Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1878)
- Date
- 1878-06-04
- Page
- Seite 360 (sequence 8)
- Language
- German
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360 sprach sowohl in der Leichenhalle wie am Grabe die üblichen deutschen Gebete. Die Aufregung gegen daS Verfahren des Vorstandes und des Predigers war bei einzelnen Gemeindemitgliedern groß, doch haben sich Viele dadurch, daß man sie eines Bessern belehrte, schon wieder beruhigt, und wir hoffen, daß bald wieder gänzlich Friede und Ruhe in unsere sonst friedfertige und mustergültige Gemeinde einziehen und daß daS Austrittsgesetz hier keine Anwendung und ein Separatistenrabbiner hier keinen Wirkungskreis finden wird. — Für vie jüdischen Schüler des hiesigen Gymnasiums und die Schülerinnen der hiesigen höheren Töchterschule ist vom Prediger Grunwalv ein Schülergottesdienst am Sabbathnachmittag eingerichtet worden. Das Gebetbuch der Berliner Reformgemeinde wird vorläufig dazu benutzt. Herr B. Holländer und Herr Prediger Grunwalv gedenken in kurzer Zeit ein eigenes für diesen Gottesdienst verfaßtes Gebetbuch herauszugeben. An diesem Gottesdienst betheiligeu sich sämmtliche Schüler und Schülerinnen und auch viele Erwachsene. Oesterreich-Ungarn. Wien, im Mai. (Privatmitth.) Wir haben bereits in voriger Nummer über die Gebahrung der „Israelitischen Allianz zu Wien" aus dem Jahre 1877 berichtet. Jetzt liegt uns der fünfte Jahresbericht, erstattet vom Präsidenten des Vereins, Herrn Joseph Ritter von Wertheimer, vor, und entnehmen wir noch Einiges aus der trefflich abgefaßten Schrift. Bekannt ist, wie sich die Wiener Allianz der Israeliten in Darabani angenommen und sie noch jetzt in der Führung ihres Proceffes mit Geldmitteln unterstützt. Der Bericht fährt dann fort: „Kaum aber hatte das Ereigniß von Darabani aufgehört seine Wellen zu schlagen, als schon das Kriegselenv begann, sich allenthalben in den betroffenen Ländern, und zwar besonders unter unseren Glaubensgenossen fühlbar zu machen. Der für die Befteiung der Christen unternommene Krieg wurde in dem befreiten Bulgarien zum religiösen oder vielmehr socialen Kampfe wider unsere Glaubensgenossen. Von verschiedenen Seiten traten Hilferufe an uns heran. Man wird es jedoch begreiflich finden, daß wir anfänglich Bedenken trugen, die Hilfeleistung für die anscheinend nur durch den Krieg Verunglückten in unseren Wirkungskreis einzubeziehen. Unser Statut spricht es präcise aus, daß nur „da, wo Israeliten noch als solche zu leiden haben, ihnen eine wirksame Stütze zu bieten" sei. Dieser Fall schien uns damals angesichts der allgemeinen Noth nicht gegeben zu sein. Dennoch bewog uns schließlich das Beispiel der auf gleichem Princip bestehenden Pariser Alliance, wie auch die Erwägung, daß vie Juden in den vom Kriege heimgesuchten Ländern in der minder günstigen Situation waren, als die christliche und mohammedanische Bevölkerung, die sich ja beiderseits der Protection einer der kriegführenden Mächte erfteute, wie endlich die vielfach geäußerten Wünsche hervorragender Vereinsmitglieder von unserem ersten Beschlüsse abzugehen." „Bald sollte sich zeige», wie wohkgethan es war, in die Action zu treten. Die Blutgier, mit welcher die Bulgaren beim ersten Vordringen der Russen über den Balkan über die Glaubensgenossen in Kasanlik herfielen, zeigte es als nur zu wahr, daß die Juden dieses Landes nicht bloß wie die anderen Bewohner dem Kriegsunglück ausgesetzt waren, sondern daß sie als Juden auch der Barbarei ihrer bisher geknechteten Mitbürger preisgegeben waren. Der historische Trauermonat Ab brachte den jüdischen Einwohnern von Kasanlik die Größe des einstigen nationalen Unglückes zur unmittelbaren Anschauung und Empfindung. Welche Grausamkeiten daselbst begangen wurden, wie jede menschliche Regung unter diesen Wilden erstorben war, wie viele Personen ihr Leben, wie Viele ihr Hab' und Gut verloren, dies zu schildern ist nicht unsere Aufgabe. Die Geschichte wird es als ein düsteres Blatt dem Buche dieses Jahrhunderts einreihen. Jedoch wird man eine Vorstellung von den Schreckensscenen gewinnen, wenn man bedenkt, daß die dem Tode nicht Anheimgefallenen in wilder Haft nach allen Richtungen auseinanderstoben, daß Väter, sogar Mütter von ihren Kindern gerissen, Geschwister getrennt wurden, ohne daß die Einen vom Schicksale der Anderen wußten. Ein Theil flüchtete nach Adrianopel, ein anderer nach Schipka, wo sie sich unter den Schutz der Russen begaben, und unter unsäglichen Leiden im September v. I. nach Bukarest gelangten. Da ein dauernder Aufenthalt in Rumänien aus mannigfachen Ursachen unmöglich war, so trat an uns die Aufgabe heran, sie wieder in die schmerzlich ersehnte Heimath zurückzuführen." Auch in dieser Zeitung wurde seiner Zeit ausführlich über die, in der That vollständige Lösung dieser Aufgabe, eine so große Anzahl aller Mittel beraubter Flüchtlinge einen so weiten Weg, wie von Bukarest nach Ungarn über Trieft nach Konstantinopel, überzuführen, welche der Allianz gelungen ist, berichtet. Der Dank aller Menschenfteunde ist dafür dem Vereine gewiß. Außer dieser kostspieligen Expedition von 350 Flüchtlingen, sandte die Wiener Allianz noch 17,000 Francs für die nothleideuden Glaubensgenossen nach Konstantinopel. Ferner heißt es: „Was speciell Rumänien betrifft, so war es dem Präsidium vergönnt, im Sommer des vergangenen Jahres in zwei Besprechungen mit dem Minister Cogalniceanu, welche mehrere Stunden dauerten, die Wünsche eindringlich nahezulegen, welche die Israelitische Allianz im Interesse der Gleichberechtigung der Israeliten Rumäniens hegt, und alle Einwendungen von seiner Seite zu entkräften. Wir glauben uns zu der Annahme berechtigt, daß diese Besprechungen von einiger Wirkung auf den Minister gewesen sein dürften, der nicht schieb, ohne uns eine vorläufig theilweise Emancipation in nicht ferner Zeit erhoffen zu lassen." In der Aussicht auf den europäischen Congreß richtete die Allianz eine Denkschrift an den Grafen Andrassy, worin sie ihn anging: „bei der bevorstehenden Erwägung der künftigen polii tischen Stellung der Donaufürstenthümer und der von dem Ein-