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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-06-04 · Heft 23 (4.6.1878) · p. Seite 355

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 23 (4.6.1878)
Date
1878-06-04
Page
Seite 355 (sequence 3)
Language
German
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355 Kampfe zwischen beiden Parteien immerhin zur Stärkung gereichte. Sicherlich gehörte auch damals Charakterfestigkeit dazu, jenem Zuge der Zeit zum Unglauben, der bei den herrschenden Nationen, unter Lenen die jüdische» Weisen wie vereinzelt standen, so überwältigenden Rückhalt fand, männlich entgegenzutreten, niemals feige zurückzuweichen und in Stillschweigen sich zu hüllen. — Rabbi Josua, der die Freundschaft so hoch gehalten, würdigt das Heil, bas dem Menschen aus den sittlichen Tugenden ersprießt, indem er negativ es so ausdrückt: „Mißgunst, böse Begierde und Menschenhaß bringen den Menschen von der Welt", d. h. verderben seine Seele und verkürzen durch ihren schädlichen Einfluß die Lebenstage. Rabbi Jose, der den guten Nachbar gepriesen, sagte: „das Vermögen deines Nächsten sei dir so theuer wie das deinige; bemühe dich, Thora zu erlernen, denn durch Erbschaft erlangt man sie nicht, und alle deine Handlungen vollbringe mir dem Aufblick zu Gott," mit dem Bewußtsein des göttlichen Willens und um deffentwillen (a-*»® meV). Mit diesem Ausspruch faßte also der treffliche Gelehrte den bürgerlichen Verkehr, die intellectuelle Ausbildung und die höchste Sittlichkeit in der Liebe zu Gott zusammen, in deren harmonischer Verbindung die Vollendung der Menschennatur beruht. R. Simeon endlich empfiehlt die wahre Andacht beim Gebet unv aus diesem keine bestimmte Uebung zu machen (sap), „und, fügt er hinzu, halte dich nicht selbst für verworfen". Wir erkennen in diesem Ausspruche den Gegensatz zu jener, besonders im Christenthume bald auf's Stärkste hervorgetretenen Richtung, sich für ein verderbtes und der Sünde anheimzefallenes Wesen anzusehen und sich hieraus durch die stärkste Askese zu retten. Bor dem Eindringen dieser verderblichen Anschauung, welche einerseits jede gesunde Entwickelung im Organismus des Menschengeistes verhindert, andrerseits an die Stelle der innerlichen Buße einen äußerlichen Formalismus bringt, will R. Simeon das Judenthum schützen. — Fügen wir, um den ethischen Jdeenkreis dieser Männer zu vervollständigen, den Kernspruch des ihnen nahestehenden R. Tarphon hinzu. R. Tarphon war ein heftiger, entschiedener Charakter, der z. B. auch aus der Consequenz der angenommenen Vorsichtsmaßregeln gegen die Anwendung der Todesstrafe sich erklärte. Er giebt in einem bündigen und zutreffenden Ausspruch eine klare und sinnige Anschauung von dem Leben und der Arbeit des Menschen, indem er sagt: „Der Tag ist kurz, der Arbeit viel, die Arbeiter sind träge, der Lohn ist groß unv der Herr des Hauses treibt an". Und hierzu: „Nicht dir liegt es ob, die Arbeit abzuschließen, und ebenso wenig steht es dir frei, von ihr abzulaffen." Die in der Menschennatur begründete Lässigkeit im Gegensatz zu den vielen Triebfedern zur Arbeit, die Gott in die geistige und materielle Natur des Menschen gelegt hat, und die durch die Umstände und Verhältniffe stets vermehrt werden; die nie rastende Aufgabe, welche in der Kürze des Lebens nicht gelöst werden kann; endlich die Stellung des Menschen, deffen Werk stets Bruchstück bleibt, der weder abschließen, noch sich freimachen kann. da schließlich die Menschenarbeit von Geschlecht auf Geschlecht sich vererbt — all' dies, worüber dickleibige Abhandlungen geschrieben werden können und geschrieben worden, ist hier in kurzen und doch verhält» ißmäßig erschöpfenden Sätzen ausgesprochen. Der basp unruhige, bald lässige, bald siegesgewiffe, bald verzweifelnde Geist findet hier feinen Anhalt und feine Beruhigung, sobald er sie sucht. Es schien jedoch R. Tarphon rathsam, den kleinen Zwischensatz „der Lohn ist groß" noch weiter zu erläutern, und er fährt fort: „Hast du viel Thora gelernt, so erhallst du viel Lohn, und der Herr deiner Arbeit ist beglaubigt, daß er dir den Lohn deines Wirkens zahlt, wisse jedoch, daß die Belohnung der Gerechten erst in der zukünftigen Welt geschieht". Der Schluß dieser Gedankenreihe ist also die Vergeltungslehre, hier jedoch bereits durch die trostreiche Verweisung auf das Jenseits vervollständigt. — Blicken wir noch einmal auf den Anfang dieses Artikels zurück. Daß die talmudische Richtung dem Drange des jüdischen Stammes nach Freiheit und Selbstständigkeit an sich nicht etwa feindlich gesinnt war, geht daraus hervor, daß kurze Zeit darauf einer der genialsten unv bahnbrechendsten Gesetzeslehrer, R. Akiba. den thärigsten Antheil an dem Aufstande des Bar Kochba nahm und deffen Folgen zum Opfer fiel. Gestehen wir nun zu, daß die Erscheinung, wie bei den Weisen jener großen Unglückszeit auch nicht der schwächste Laut schmerzlichen Mitgefühls an dem selbsterlebten Unglück des Volkes durchdrang und in ihren Wahrsprüchen zum Ausdruck kam, immerhin auf einen Mangel an GeifteSschwung und intensivem Gefühle hinweift: so gewann uns doch der ethische Jdeenkreis und der Charakter jener Männer zu viel Achtung ab, um nicht eine andere Motivirung vorausetzen zu müffen. Diese konnte aber nur darin bestehen, daß sich das eigentliche jüdische Geistesleben bereits seit längerer Zeit von der nationalen Existenz losgelöst und sich eigenthümlich und selbstständig aufgebaut hatte. Die große Maffe, die sich in allen Ländern in zahl- und volksreichen Colonien angesievelt hatte, sowie der Verfall des Tempelcultus, der mit dem Geistesleben nur noch in geringer Beziehung stand, so daß z. B. die Restauration des Tempels dem verhaßten Herodes überlasten worden, hatten bewirkt, daß die Existenz sowohl des JuventhumS als deS jüdischen Stammes nicht mehr an Palästina und Jerusalem gebunden erschien. Mit dem Beginne des Kampfes in und um Palästina mußte daher, und zwar in den Gefetzeslehrern am meisten, die Sorge erstehen wie bei dem vorauszusehenden schlimmen Ausgang das Judenthum, der traditionelle theologische Aufbau deffelben zu reiten sei. In diesen letzteren concentrirte sich die Geisteswelt der Gesetzeslehrer, ihre Thätigkeit, ihre Anstrengung, ihr Ideal, und in der Sicherung deffelben sahen sie, bei allem Mitgefühl für die Verluste so großer Güter, doch von jedem Ausdruck deffelben ab, um nicht in ihren Jüngern und Anhängern durch den immer wiederholten Hinblick auf die blutgetränkte Trümmerstätte Zweifel und Erschlaffung hervorzurufen. Vielmehr wandten 23*

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