Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1878)
- Date
- 1878-06-04
- Page
- Seite 361 (sequence 9)
- Language
- German
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361 fluffe der hohen Pforte zu lösenden Gebiete auch auf die Regelung der staatsbürgerlichen Verhältnisse der israelitischen Bewohner dieser Länder Veracht zu nehmen/' Der Bericht bemerkt nicht, baß Graf Andrafsy auf diese Denkschrift eine Antwort erlheilt hat oder irgenv eine Zusicherung von ihm erfolgte, während dies doch von dem deutschen, englischen, französischen und italienischen Ministerium notorisch ist. — Auch in einzelnen Fallen trat die Allianz für unschuldig bedrängte Persönlichkeiten ein. Was die Wiener Allianz von den gleichen Vereinen in Paris und London unterscheidet, ist, daß sie auch für die inländischen Glaubensgenossen wirksam zu sein sich bestrebt, und namentlich ziemlich beträchtliche Subventionen kleineren österreichischen Cultusgemeinden zur Erhaltung ihrer Schulanstalten, besonders für den Religionsunterricht zukommen laßt, was wir ihr zur Ehre und als einen Vorzug anrechnen. Auch wurden ziemliche Summen zur Unterstützung literarischer Arbeiten aufgewendet. Der Bericht schließt: „Die Natur der Aufgaben eines Vereines, wie der unsrige, bringt es mit sich, daß die Resultate seines Wirkens nicht so sichtlich zu Tage treten können, als bei anderen Vereinen. Diese Thätigkeit muß in den weitaus meisten Fällen eine stille, ruhige, aber desto intensivere sein, und wir constatiren mit Genuzthuung, daß wir uns schon nach so kurzem Bestände der wohlwollendsten Beachtung an maßgebender Stelle zu erfreuen haben. Wir sehen den ausgestreuten Samen bereits sprießen und hoffentlich werden wir nicht lange auf reife Früchte zu warten haben. Hierzu bedarf es der Ruhe und Besonnenheit, nicht aber des lärmenden Wirkens, hierzu bedürsen wir vor Allem Ihrer Mitwirkung, meine Herren, einer stets wachsenden Zahl treuer eistiger und opferwilliger Bereinsgenoffen. Nehmen Sie unsererseits die Gewißheit, daß wir es auch ferner an eifrigem Bemühen zum Wohle unserer Glaubensgenoffen nicht werden fehlen lassen." In meinen Berichten über hiesige Wohlthätigkeitsanstalten habe ich immer hervorzuheben, daß dieselben, wenn auch ihre Thätigkeit sich nicht auf Wien beschrankt, sondern auch auf die Provinzen des Kaiserstaates sich erstreckt, sie doch von unseren Glaubensgenossen in diesen Provinzen fast gar keine Unterstützung erhalten. Dies ist nun bei der Wiener Allianz nicht der Fall, sondern im Verzeichniß ihrer Mitglieder finden wir Männer aus allen Theilen des Kaiserstaates. Jndeß ist dies noch eines bedeutenden WachsthumS fähig, und man sollte voraussetzen, daß sich ebenso viel Tausende von Mitgliedern finden sollten, wie deren gegenwärtig Hunderte sind — wenn nicht zahllose Menschen den guten Handlungen Anderer ihren Beifall gäben, selbst aber nichts thun. Wir wollen hoffen, daß die Allianz ihrem Verdienste nach an Zahl ihrer Anhänger zunehmen und dadurch noch reichlichere Mittel zur Förderung ihrer hohen Zwecke erlangen werde. Freilich müßte sie zu diesem Ende mehr Geräusch von ihrem Streben und Thun machen, was ähnliche Vereine besser zu verstehen scheinen. Belgien. Brüssel, 20. Mai. (Privatmitth.) Im Abgeordnetenhause hielt der frühere liberale Minister Herr Fröre Orban eine gemäßigte. wahrhaft liberale Rede, und hat dadurch erwiesen, daß die in unserer jüngsten Correspondevz ausgesprochene Ansicht, nach welcher in Belgien eine innere Spaltung des älteren und des jüngeren Liberalismus vorsichgegangen. die richtige sei. Diese beiden unterscheiden sich dadurch, daß der ältere den confessionellen Corporationen gegenüber nur dann entgegentritt, wenn sie in politische Angelegenheiten sich eindrangen und diese beherrschen wollen, wogegen die Partei Bara, Anspach, Jauson :c. gegen alle Confessionen und alles Confessionelle den Krieg bis auf'S Messer führen und die allein seligmachende „lil>re peusce“ für jeden Liberalen obligatorisch machen wollen, und diese ihre radikalen Ideen als absolutes Recht aufftellen. Diese Partei ist durch den Eintritt Jouson's im vorigen Jahre sehr gestärkt worden. Bara und Anspach selbst widerstrebten seiner Wahl; aber im letzten Augenblick, da ihnen gedroht wurde, daß die Brüsseler sie im nächsten Jahre nicht wieder wählen würden, befürworteten sie seine Wahl. Aber ebenso wahr ist es. daß die letzteren dem Liberalismus großen Schaden thun. Es ist möglich, daß sie durch ihr despotisches Auftreten die Wahlen einiger Bezirke diesmal noch beherrschen werden, weil sie die Wähler vor die Alternative stellen, entweder nach ihrem Willen, oder mit den Ultramontanen zu wählen. Allein lange kann dieser Zustand nicht dauern, und charaktervolle Männer werden sich ihrer Herrschsucht entziehen. Wehe, wenn Belgien ganz in die Hände der Ultramontanen fiele — aber ebenso wehe ihm, wenn diese Radicalen, die an die französischen Terroristen erinnern, die Herrschaft erlangten'. Denn, wie die Erfahrung gelehrt, keine revolutionäre Partei kann still stehen; sie würden sich gewaltthätig gegen alle kirchlichen Einrichtungen wenden, und dies würde schließlich zum Bürgerkriege und zur Reaclion führen. Das Nächste wäre die Beseitigung res ganzen Culmsetats, ein Schlag, den die jüdischen Gemeinden am leichtesten ertragen würden, welche die 12,000 Frcs. auch noch auftreiben könnten. Jndeß so weit ist es doch glücklicher Weise noch lange nicht. Als charakteristisch kann ich heute berichten, daß der Bürgermeister von Antwerpen de Wael, ein sehr liberaler und als solcher wohl geachteter Mann, den jüdischen Gottesacker nicht allein belassen, sondern sogar nm eine bedeutende Parcelle vergrößert hak. Man sieht, die Auslegung des Gesetzes findet hier in jedem Bezirk anders statt, was rer Willkür ziemlich nahe kommt. Am 11. Juni finden für die Hälfte res Abgeordnetenhauses Neuwahlen statt, und allenthalben werden die größten Anstrengungen gemacht, da es bekanntlich sich nur um einige wenige Stimmen Mehrheit zwischen beiden Parteien handelt. Großbritannien. London, 18. Mai. Am letzten Freitag richtete Herr Saul Jsaac im Hause der Gemeinen an den Handelsminister die Frage, 23