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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-06-04 · Heft 23 (4.6.1878) · p. Seite 362

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 23 (4.6.1878)
Date
1878-06-04
Page
Seite 362 (sequence 10)
Language
German
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362 ob er hinsichtlich des Todes von Sir Francis Goldsmid, Barl., Parlamentsmitgliedes für Reading, Nachforschungen angestellt habe; und ob er von dem Parlament die Ermächtigung fordern werde, die Eisenbahngesellschaften zu zwingen, an den Personenwagen die Trittbretter oder Perrons so herzurichten, daß einer Wiederholung solch' schwerer Unfälle vorgebeugt werde. (Hort, hört!) Lord Sandon: — Meine Herren, bevor ich die Frage meines ehrenwerthen Freundes beantworte, muß ich daS tiefe Bedauern ausvrucken — (hört, hört) — welches ich in Gemeinschaft mit allen übrigen Mitgliedern des Hauses über die höchst betrübenden Umstände empfinde, welche uns eines unserer erfahrensten College» beraubten; und ich kann aus persönlicher Kenntniß hinzufügen, daß er von Allen, welche mit ihm in Berührung kamen, hochgeachtet und verehrt wurde (Hort, hört). Sobald wir diesen beklagenswerthen Unfall erfuhren, beauftragten wir Colonel Holland, eine Untersuchung anzustellen. Wir haben seinen Bericht noch nicht empfangen, sobald dies der Fall sein wird, werden wir ihn in Betracht ziehen und bestimmen, ob in dieser Angelegenheit Etwas zu thun ist. Ich werde den Bericht, sobald ich ihn erhalten habe, meinem ehrenwerthen Freunde zeigen. Ein ehrenwerthes Mitglied von der anderen Seite übergab mir einen ergreifenden Brief der Lady Goldsmid, an besten Schluß sie ihre schmerzliche Besorgniß ausspricht, daß solche Unglücksfälle in Zukunft verhütet werden möchten und daß so der Tod ihres beklagten Gatten seinen Mitmenschen zum Nutzen werden möchte. — Am letzten Sabbath wurde in der West-London-Synagoge ein TrauergotteSvienft zum Gedächtniß des Sir Francis Goldsmid abgehalten, bei welchem Rev. Prof. Marks eine tiefergreifende Gedachtnißreve hielt. — Hervorheben wollen wir noch, daß die „Literarische Gesellschaft der Freunde Polens", in ihrem Namen und im Namen der polnischen Flüchtlinge, folgende Adreffe an Lady Louise Sophie Goldsmid erlasten hat: Madame! Um die ersten Momente Ihrer Trauer nicht zu stören, wartete ich, bis das Grab sich über die irdischen Reste des tiefbeklagten Sir Francis Golvsmid geschlosten. Ihnen im Namen der Literarischen Gesellschaft der Freunde Polens und der polnischen Verbannten in England die tiefe Trauer auszusprechen, welche wir Alle bei dem Verluste, den Sie durch sein Dahinscheiden erlitten, empfinden und Ihnen unsre aufrichtige Theilnahme an Ihrem traurigen Geschick entgegenzubringen. Als ein Mann hoher Geistesaufklärung, mit edlen und großmulhigen Gefühlen begabt und als ein treuer Freund internationaler Gerechtigkeit, nahm Sir Francis Goldsmid ein lebhaftes Jntereffe an dem Geschicke Polens. Und als die Katastrophe, welche den nationalen Unabhängigkeitskampf gegen Rußland im Jahre 1831 beendigte, Hunderte von Polen zwang, eine Zuflucht an diesen gastfteundlichen Küsten zu suchen, gehörte er sowohl wie sein Vater und andere Mitglieder Ihrer geschätzten Familie, zu den Ersten, welche eine helfende Hand auSstreckten, um ihr Unglück zu mildern. Aber nicht nur wahrend des ersten AufflackernS des Enthusiasmus lieh Sir Francis Goldsmid dieser Gesellschaft seinen mildthärigen und mächtigen Beistand. Er blieb bis zuletzt derselbe eifrige politische Bertheidiger der polnischen Sache, derselbe großmüthige Freund der Polen. Und noch ganz jüngst, als während des russisch-türkischen Krieges die Berhältniffe die Gesellschaft eines ihrer Hauptmilglieder und Unterstützer beraubten, ersetzte Sir Francis Goldsmid, als er dies erfuhr, diesen Ausfall, indem er seine übliche Gabe verdreifachte. Aber nicht nur der Gesellschaft allein bewies er seine Sympathie mit den Leiden der Verbannten. Mehrere erhielten von ihm privat freigebige Unterstützung in Augenblicken unvorhergesehener Bedrängniß und dringender Noth, und er gab mit einem Zartgefühl und liebenswürdiger Freundlichkeit, die seine Gaben doppelt annehmbar machten. Und obgleich die meisten von jenen, welche er so großmüthig unterstützte, schon vor ihm dahingegangen sind, bleiben roch noch Viele, die seinen Verlust betrauern «ad sein Andenken ehren. Ich habe die Ehre rc. gez. CHS. SzulczewSki, Secretar. Türkei. Covstautinopel, 12. Mai. (Privatmitth.) Die Pforte hat auf Befehl des Sultans Vorschläge zur Reform der Verwaltung in den der Türkei verbliebenen Provinzen ausarbeiten lasten. In denselben ist überall der Grundsatz der Gleichberechttgung aller Nationalitäten und Religionen als Osmanen bewahrt worben. Demungeachtet haben wir nach dem, was von den ausgearbeiteten Anträgen in die Oeffentlichkeit gelangt, einige Zweifel, ob man auf dem rechten Wege sei. Es wird überall bei den Wahlen der Behörden der Majorität der Bevölkerung, ohne Bevorzugung einer Elaste, das volle Recht eingeräumt. Dies wäre nun, wo die Bevölkerung im Ganzen eine homogene Maste bildet, vollkommen richtig. In der Türkei aber, wo jetzt die Staatsregierung aufgeklärt, die Bolksmaste jedoch, namentlich außerhalb Stambuls, in verschiedene, größtentheils einander gehässige Elemente zerfällt, wird dieses Princip zu schweren Bedrückungen der Minoritäten Gelegenheit geben. Vielmehr wäre es nothwendig, daß auch den Minoritäten eine Vertretung im Schooße der Berwaltungs- und richterlichen Behörden gewährt werbe, um im Nothfalle ihre Beschwerden geltend zu machen oder den Unzukömmlichkeiten vorzubeugen. Sollten die Reformvorschläge noch in einem europäischen Congreffe zur Verhandlung kommen, so wäre es nothwendig, daß dieser Grundsatz in's Auge gefaßt werde. Einseitig wäre es aber dann, wenn man nur an Mohammedanern und Christen dächte. Denn von den letzteren stehen sich die Slaven und Griechen ebenso feindselig wie den Mohammedanern gegenüber. Auf diesem Wege kann es dann auch gelingen, der jüdischen Bevölkerung ihr Recht zu wahren.

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