaac Leeser eingeweiht wurde. Da die Gemeinde unterdeß angewachsen, fühlte sie das Bedürfniß nach einem größeren Gotteshause, zu welchem am 1. Mär; 1876 der Grundstein gelegt wurde. Es ist ein prächtiges Gebäude, für deffen ausführliche Beschreibung hier der Raum fehlt. Jedenfalls sieht man, daß die Saat, welche die Ansiedler von 1733 ausgestreut, zu schönen Früchten herangereift ist, und so viele Wechselfälle. erweisen die Ausdauer und Zähigkeit, welche ein Erbtheil des israelitischen Stammes sind. Bonn, 26. Mai. (Notizen.) In Opppeln wurde unter großer Theilnahme die Bewohnerin Frau Julie Friedländer zur Erde bestattet, deren außergewöhnliche Wohlthätigkeir ihren Tod tief bettauern läßt. Das dortige Wochenblatt schreibt über sie: „Frau Julie Friedländer, geb. Levi, am Palmsonntage 1802 in Freudenthal. Oesterr. Schlesien, geboren, vermählte sich im Jahre 1824 mit dem Arrendator Herrn Markus F riedlander, mit welchem sie in glücklichster Ehe über ein Menschenalter hinaus Hierselbst lebte. Dieser Ehe entsproffen 23*